Review

Teenage Blob Review | Musik-Video-Spiel

Die Vorfreude auf den Abend des Jahres trägt dich durch den Tag. Teenage Blob vermittelt das passende Gefühl dazu.

„Video Killed the Radio-Star” am 1. August 1981 trällerten The Buggles den Abgesang an das Radio um 0:01 Uhr als erstes ausgestrahltes Musik-Video des US-Musiksenders MTV durch den Äther. Und tatsächlich, die Musiksender der Welt lösten spätestens in den 1990er Jahren das Radio als Musikerkundungsquelle in den Jugend- und Wohnzimmern der Welt nahezu komplett ab. Das Radio war höchstens noch das angestaubte Medium für deinen Dad im Auto auf dem Weg ins Büro.
Das Hinzufügen einer prägnanten visuellen Ebene erlangt dann doch so viel mehr Nachhaltigkeit in deinen grauen Zellen, als die eine markante Stelle eines Songs, die ohne große Aufmerksamkeit beiläufig durch das Radio geschleust wird. Musikvideos gucken hingegen bekam dein uneingeschränktes Interesse. Musikvideoproduktionen wurden aufwendiger, pompöser und unendlich teuer. Gefeierte Regisseur_innen rissen sich um die leitenden Posten zu den drei Minuten Produktionen. Cool war, was ein cooles Video hatte.

Und fast möchtest du aufgrund der ersichtlichen Analogie „Teenage Blob killed the Videostar“ trällern. Doch dann fällt dir wieder ein, das haben die Musiksender der Welt durch desorientierte Programmumstrukturierungen schon vor langer Zeit ganz allein hinbekommen. Musikvideos sind jetzt jederzeit auf YouTube und Kolleg_innen zu finden, Plattenfirmen und Künstler_innen kloppen sich auf Streamingplattformen um die größtmögliche Anzahl an abgespielten Einheiten, PR findet in den Social Media Bubbles statt. Simogo haben mit Sayonara Wild Hearts bereits im letzten Jahr ein Videospiel um ein Konzeptalbum herum entwickelt. Nein, weder Teenage Blob, noch Sayonara Wild Hearts oder Videogame killed the Videostar. Aber alle gemeinsam arbeiten an einer neuen Erlebbarkeit von Musik. Es braucht besondere PR-Stunts, um in der schieren Flut an neuveröffentlichter Musik Aufmerksamkeit zu generieren. Es braucht den ersten Split zwischen Game-Developer und Band.

Teenage Blob – “Give up your dreams and pay your dues”

Der Tag an dem deine absolute Lieblingsband spielt ist gekommen. Die Vorfreude ist seit Tagen zu einem unglaublichen Euphorieklumpen angewachsen. Heute Abend beginnt die beste Nacht des Jahres. Mit aufgestellten Härchen auf deinen Armen, die Faust in der Luft, von deiner Lieblingszeile begleitet. Heute ist der Tag, an dem die Blobs auf der Bühne den Teenage Blobs davor stromunterstützt und völlig verzerrt all ihre Emotionen entgegenbrüllen. Und du? Deine überwältigte Gefühlswelt wird durch ein Freudentränchen zur Nase transportiert werden, bevor du erneut Anlauf nimmst und deinen matschigen Körper zu den wundervollsten Poppunk-Melodien seit den 90ern in Bewegung versetzt.
Doch bevor all das passieren kann, brauchst du erst einmal ein paar neue Schuhe. Kein Teenage Blob der Welt kann sich in diesen alten Tretern im coolsten Club der Stadt sehen lassen. Nein, um den Abend deines Lebens bestreiten zu können, musst du erst einmal das Geld für die Schuhe verdienen.

Und wie verdienst du am besten Geld? Mit scheiß Nebenjobs natürlich. Aber egal, die Vorfreude auf den Abend wird dich auf der kuscheligsten Euphoriewelle durch den Tag tragen. Oder auf einem Bett aus fluffigen Pop Punk Hymnen, mit Weezer Gedächtnishitdecke und ganz vielen Emo Kuschelkissen. The Superweaks sind nicht nur die Band, für die du das Geld zusammenscheffelst, um das feinste Fußkleid zur Show zu tragen, sondern auch die Band, die dir dabei hilft die Strapazen des Tages zu überstehen. Und dafür haben Team Lazerbeam dir und den Superweaks extra ein Potpourri an Arcade Hits, Mini-Games, Rhythmus-Einlagen und Körperbeherrschungsartistik zusammengebaut. Ein Alltags-Simulator mit Shitty-Job, Boss-Gemecker und Parential Unit Kontakt. Sechs mehr oder weniger „Spiele“ getragen vom treibenden Emo-Sound der Superweaks.

“I’ve rolled with punches, I‘m under your fist, I tread so lightly I barely exist.”

Dabei geht das Konzept auch hier nicht flöten, sondern reiht sich charmant in das knallbunte Gesamtgefüge des Splits ein. Während die Band ihre Zeilen zu Tony Dork formt, verteilst du als Frosch verkleidet auf einem Skateboard High Fives und sammelst Bananen auf. In Paper Person lieferst du auf einem Fahrrad durch einen gezielten Wurf in den Briefkasten Sandwiches an die angemeldeten Haushalte aus. Und in Guitar Zero legst du die präziseste Rhythm-Game Gitarrenperformance deines Lebens hin. Du brauchst eben diese Schuhe. Dabei ist das Ergebnis deiner Bemühungen in den Mini-Games oft zweitrangig. Was zählt ist die Inszenierung, das Timing von Bild und Takt, das Erlebnis im Einklang mit der Musik. Und das funktioniert in Teenage Blob äußerst hervorragend.

Immer wieder werden Mini-Games von noch minigeren Minigames unterbrochen, immer exakt zum Takt der Musik zusammengeschnitten. Cut-Scenes reihen sich atmosphärisch in Storyverlauf und Songstruktur. Das Art-Design so rotzig frech wie die Cover deiner Lieblingspunkalben aus den 1990er. Der amorphe non-binary Protagonist so charmant wie Wackelpudding zum Frühstück. The Superweaks und Team Lazerbeam verstricken Musik und Spiel zu so engen Maschen, dass du dir den Einzelgenuss nicht einmal ansatzweise vorstellen kannst oder willst. Der Split Teenage Blob will in Gänze aufgesaugt werden. Er will dir seine unbekümmerten Vibes mit seiner unendlichen Farbpalette und den eindringlichen Lyrics ins Gedächtnis brennen. Der einstige Split-Gedanke der DIY und Punk-Szene, er funktioniert auch hier. Während sich die The Superweaks Fangemeinde durch die Hommagen der Videospielgeschichte klickt, genießen die Indie Game Enthusiast_innen vielleicht die ersten Klänge ihrer neuen Lieblingsband. Die Qualität der A-Seite ist abhängig von der Qualität der B-Seite.

„I won’t give up, It’s all right”

Teenage Blob schafft es wie die Ära des Musikfernsehens Songs untrennbar mit Bildern zu verknüpfen. Doch nicht nur das. Durch die hinzugewonnene Interaktivität erhält das Medium Musik eine unglaublich eindringliche, neue Ebene, die die Beschäftigung mit dem Medium von der gestressten Beiläufigkeit in eine aktive, bewusste Richtung lenkt. Das Abenteuer Teenage Blob wirkt so intensiv, dass meine doch arg gebeutelte Beziehung zur Musik eine nie für möglich gehaltene Auffrischung erlangt hat. Noch viel mehr erreicht mich seit langer Zeit mal wieder eine Band auf emotionaler Ebene. Und das funktioniert nur dank des unendlich positiven Spaßbrockens in Form dieses Musik-Video-Spiels. Team Lazerbeam und The Superweaks tanzen auf der Retro 90er Welle, saugen den Vibe der damaligen Punk-Szene auf und verpacken ihn in einer Hommage aus Musik-Video und Videospiel-Geschichte. Der Album/Videospiel-Split ist eine neue, faszinierende Erlebbarkeit der Musik. Und genauso oft wie dein Lieblingsmusikvideo damals willst du diesen Split erleben.

Vor allem aber schüren sie das Gefühl der Vorfreude auf den Abend aller Abende. Der Abend, der so viel Euphorie ansammelt, dass dir der Alltag mal getrost den Buckel runter rutschen kann. Das Gefühl, das Lieblingsmusik erzeugen kann, trägt nicht nur, sondern sammelt Kraft und Motivation. Hier erlebst du das in Form eines jugendlichen Klumpens. Es sind genau diese Emotionen, die damals die Eskapaden deines cholerischen Chefs aushaltbarer machten, weil du wusstest, heute Abend stehe ich vor meiner Lieblingsband, schreie zusammen mit 200 Menschen lauthals meine Lieblingszeilen der sich verausgabenden Band entgegen und bin für diese eine Stunde der glücklichste Mensch der Welt. Mit Kloß im Hals und Tränen in den Augen. Teenage Blob ist genau dieses Gefühl.

9/10 🎶📺🕹️

Developer: Team Lazerbeam
Publisher: Superhot presents
Genre: Arcade, Musik-Video(-Spiel), Split-Release
Team: Ben Rausch (Art & Writing), Richard Pieterse (Code & Feel), Jason Sutherland (Audio & Level Design), Evan Bernard (Songwriting & Production), Chris Baglivo (Songwriting & Production)
Musik: The Superweaks (Hier gehts zum Album auf Bandcamp)
Veröffentlichung: 13. August 2020 (Steam)

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