Review

Road to Guangdong Review | Ein blendender Roadtrip

Es geht nichts über einen feinen Roadtrip wie in Road to Guangdong. Auto fahren, Landschaft genießen… aaah, Mixtape vergessen!

Roadtrips, der Inbegriff der Freiheit. Keine Verpflichtungen, keine Bindungen. Den Arm lässig aus dem Fenster und die Nase im Wind. Fahrtwind! Gefällt es dir nicht, steigst du einfach wieder ein und braust einem dir bekömmlicheren Ort entgegen. Hier geht es nicht ums ankommen, sondern um den zurückgelegten Weg. Unbekannte Landstriche genießen, neue Orte entdecken, die Magie der Entdeckung aufsaugen und Köstlichkeiten verspeisen. Autofahren des Autofahrens wegen. Nur du, deine liebsten Begleiter_innen, das Auto und deine Lieblingsmusik. Doch dann reißt dich der schwer atmende, qualmende Motor deiner rostigen Laube aus deinem Tagtraum. Du stehst auf dem Standstreifen am Westhofener Kreuz. Gestrandet zwischen immer gleichen Landstrichen auf schnurgeraden, kilometerlangen Autobahnabschnitten. Deine Tante dreht das Radio auf nervtötendes Gedudel. Schon wieder! Willkommen in der Realität.

Die besten Rezepte liegen auf der Road to Guangdong

Eigentlich hatte Sunny das hier nicht in ihr Leben eingeplant. Nach dem Tod ihrer Eltern ist sie die Erbin des etwas in die Jahre gekommenen Familienrestaurants. Doch was soll gerade sie als Kunststudentin damit? Zum Glück hat ihre plötzlich auftauchende Tante Guu Ma eine Idee wie sie die angestaubte Karte aufwerten und ausbleibende Gäste anlocken können. Ein Roadtrip soll es sein, um an die Geheimrezepte der Familie zu gelangen und so ein völlig eigenwilliges Restauranterlebnis kreieren zu können. Ob das die im Land verteilte Familie mit vor langer Zeit eingerissenen Beziehungen auch für eine gute Idee hält bleibt abzuwarten. Die alte Familienkutsche Sandy jedenfalls soll sie über die Straßen genau dorthin tragen. Doch so ganz fit scheint das charmante Gefährt nicht mehr zu sein. Ein Vorabcheck und liebevolle Behandlung sollen es richten. Da kann doch eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Solltest du jetzt angenommen haben, dass die alte eckige Sandy nach einem ausführlichen Vorabcheck schon gut am Ziel ankommen sollte, muss ich dich leider enttäuschen. Die  Bedürfnisse des Autos sollten in Road to Guangdong deine vollste Aufmerksamkeit erhalten, sonst überholen dich die Räder des alten Kübels schneller, als du deine Tante auf dem Beifahrersitz anstubsen kannst. Klar, jedes ältere Fahrzeug braucht erhöhte Alarmbereitschaft, aber was dieses gute Auto hier von dir fordert, ist mit alter Technik oder schlechter Materialqualität allein nicht mehr zu erklären. Sandy schafft ungefähr 60 (km/h?/mph?) Bevor es ihr auf Dauer zu heiß wird. Genau dann nimmt der enorme Verschleiß noch einmal deutlich zu. Reifen, Öl, Ölfilter, Keilriemen, Luftfilter und sogar der Motor brauchen nach ein paar Minuten Fahrt einen Check und spätestens beim zweiten Stop (also ein paar Minuten mehr) einen Tausch oder eine Reparatur. Sandy frisst nicht nur deinen Geldbeutel, sondern auch deine Nerven.

Der Weg ist das Ziel

Aber zum Glück hängen ja die schönsten Familienerinnerungen an ihrem Blechkleid. Halb so wild also. In den paar Stunden Spielerfahrung erzählt dir deine Tante sicher gerne (eher nicht so gerne) davon, auch zwei oder drei Mal dieselbe Geschichte (also eigentlich nur diese Geschichte), wenn sie denn nicht schläft oder wieder einmal den Radiosender auf ihr so geliebtes Gedudel umstellt. Ganze zwei Songs besitzt jeder Radiosender in Road to Guangdong. Blöd nur, dass du überhaupt nur zwischen zwei Radiosendern wählen kannst. Wobei wählen eigentlich auch nicht die passende Formulierung ist, wenn Tantchen ihre Hand schon wieder am Sendersuchlauf hat. Und so fahrt ihr durch die vielfältigen Landstriche Chinas, um an jeder Werkstatt, jedem Schrottplatz und auch zwischendrin anzuhalten. Sandy braucht halt dann und wann mal nen neuen Motor. Völlig verständlich. Komisch nur, dass das Getriebe, Auspuff, Bremsen oder die Achsen nie Probleme haben. Keep it Simple!

Road To Guangdong verbindet ungefähr alles was ich gerne mache. Auto fahren, Geschichten erleben und Essen. Dazu dieser wundervolle Low-Poly Look, in dem das Erlebte seinen Lauf nimmt. Malerische Szenerien aus reduzierten Konturen, polygonen Wölbungen, starken Farben und exakten Kontrasten. Das sieht auch unterwegs ganz ganz toll aus, nur haben es Just Add Oil Games verpasst Abwechslung und Vielfalt in ihren Roadtrip zu integrieren. Wenn ich durch ein riesiges Land wie China reise, braucht es für mein Unterwegs-Empfinden mehr als sich ständig wiederholende Baumlandschaften am Straßenrand und die immer gleichen Häuserfassaden. Wenn ich richtig gezählt habe, gibt es vermutlich genauso viel landschaftliche Abwechslung, wie Songs auf den Radiostationen. Da verwundert es wirklich nur noch wenig, wenn jede Werkstatt und jede Tankstelle erstens gleich aussehen und zweitens von dem immer gleichen Menschen bewirtet werden.

Endlich angekommen

Und so werden die Sektionen, die Road to Guangdong seine Freiheit, die Magie der Reise in einem alten Auto, inklusive des lieblichen Kümmerns, verleihen sollen, zu den anstrengendsten des Spiels. Kaum Abwechslung, kaum Interaktion mit deiner zauberhaften Beifahrerin. Nur repetitives Teile tauschen und eine Fahrt, die langweiliger und nerviger erscheint als die A40 zum Feierabend.
Zum Glück kommst du aber dann doch irgendwann an und kannst an den Geschichten und Erzählungen der zersplitterten Familie teilnehmen. An jeder der sechs Stationen wurde in die Visual Novelartigen Teile des Narratives eine Aufgabe platziert, die du durch verschiedene Konversationsmöglichkeiten lösen kannst, um an das so nötige Rezept zu gelangen. Thematisiert werden Risse im Band der Familie, verursacht durch längst vergangene Geschehnisse, Missverständnisse und Entfernung. Lebensentwürfe,  Adoption, frische Liebe im Alter und vieles mehr hätten in emotional geschriebenen Dialogen hervorgebracht werden können. Doch leider kratzen auch diese Parts nur an flüchtigen Oberflächen.

Familiäre Probleme werden oft durch ein zwei gut gemeinte Tipps und einen Gefallen beiseite geschoben. Just Add Oil Games erschaffen emotional schwerwiegende Thematiken, wissen aber oft nichts damit anzufangen. So bleibt Sunnys Familie blass und Guu Mas Verhältnis zu ihnen nur einen Klick davon entfernt flux geradegerückt zu werden. Konflikte werden zumeist nur kurz auf- und im nächsten Moment verworfen. Wie in der Situation, als Sunny kein Huhn töten will, weil sie Vegetarierin ist. „Wir brauchen das Huhn aber für das Rezept!“ Ja gut, das stimmt natürlich. Das Rezept! Hatte ich natürlich völlig vergessen. Zudem werden Gründe für bestehenbleibende familiäre Zerrissenheit ebenso fadenscheinig aufrechterhalten. Dafür reicht einfach der Gefallen, den du deinen Verwandten nicht in der Art erledigt hast, wie sie es für richtig hielten. Wenn die Autofahrt bis hier hin wenigstens eine Freude gewesen wäre, die sechs oberflächlichen Familienbegegnungen würden nicht so arg ins Gewicht fallen.

Road to Guangdong – Die schönste Straße der Belanglosigkeit

Lediglich Sunnys Beziehung zu Guu Ma erhält etwas Profil. Vermutlich, weil sie immerzu freundlich grinsend auf dem Beifahrersitz sitzt, mit ihrem leuchtend gelben Kleid Positivität ausstrahlt und in allen Situationen präsent ist. So entsteht zumindest eine tiefergehende Charakterisierung innerhalb des Plots. Potenzial, das in den detailliert anmutenden stilisierten Wohnzimmer, Dachterrassen und Bauernhöfen des Landes erzählerisch liegengelassen wurde. Genau wie eine tatsächliche Skizzierung der chinesischen Kultur. Bis auf vermutlich landestypisch klingende Rezepte, ein paar architektonische Kniffe und der Lieblingsmusik von Tante Guu Ma hätte Just Add Oil Games ihren Roadtrip auch Road to Wanne-Eickel nennen können. Lediglich die so sonnig, klare Atmosphäre hätte dich bei dieser Namensgebung zum Zweifeln gebracht. Ich kann die Liebe zum Autofahren, zur Fürsorge für alte Technik, zum Reisen, zum Essen und für Geschichten erkennen. Nur die Nebelscheinwerfer fehlen, um alle Stützen des Spiels zu durchleuchten.

Road to Guangdong vermittelt nicht das Gefühl eines faszinierenden Roadtrips entlang magischer Naturschönheiten und architektonischen Meisterwerken. Die Developer lassen dich zurück in einem zugegeben super schönem Einerlei aus Polygonmodellen. Was bleibt ist ein bis zum Rand gefülltes Fotoalbum des Roadtrips. Denn in Bildern festgehalten ist diese Symbiose aus Autofahrsimulator und Visual Novel eine Augenweide. Du darfst nur nicht anfangen zu vergleichen oder zu hinterfragen. Aber wer macht das auch schon bei Bildern von Roadtrips? Dem Ruf der Freiheit? Niemanden interessiert nachher, ob dein Auto drei Mal abgebrannt ist und die Tante den ganzen Weg genervt von deiner schnellen Fahrt mit 60km/h war. Niemand interessiert sich für Reparaturgeschichten und zähe Autobahnabschnitte. Was zählt sind die auf den Bildern festgehaltenen Inhalte, die wiederum ihre ganz eigenen Geschichten und Emotionen hervorrufen. Nicht die Realität. Blendende Bilder, die auch mich blendeten. Und ganz vielleicht habe ich Road to Guangdong jetzt erst verstanden.

5/10 🚗⛩️😴

Developer: Just Add Oil Games
Publisher: Excalibur Games
Genre: Narrative, Visual Novel, Autofahr-“Simulation”, Roadtrip
Veröffentlichung: 28. August 2020 (PC (nur physisch), PS4, Xbox One, Switch)

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