Calico Review | Sammelfieber im Katzencafé

In Calico eröffne ich in einem pittoresken Ort, in dem sich sogar Vögel und Bären tummeln, ein Katzencafé.

Katzencafés stammen aus dem asiatischen Raum. 1998 eröffnete in Taiwan das erste, in dem die Besucher sich an den Fellknäueln erfreuen konnten. Richtig bekannt wurden allerdings die japanischen Pendants, wie das Cat Café Mocha in Tokios Harajuku Bezirk, in dem sich 20 verschiedene Rassekatzen aufhalten. Seit den 2010er Jahren kommen wir auch im deutschsprachigen Raum in den Genuss von Katzencafés, denn das ruhige Ambiente mit den tierlichen Bewohnern vereinnahmt viele Besucher_innen sofort. Auch ich war schon im Katzencafé, weshalb ich mir von Calico einiges erhofft hatte.

Hineingeworfen in eine Parallelwelt

Sobald ich Calico starte, werde ich in eine malerische Comicwelt transportiert, in der ich meine Sorgen vergesse. Blühende Bäume, sich sanft wiegendes Gras und ein verschlafenes Dorf, das sich an die Hügel schmiegt. Die Bürgermeisterin informiert mich darüber, dass ich hierhergezogen bin, um das Katzencafé zu übernehmen. Das lasse ich mir nicht zwei Mal sagen! Am liebsten würde ich sofort loslegen, doch zuerst werden mir einige Grundlagen erklärt. Das Tutorial und die Spielmechaniken sind nicht besonders intuitiv und das User Interface könnte komfortabler sein, aber darüber sehe ich geflissentlich hinweg, denn ich will endlich mein Katzencafé eröffnen! Doch vorerst schickt mich die sympathische Bürgermeisterin in den Ort, damit ich mich vorstelle und dabei ein paar Aufgaben für die Stadtbewohnerinnen erledige.

Schnell fällt mir dabei auf, dass die Bevölkerung ausschließlich aus Frauen besteht. Soso, ein Safe Space für alle Kätzchenliebhaberinnen also. Aber meine Räumlichkeiten haben immer noch nicht geöffnet, was mich langsam nervt. Dafür laufen mir langsam die ersten Tiere über den Weg und ich bin überrascht von der Vielfalt. Neben Hauskatzen kann ich auch Häschen, Krähen und rote Pandas in meinen Haushalt holen. Mithilfe der örtlichen Hexe braue ich sogar einen Zaubertrank, der meine Katze zu einem riesigen Reittier macht. Mit dem durchbreche ich eine abgegangene Lawine, um ins nächste Gebiet vorzudringen, wo ich Eisbären und Rehe für mich gewinne. Aber wartet mal, nächstes Gebiet? Was ist mit meinem Café?

Sammelwahn und Ernüchterung

Bald fällt bei mir der Groschen: Ich habe Calico falsch eingeschätzt. Hierbei handelt es sich kaum um eine Simulation, in der ich mein gemütliches Café manage und mich um die Besucherinnen kümmere. Zwar muss ich für einige Aufgaben bestimmte Möbel umdekorieren oder Snacks backen, doch im Mittelpunkt steht das Café nie. Kundinnen suche ich vergeblich, stattdessen dient das Kaffeehaus als eine Art Hauptquartier, in dem sich meine gesammelten Tierfreunde aufhalten. Wo ich die Quests der Dorfbevölkerung anfangs für kleine Nebenaufgaben gehalten hatte, merke ich nun, dass diese neben der Tiersammlung das Hauptprinzip des Gameplays darstellen. So reite ich auf meinem Eisbären durch die Berge und Wälder, bis ich das nächste Gebiet freischalte, in dem ich wieder neue Erledigungen abstaube. Zwar freue ich mich immer über neue Teammitglieder, da die süßen Knuffeltiere das Highlight des Abenteuers in Calico sind, aber nach einer Zeit wird mir das zu fad.

Nun, da sich die Ernüchterung über die repetitiven Gameplay Schleifen breitmacht, kommen auch die anderen Makel der technischen Umsetzung zum Vorschein, die ich vorher noch ausblenden konnte. Aber da ich noch nicht alle Gebiete durchkämmt habe und noch viele Tiere in der Sammlung fehlen, die ich mit einer praktischen Liste verwalten kann, besteige ich meine gigantische Glückskatze und trabe weiter ins nächste Tal. Wenn es mir doch zu eintönig wird, lege ich eine kurze Pause ein und hole meine Katzenangel raus, um mit den Lieblingen zu spielen. Damit die Katzengefährtin von der Wanderung nicht zu müde wird, laufe ich mit ihr im Arm durch die Gegend und sehe zu, wie ihre Fellplautze lustig hin und her wabbelt. Wenn mir meine Cafébesitzerin zu eintönig erscheint, besorge ich mir einen Zaubertrank, der die Haarfarbe in ein fetziges Pink ändert.

Calico ist keine Simulation eines Katzencafés, aber entspricht einem Besuch im Katzencafé

Wurden meine Erwartungen erfüllt? Nein, doch das ist wahrscheinlich meine Schuld. Calico schafft es dennoch, dass ich abschalte und mich auf die bunte und heimelige Spielwelt einlasse. Ich fühle mich, als wäre ich Gast in meinem eigenen Café, welches im Spiel so ganz und gar nicht im Mittelpunkt steht. Ich erfreue mich an Tieren und entfliehe meinen alltäglichen Sorgen und Verpflichtungen. Dieses verspielte Sammeladventure ist bei weitem nicht perfekt, bietet mir aber eine Nische, von der ich nicht wusste, dass ich sie brauchen könnte. Schade nur, dass die Aufgaben nach einiger Zeit in Arbeit ausarten. Mehr oder weniger motiviert hake ich sie ab, um nach frischen Tieren suchen zu dürfen. Doch das vergnügte Quietschen meines roten Pandas beim Streicheln ist mir jede MMO-artige Sammelquest wert.

Bei Calico handelt es sich keinesfalls nur um ein Managementspiel, in dem ihr ein Café leitet. Stattdessen reist ihr durch friedliche Welten und schließt Freundschaften. Das Ganze kommt ohne jegliche Gewalt oder sonstige Valenz aus, wodurch sich Calico als perfekter Eskapismus für ein paar Stunden entpuppt. Ich kann mir kaum vorstellen, dass jemand nicht verzückt wäre von den drolligen Gefährten, die benannt, gekuschelt, geritten und umsorgt werden können. Gemischte Gefühle haben mich also auf meinem Weg durch diese fiktionale Welt begleitet, die sich gleichzeitig fremdartig und vertraut anfühlt. Calico hat sicher seine Schwächen und hat mich an mancher Stelle geärgert. Doch die putzigen Kerlchen, die ich ins Herz geschlossen habe, überwiegen im Endeffekt mit einem leicht positiven Gesamteindruck.

6/10 🐱

Developer: Peachy Keen Games
Publisher: Whitethorn Games
Genre: Management/Adventure
Team: Kelsey Ehrlich (Creative Director), Diego de la Rocha (Animator), Rob Fichman (Assets), Nicolas Plum (Sound Design), Isaac James Garrett (Artist), Andrew (Technical Director/Programming)
Musik: John Hamilton Smith V, Emily Anderson, Emi Evans
Veröffentlichung: 15. Dezember 2020 (Steam, Epic Games Store, Xbox One, Switch)

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