Sam & Max Save the World Remastered Review | Edelrestauration

Einmal ordentlich drüber poliert. Sam & Max erhalten in Sam & Max Save the World Remastered kontur.

Die Erde ist rund. Das weiß der Mond und das wissen zumindest die meisten Menschen, die auf ihr leben. Dass sich aber auch immer wieder Developerstudios um ihre eigens erschaffenen Welten drehen, ist vielleicht nicht ganz so bekannt. Doch irgendwie zieht es sie immer wieder zum eigentlichen Ausgangspunkt zurück, auch wenn sie gerade etwas Neues erschaffen. Als die ehemaligen LucasArts Mitarbeiter Kevin Bruner, Dan Connors und Troy Molander im Juli 2004 Telltale Games gründeten, nachdem sich der Videospielegigant aus dem Adventure-Geschäft zurückgezogen hatte, war eines ihrer ersten und bis dato erfolgreichsten Projekte eine Neuauflage von Sam & Max. Sie sicherten sich die Lizenzen für die Videospielumsetzungen der Steve Purcell Comics, um sie zwischen 2006 und 2007 in sechs Episoden digital zu vermarkten.

Als Telltale Games im Oktober 2018 Konkurs anmelden mussten, war es erneut Dan Connors – der Telltale Mitbegründer und ehemalige CEO der Adventureschmiede – der sich zusammen mit seinem neuen Team die Sam & Max Rechte abermals sicherte. Wieder einmal entstand mit Skunkape Games ein neues Developer Studio aus ehemaligen Telltale Mitarbeiter_innen (aus ehemaligen LucasArts Mitarbeitern) und wieder einmal ist es die Freelance Police aus Sam & Max, die ihnen beim Start unter die Arme greift. Ehemalige Telltale/LucasArts Menschen polieren eine ehemalige Telltale/LucasArts Lizenz. Übrigens nicht der einzige Fall, wenn wir ebenfalls Sam & Max: This Time it’s Virtual in Betracht ziehen. Aber dazu bestimmt an anderer Stelle mehr. Denn Skunkape Games sind nicht Happy Giant. So viel Zeit muss sein. Wir steigen jetzt aber besser mal in den frisch polierten Desoto, bevor wir uns noch weiter im dicht verwobenen Developernetz der Adventure-Spezialist_innen verheddern.

Sam & Max Save the World… again!

Denn die selbsternannte Freelance Police hat ganz andere Probleme. In der ganzen Stadt tauchen plötzlich hypnotisierte ehemalige Kinder-TV-Stars auf, die die Einwohner_innen der Stadt mit ihren absurden Handlungen zur Weißglut treiben. Doch schnell erkennt das ikonische Duo, dass es sich hier offenbar nicht um Einzelfälle handelt. Hey, guck an! Die sind wesentlich weiter als bei uns Polizei und Verfassungsschutz zusammen. Es gibt erkennbare Muster für eine tiefgehende Verschwörung, die den anzugtragenden Hund und das hyperaktive Kaninchen von den Straßen der Nachbarschaft, in Fernsehstudios, zur örtliche Mafia, über das Weiße Haus, durchs Internet bis auf den Mond führt. Ein Haufen Arbeit und skurrile Rätsel warten auf die freischaffende Polizei mit den etwas unkonventionellen Ermittlungsmethoden.

Sam & Max Save the World – oder wie es im episodischen Turnus noch hieß, Sam & Max Season 1 – war eines der ersten umfassend wahrgenommen Telltale-Projekte und das erste wirklich erfolgreiche Videospiel, das in Episoden erschien. Sowohl Kritiker-, als auch Publikumsliebling. Zudem war das erste Spiel, das auf Telltales eigener Engine, dem Telltale Tool lief. Es sollte das einzigartige Studio auf dem Weg in exzellente Storytelling-Sphären als lehrreiches Exempel zur Seite stehen. Alles was danach folge baute auf den Erfahrungen des Steve Purcell Comic Adventures auf. Doch das Original stammt aus einer Zeit, in der die technischen Limitierungen den Klassiker schon nach 13 Jahren recht alt aussehen und unzugänglich werden lassen. Zudem musste durch die damalige digitale Vermarktungsstrategie einiges an Informationen komprimiert werden, weswegen die beiden nicht mehr besonders frisch wirkten.

Hey, alles glänzt, so schön neu!

Hatten Skunkape Anfangs noch an ein einfaches Update gedacht, wurde im Laufe der Produktion schnell klar, Sam & Max brauchen ein Remaster. Der völlig absurde Plot sollte für die Nachwelt festgehalten und konserviert werden. Und zwar so, dass das klassische Point-and-Click Adventure für alle nicht nur spielbar wird, sondern auch angemessen comichaft glänzen sollte. Also wurde die Oberfläche des Spielsystems auf modernes Adventure Niveau gehoben, das sowohl per Maus, als auch mit Tastatur oder Controller sorglos gespielt werden kann. Zumindest in den meisten Szenen. Ich hatte beim Schusswaffengebrauch mit der langsamen Controllersteuerung so meine Probleme als ich Ratten am Arcade-Automaten abschießen sollte. In Zusammenarbeit mit dem Sam & Max Erschaffer Purcell wurden neue Charaktermodelle erschaffen, die mit ihren Outlines den Comic-Vorlagen viel näher kommen, als die ausgelutschten Mitte 2000er Versionen.

Das ehemalige 4:3 mit Pixellimitierung weicht einem angemessenen 16:9 Breitbild, das nicht nur erstmals ein größeres Farbspektrum abbildet, Schatten und Glanzpunkte wirft, sondern auch mehr von der Umgebung preisgibt. Es wurde neu animiert und geschauspielert wo es nötig war, im Intro gar neu Inszeniert, um aus den zerstückelten Episoden eine Einheit zu bilden. Außerdem durfte Jared Emerson-Johnson noch einmal mit ehemaligen Musiker_innen des Games zu Stift und Instrumenten greifen, um fünf neu komponierte Jazztracks einzuspielen, die die bereits vorhandenen aufwendig dekomprimierten und polierten Stücke musikalisch unterstützen. Sam & Max Save the World sieht vermutlich zum ersten Mal so aus, wie es all die damaligen Entwickler_innen gern gehabt hätten, aber aufgrund der technischen Einschränkungen Abstriche hinnehmen mussten. So viele Details, so viel Glanz, so viel Comicspirit. Ein wahrer Augenschmaus, der den Aufenthalt in der bekloppten Welt von Sam & Max nicht nur aufwertet, sondern liebenswert macht.  

Du kannst Sam & Max aus den 2000ern holen, aber die 2000er nicht aus Sam & Max  

Doch nicht nur der Fakt, das wenige Witze und Pointen gestrichen werden mussten, damit das Adventure dem Zeitgeist des Jahres 2020 gerecht wird, zeigt, dass Sam & Max Save the World einer anderen Epoche entstammt. Es ist vor allem das zwar clevere, aber dermaßen knifflige Rätselsystem, das Hund und Hase noch immer als veraltet entlarvt. Es sind die völlig absurden Zusammenhänge, die mir auch nachdem ich vor Jahren schon das Original gespielt habe, erneut Schweißperlen auf die Stirn zaubern. Denn die Rätsel, das ursprüngliche Gameplay, die Story, all das sollte eben konserviert werden. Es sollte bleiben wie es war. Und schon damals war es ein wirklicher Puzzlebrocken, der sich zwar mit seinen Einwirkungen der Geschichte als dienlich erweist, aber dermaßen an Absurdität besitzt, dass es außer den Entwickler_innen fast niemandem nachvollziehbar erscheint, wie denn nun gefordertes erreicht werden könnte.

Allein das Ausschalten der Ex-TV-Kinderstars hat mir so schlimme Kopfschmerzen bereitet, dass ich den einzigen Ausweg im Walkthrough sah. Sam & Max ist ein Zeuge seiner Zeit, der zum Teil damals aktuelle Entwicklungen humorvoll thematisiert und kommentiert, in all seinen Eigenheiten. Und genau darin liegt auch das Problem, dass manches heute einfach nicht mehr pointiert zündet. Und dennoch ist es charmant den Aktionen der Freelance Police folgen zu können. Mit einem kleinen nostalgischen Schmunzeln auf den Lippen. Lobenswert zudem, dass eben die wenigen Zeilen, die eventuell für Gruppen von Menschen anstoßend sein könnten, gleich entfernt wurden. Das ist weniger Zensur, als eben besonnene Einsicht, dass damals kein Bewusstsein für Bedürfnisse und Umstände von Menschen vorherrschte. Zudem betont Skunkape Games, dass es sich wirklich um kaum merkliche Veränderungen handelt, wenn nicht gerade das Original gleichzeitig läuft.

Good to have you back, little buddy!

Also keine Angst, die beiden sind genauso bekloppt wie du sie in Erinnerung hast. Mit all ihren veralteten Eigenheiten, den Max wegklatschern und den wirklich schrägen Charakteren. Ein restauriertes Stück Videospielgeschichte eben. Das unter genau diesem Gesichtspunkt auch erlebt werden sollte. Es kann dich lange beschäftigen, wenn du wirklich die Muße besitzt jede Idee der Entwickler_innen in mühsamer Kleinarbeit nachvollziehen zu wollen. Ich habe durch den Walkthrough auf meinem Schoß die Absurdität und die Cleverness im Writing erst so richtig genießen können. Eine Art Filter, der mir die vollkommene Fokussierung auf Story und Auswirkungen der Rätsel und Handlungen ermöglichte. Wie ein Bauplan zu einem komplizierten Lego-Baukasten oder einem verzwickten Schauspiel, das dich ohne Begleitheft verzweifeln lässt, aber in dieser Form seine wundervollen Eigenheiten offenbart, sein komplexes Wesen zeigt, dich aber nicht weiter fordert, womöglich sogar überfordert, weil du eben jetzt Bescheid weist.

Und genau das macht Sam & Max Save the World Remastered zu einem erlebbaren Meilenstein in der Adventure und Telltale Geschichte. Als Lehrstück für die Developer, die danach wesentlich entzerrter und punktgenauer erzählen konnten, aber auch rätseln ließen. Die mit dem neuerschaffenen Telltale Tool erst dessen Möglichkeiten erkundschafteten. Für das episodische Erzählen, das mit dem Ermittlerduo seine Wege in breitere Anerkennung fand. Aber auch für etwaige Rätselpassagen, die weniger komplex und fokussierter gar an Nachvollziehbarkeit gewinnen und der sich aufbrausenden Story helfend zur Hand gehen, anstatt nervend im Wege rumzustehen. All das wurde nun in eine charmante Verpackung gepackt, bei der du entscheiden kannst, wie du sie genießen, erfahren und aufnehmen willst. Die Tools dafür hat dir Skunkape in die Hände gelegt. Einen klassischen Point-and-Click Adventure Veteranen im feinen Zwirn und mit schroffem Herzen. Ich bin gespannt wohin Skunkapes Adventurereise nach der Arbeit an Sam & Max nun gehen wird.

8/10 🐶 🐰 🚓

Developer/Publisher: Skunkape Games
Genre: Point-and-Click Adventure
Team: Dan Connors, Randy Tudor, Jon Sgro, Jake Rodkin, Eric Parsons, Brett Rogstad, Tim Ingram, Emily Morganti, Shaun Finney, Doug Tabacco, Julian Kwasneski
Musik: Jared Emerson-Johnson
Veröffentlichung: 2. Dezember 2020 (Steam, GOG, Switch)

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