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Milky Way Prince – The Vampire Star Review | Beziehung mit Borderline

Milky Way Prince - The Vampire Star

Die Visual Novel Milky Way Prince – The Vampire Star thematisiert hochsensible Themen wie Boderline und toxische Beziehungen.

So gut wie alle Künstler verarbeiten ihre Gefühle und Teile ihrer Erfahrungen mithilfe der unterschiedlichsten Medien. Romane, Gemälde, Musik und Lyrik bieten sich dafür an. Lorenzo Redaelli wählte das relativ junge Medium der Videospiele, um seine Lebenserfahrungen in semiautobiographischer Form in die Visual Novel Milky Way Prince – The Vampire Star zu gießen. Es handelt sich sicherlich nicht um ein Spiel, das zwischendurch Spaß bringen soll. Milky Way Prince regt zum Nachdenken an und bedarf eingehender Reflexion. Da sich das Spiel mit tiefgreifenden Thematiken wie Persönlichkeitsstörung, toxischen Beziehungen und selbstverletzendem Verhalten beschäftigt, habe ich einen riesigen Respekt vor dem Schreiben dieser Review. Wenn euch die erwähnten Dinge eventuell triggern sollten, überlegt euch bitte, ob ihr weiterlesen wollt und/oder euch Unterstützung holt. (Schnelle Hilfe und Anlaufstellen zur Krisenbewältigung findest du auf den Seiten der Telefonseelsorge. Du bist nicht allein!)

Das Märchen vom Milchstraßenprinz

Der Protagonist Nuki ist ein junger Erwachsener, der in einer Zweizimmerwohnung mit seinem Seestern wohnt. Abgesehen von dem außergewöhnlichen Haustier besitzt er ein Keyboard, auf dem er hier und da sogar kleinere Songs komponiert. Mit seinen wuscheligen Haaren und den strahlenden Augen ist er mir von Anfang an sympathisch. Mit seiner fröhlichen Fassade verbirgt er seine Sehnsucht, aber auch seine Unsicherheit. Sein Lieblingsmärchen ist das vom Prinzen, der eines Tages als Stern vom Nachthimmel fällt. Auf so jemanden wartet Nuki im echten Leben bis jetzt vergebens. Er sehnt sich nach einem einzigartigen Partner, den er bewundern und behüten kann wie einen Stern. Er besitzt eine Ader, die es ihm zur Priorität macht, anderen Leuten zu helfen, ja sogar gebrochene Menschen zu heilen. Eines Tages sieht er durch sein Teleskop eine Sternschnuppe und beschließt ihrem Lauf zu folgen.

Die Parallelen zum Märchen gehen weiter: Die Sternschnuppe führt Nuki zu einem Laden namens Milky Way Latte and Shakes, wo er einen einsamen jungen Mann vorfindet. Das muss doch der gefallene Prinz aus der Geschichte sein! Der mysteriöse Typ hört auf den Namen Sune. Bei einem Shake kommt es zur ersten Unterhaltung. Nuki spürt eine einzigartige Verbindung zu seinem neu gefundenen Milky Way Prince und schon bald beginnen die beiden zu daten. Nur langsam dringt Nuki zu dem verschlossenen Sune durch. Dessen Borderline Persönlichkeit wird von der Visual Novel nicht explizit angesprochen – das wäre wohl zu stumpf. Stattdessen erlebe ich in der Haut von Nuki am eigenen Leib, wie Sune mit sich selbst ringt und dabei seinen neuen Freund mitzieht. Nukis Unsicherheit wirkt wie ein Katalysator. Er nimmt sich komplett zurück und gibt Sunes Persönlichkeit allen Raum in ihrer Beziehung, was diese aber umso instabiler macht.

Milky Way Prince – The Vampire Star mit allen Sinnen erleben

Die Geschichte der Beziehung von Nuki und Sune wird nicht linear erzählt, ich habe an bestimmten Punkten Entscheidungsfreiheit. Die äußert sich aber nicht nur in zwei verschiedenen Textprompts, mit denen ich meine Antwort festlege, wie in anderen Visual Novels. Ein zentrales Element von Milky Way Prince – The Vampire Star ist das Einsetzen der Sinne. Dies passiert in bestimmten Situationen, in denen Sune sich besonders verwundbar zeigt und Nuki versucht seinem Gegenüber näherzukommen. Je nachdem, welche drei der fünf Sinne ich einsetze, variiert die Reaktion von Sune. Zudem gibt es Situationen, in denen ich entscheiden muss, wie ich auf die Kommunikation per Handy reagiere. Schalte ich das Mobiltelefon ab, um Nuki emotional von der Situation zu entbinden, oder gehe ich auf die teilweise ausbruchshaften SMS von Sune ein und versuche ihn zu beruhigen?

Je nachdem wie meine Entscheidungen und Reaktionen ausfallen, lenke ich den Verlauf der Beziehung einem von vier Enden entgegen. Sune wird hierbei metaphorisch als instabiler Stern dargestellt, was zur Milky Way Prince Geschichte um den gefallenen Stern passt. Der Status der Instabilität wird sogar zu Beginn jedes Kapitels in Prozent angezeigt. Der Nachthimmel vor Nukis Zimmer verändert sich dementsprechend. Die Prozentzahl zur Beschreibung des emotionalen Status einer Person ist vielleicht etwas unsubtil, verstärkt aber die Sternmetapher, auf die das ganze Werk ausgelegt ist. Der Stil der Grafiken ist für eine Visual Novel erstaunlich dynamisch, die Farbpalette ist in schwarz/weiß und rot gehalten, um die Dualität Sunes auch visuell abzubilden. Die minimalistische Soundgestaltung unterstreicht das. Nur wenn Nuki plötzlich glaubt, etwas Falsches gesagt oder getan zu haben und sein instabiler Prinz irritiert reagiert, wird dies durch einen dissonanten Ton mir als Spieler schmerzlich bewusst gemacht.

Eine ungleiche Beziehung auf allen Ebenen

Sune verbeißt sich in Nukis Bedürfnis ihn zu heilen und bindet ihn an sich, indem er ihn immer wieder versprechen lässt, dass er ihn nicht verlässt, wie viele andere zuvor. Dieses Versprechen nutzt er, um Guilt Tripping zu betreiben, also Nuki ein schlechtes Gewissen einzureden, sobald dieser von Sunes besitzergreifendem Verhalten überfordert wird. Sune impliziert sogar deutlich, dass Nuki niemals in der Lage sein werde, dessen Gefühlswelt zu verstehen. Dieser Umstand trägt dazu bei, dass unser Protagonist sich klein und unbedeutend fühlt. Durch diese Verstärkung seiner Unsicherheit verliert er zunehmend seinen eigenen Willen und auch seine strahlende Lebensfreude, die ihm zu Beginn klar anzusehen war. Doch Nuki hält an seinem Freund fest, denn er hält seine Liebe für bedingungslos, genauso wie im Märchen vom Milky Way Prince.

Milky Way Prince veranschaulicht emotional und eindringlich die Auswirkungen einer dysfunktionalen Beziehung unter besitzergreifenden Strukturen und bedingungsloser Liebe, gerade im Hinblick auf Borderline. Die Vereinnahmung der liebenden Person innerhalb dieses destruktiven Kreislaufs manifestiert sich in der sinkenden Lebensfreude von Nuki. Egal ob er mit Fürsorge oder mit Abstand auf Sunes Bedürfnisse reagiert, diese Abwärtsspirale scheint nie enden zu wollen.
Immer wieder frage ich mich, ob das was geschieht wirklich an meinen Entscheidungen liegt oder ob diese Beziehung von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.

Der Vampirstern

Ich sehe wie Nuki vor meinen Augen all seine Kraft verliert. Die Beziehung zu Sune saugt ihn regelrecht aus. An diesem Punkt verwandelt sich der gefallene Stern des Milky Way Prince in den Vampire Star. Ich nehme es Sune richtig übel, dass er Nuki so behandelt, aber ist er wirklich der Antagonist in dieser Geschichte? In einem Kapitel der Visual Novel sehen wir das Geschehen aus Sunes Sicht. Mit ihm in Verbindung steht eine Motte. Die Symbolik zeigt Verletzlichkeit an und das Streben zum Licht. In diesem Fall ist das Licht Nuki. Sune saugt sein Licht aus. Trotzdem will ich Verständnis aufbringen für den Kreislauf aus Anziehung und Abstoßung.

Vielleicht kann ich den Lauf der Geschichte an bestimmten Abzweigungen umlenken, doch eines der vier Enden zu erreichen hat mich fürs erste emotional sehr mitgenommen. Ich werde sicher eine Pause brauchen, bevor ich Milky Way Prince – The Vampire Star abermals angehen kann. Dieser semiautobiographische Trip macht mich nachdenklich. Eine Visual Novel, die ich in dieser Art noch nie erlebt habe. Nicht nur wühlt mich der Plot auf, die stylische Umsetzung zieht mich ebenso audiovisuell in ihren Bann. Diese Story ist keine leichte Kost, aber wertvoll ist sie allemal. Danke Lorenzo Redaelli, dass du dich mit dem Erzählen dieser Geschichte so offen gezeigt hast und ich diese Erfahrung miterleben durfte!

8/10 🌌🌠

Developer: Lorenzo Redaelli/Eyeguys
Publisher: Santa Ragione
Genre: Visual Novel
Team: Lorenzo Redaelli/Eyeguys (Design, Programming, Story, Dialogue), Alberto Putignano (Release Manager), Arden Ripley (Editor), Pietro Righi Riva (Project Manager), Paolo Tajé (Tech Director)
Musik: Lorenzo Redaelli/Eyeguys
Veröffentlichung: 13. August 2020 (Steam)

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