Nine Witches: Family Disruption Review | Ha Ha!

In Nine Witches: Family Disruption wollen die Nazis den Krieg mit übernatürlichen Kräften gewinnen. Ein Professor im Rollstuhl hält dagegen.

Humor ist eine besondere Art der Verarbeitung von Erlebnissen und Ereignissen. Er kommentiert Eigenarten, Unverständliches oder Abartiges, um vor allem Ventil und Spiegel zu sein. Zur Zeit des Dritten Reiches wusste nicht nur Charlie Chaplin den aktuellen Ereignissen eloquent entgegenzutreten, um vor allem den Charakter der Hitler-Reden und dessen Wahn ins satirisch rechte Licht zu rücken. Auch in Deutschland selber bahnten sich sogenannte „Flüsterwitze“ den Weg auf die Straßen und kommentierten eifrig Geschehnisse und Hauptfiguren der Führungsriege. Doch wurden Witze wie zu Hitlers Mein Kampf – „dass es nur noch auf der Kleiderkarte erhältlich ist, da es zu den Spinnstoffen gehört.“ – von Reichsunterstützer_innen oder der Gestapo gehört, musste mit Anzeigen, Verhaftungen und Verurteilung aufgrund eines Verstoßes gegen das Heimtückegesetz oder Wehrkraftszersetzung gerechnet werden.  

Bei all der Verachtung für die Täter ist es für den Humor vor solchen Gräueltaten jedoch ein schmaler Grat. Einen würdigen Umgangston in Hinblick auf die Opfer der Shoah zu finden scheint oft schwierig. Selbst Charlie Chaplin betrachtete im Nachhinein, gerade im Hinblick auf seine KZ-Szenen im Film Der große Diktator sein Werk und seine Herangehensweise absolut kritisch: „Hätte ich von den Schrecken in den deutschen Konzentrationslagern gewusst, ich hätte Der große Diktator nicht zustande bringen, hätte mich über den mörderischen Wahnsinn der Nazis nicht lustig machen können.“
Wie also den richtigen Ton finden? Das argentinische Team von Indiesruption geht den Weg des völlig Absurden – wie es Beispielsweise Inglorious Basterds erfolgreich getan hat – und scheint damit eine zeitgenössische Umsetzung gefunden zu haben.

Irgendwas ist anders in Nine Witches: Family Disruption

Der zweite Weltkrieg neigt sich dem Ende zu. Die Frontlinien in Ost und Westrichtung drücken die Reichswehr deutlich zurück. Da kommt es doch gerade gelegen, dass die Deutschen von der übernatürlichen Wirkung des kleinen Dorfes Sundäe in Norwegen gehört haben. Also schicken sie ihre Okkulte-55 genannte Spezialeinheit genau dorthin, um die Kräfte des Ortes auszunutzen und dem Krieg die entscheidende Wendung zu bringen. Doch die Rechnung haben sie offensichtlich ohne den paranormalen russischen Gelehrten Alexei Krakowitz und dessen japanischen Assistenten Akiro Kagasawa gemacht. Denn genau dieses so eingespielte Team wird nach Sundäe geschickt, um mit dem örtlichen Wiederstand die übernatürlichen Pläne der Nazis zu durchkreuzen. Ausgerechnet ein querschnittsgelähmter Professor im Rollstuhl und der geheimdienstgeschulte, Reizdarm geplagte Kollege aus Japan. Einem vermeintlichen Verbündeten der Nazis.

Das klassische Point-and-Click Nine Witches: Family Disruption schert sich nicht um historische Genauigkeit. Munter wird hier mit dem Zeitstrang des Zweiten Weltkrieges gespielt. Eine große Schaufel Übernatürlichkeit hineingeschüppt und alles im passenden Humorformat verpackt. Bei aller Absurdität bedeutet das jedoch nicht, dass die argentinischen Developer von Indisruption den Schrecken der Naziherrschaft und die Ereignisse des Krieges verherrlichen. Humor funktioniert dort, wo der nächste Schockmoment lauert. Der dir mal eben wieder bewusst macht, wo du dich denn bei all der Alternativität befindest. Gleich neben den ersten Punchlines wanderst du direkt auf einen Galgen zu, an dem ein Mensch mit einem Schild um den Hals hängt, das von seinem vermeintlichen Vergehen berichtet. Ambivalenz ist der Schlüssel, um sich immer wieder der eigentlichen Ereignisse bewusst sein zu können. Gerne hätte es davon noch ein wenig mehr geben dürfen.

RU$!MP?@EN DA%NK23R AR*B!!AIT!!!

Doch auch der Humor stolziert eloquent pointiert, manches Mal herumalbernd stets zielsicher über die verdammt gelungene Pixellandschaft hinweg. Dabei sind sich die meisten Charaktere in Nine Witches: Family Disruption zu jeder Zeit bewusst, dass sie sich gerade in einem Videospiel befinden. Und genau diesen so starken Bruch der 4. Wand habe ich in einem Spiel schon lange nicht mehr so grandios erlebt. Mal einen Witz in Richtung Programmierung oder Developer loszulassen ist das eine, aber auf einem derart konsequent hohen Level, wie das in Nine Witches durchweg zelebriert wird, ist das absolut einzigartig. Da bleiben Pointen aus, weil die Writer einfach keine Punchline gefunden haben. Da werden Witze mit Fanfaren und tosendem Gelächter unterlegt. Satan höchst persönlich bietet gleich an, den Schwierigkeitsgrad in Kampfhandlungen runterzufahren, wenn du denn deine Seele verkaufen willst. Immerhin bist du gerade in einem Graphic Adventure gestorben. Und ja, hier gibt es Kampfhandlungen. Vaarrrückt? Kein bisschen!

Und so werden weiter fröhlich Cutscenes kommentiert und Geschehnisse munter analysiert. Nine Witches: Family Disruption surft auf einer Metaebene des Kommentars zur Videospiellandschaft, in der sich Mechaniken verfestigt haben, die genauso erwartbar erscheinen wie der übliche Jumpscare in Horrorfilmen. Ja, sei hiermit gewarnt, es wird passieren. Die Frage ist nur wann! Indisruption zitieren nicht nur ständig aus der Popkultur, sondern haben sich ebenfalls an Charlie Chaplin orientiert, der den Wahn und das Streben nach noch mehr Macht auf die Spitze treibt und ad Absurdum führt. Genau aus dieser Inspiration rührt auch die Namensgebung der hohen Generäle und Führer, die allesamt stark deutsch klingende Namen wie Sauerkraut oder Dr. Handloser tragen. Und natürlich wird sich hier der fiktiven Sprache bedient, die aus den wild intonierten Sätzen Hitlers ein reines Kauderwelsch werden lässt. Hier wirst du dazu gezwungen entsprechende Ausrufe genauso zu lesen, wie du es phonetisch unter Hitler im Kopf abgespeichert hast.  

Warte mal klassisch?

Doch bei all seinem Humor findet Nine Witches tatsächlich zusätzlich eine adäquate Balance aus Rätselspaß und Storydrive. Kombinationsorgien mit Gegenständen im Inventar werden in diesem Adventure komplett ausgesperrt. Nur in seltenen Fällen gibt es Verkettungen von Gefallen, die sich unnötig in die Länge ziehen. Nahezu alles zu Lösende wurde mit dem Fortschreiten der Erzählung verknüpft und lässt dich so nur selten mit Fragezeichen über dem Kopf zurück. Zumeist kommt die Erleuchtung, wenn du noch einmal allem Gesehenen gedanklich nachgehst und das mit dem Ziel der Aufgabe auf Akiros Notitzblock und deinem Inventar abgleichst. Dabei entstehen ohne Frage skurrile Situationen, aber das in einem Maße, sodass es wirklich Freude bereitet dem bis zum Ergebnis zu folgen.

Als wäre das nicht nervige Rätselsystem für ein klassisches Point-and-Click Adventure nicht schon Erfolg genug, führt dieses Adventure eine wirklich spannende weitere Ebene ein. Denn während Assistent Akiro für die physischen Rätsel zuständig ist, besitzt der querschnittsgelähmte Krakowitz die Fähigkeit mit Menschen zu sprechen, die gestorben sind, ihren Weg ins Jenseits jedoch aus irgendeinem Grund noch nicht antreten konnten. In dieser übernatürlichen Form kann er Beispielsweise geheime Informationen aus Gesprächen abgreifen. Zudem ist es möglich durch geschlossene Türen zu gleiten, um verborgene Gegebenheiten auszuchecken oder im weiteren Verlauf sogar Menschen in ihrem Tun zu beeinflussen. Das führt in seiner Gesamtheit zu einem für dieses Genre innovativen Gameplay, das auf klassischen Punkten aufbaut, Schwächen ausmerzt und neue Aspekte hinzufügt. Und das alles bei einer wirklich kompakten Straffung der Geschichte, die auf unnötige Ausschweifungen verzichtet und somit die Spannungs- und Rätselkurve immer hoch hält.

Nine Witches: Family Disruption: So brillant und scharfzüngig war klassisches Point-and-Click lange nicht

Bei all der Lobpreisung haben wir jetzt noch nicht einmal über das wirklich wundervolle 8-Bit Pixeldesign von Bruno Ferrari gesprochen. In kalten, grün-/bläulichen Tönen passt es sich der Dunkelheit des Ortes, der Übernatürlichkeit und der übergreifenden düsteren Thematik schmiegsam an. Immer wieder reibe ich mir die Augen und frage mich, wie aus so einer grobpixeligen Suppe dermaßen detailreiche Bilder und Charaktere entstehen können. Dabei wechselt die Ansicht von einzelnen Szenen in 2D immer wieder zu einer Draufsicht, wenn du über die alles verbindende Karte läufst. Nine Witches nimmt sich Zeit für imposante Hintergründe und wahnwitzige Bauwerke. Und natürlich wissen die Macher_innen um ihr Können und betonen das auch bei jeder Gelegenheit in clever und knackig formulierten Zeilen. Eine Spur der Selbstsicherheit in Diego Cánepas Writing, das du dir in über 30 Jahren Medienbranche durchaus leisten kannst.

Da scheint es nahezu selbstverständlich, dass der mysteriöse Soundtrack des Fratanthunder in außerirdisch gute Bahnen gelenkt wird. Moment, sagte ich außerirdisch? Hm, wird schon seine Richtigkeit haben.
Nine Witches: Family Disruption findet den richtigen Ton im Umgang mit den vermutlich schrecklichsten Ereignissen unserer Weltgeschichte, führt den Zeitstrang und die Geschehnisse in eine Richtung, die Filme wie Operation Overlord noch platter aussehen lassen als sie ohnehin schon wirken. Doch bei all dem Ulk verlieren Indisruption nie den Blick auf die Gräueltaten. Sie führen dir immer wieder vor Augen, dass der historische Kontext alles andere als zum Lachen war, aber Lachen eine der Arten ist, wie wir lernen können damit umzugehen. Und das ist für ein so banales Point-and-Click Adventure doch ganz schön viel Meta.

9/10  👨‍🦽 👹 👽

Developer: Indisruption
Publisher: Blowfish Studios
Genre: Point-and-Click Adventure
Team: Diego Cánepa (Creator), Bruno Ferrari (Artist), Paplo Mamone (Guest Game Designer), Diego Misina (Initial Concepts)
Musik: Fratanthunder
Auszeichnungen: Best Video Game (Expo EVA 2019), Indie Game of the Year (Festival Europeen Du Fil Fantastique De Strasbourg 2018), Nominated Best Indie, Best Narrative (Indie Cade 2020)
Veröffentlichung: 4. Dezember 2020 (Steam, PS4, Xbox One, Switch)

Kommentar verfassen