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Beyond a Steel Sky Review | Nichts ist so wie es scheint

26 Jahre nach dem Klassiker Beneath a Steel Sky kommt Foster in Beyond a Steel Sky zurück nach Union City.

Alte Videospiel-Franchises nach langer Zeit wiederbeleben ist jetzt kein so ungewöhnliches Vorgehen. Der nostalgisch verklärte Blick auf die Erlebnisse der Vergangenheit soll konserviert und in die Moderne übertragen werden. Das klappt ein manches Mal ganz hervorragend, ein anderes Mal aber auch eben nicht ganz so wie geplant. Zu groß die Diskrepanz zwischen Erinnerung und Realität. Zu hoch die gesetzten Erwartungen. Doch wo es mehrere Vertreter einer Spielreihe gibt, werden auch viele Fans der Serie vermutet, weswegen dieses Wagnis zumindest die Verkäufe in die Höhe treiben könnte. Etwas anders verhält es sich mit Einzeltiteln, die plötzlich doch noch einen Nachfolger erhalten. Gerade, wenn sie aus einer eher nischigen Ecke kommen. Kommerzielle Ziele kannst du da getrost ausschließen, auch wenn zu damaligen Zeiten gute Kritiken und etliche Preise eingeheimst wurden.

Lange hattest du diese Geschichten als runde, abgeschlossene Erzählungen abgespeichert und dann kommt sie doch noch, die Fortsetzung. Geschehenes wird im besten Fall plausibel fortgeführt, manches Mal noch einmal auf den Kopf gestellt, die Perspektive gar komplett geändert. Es gibt sie, diese Vertreter. Doch bisher eher im Filmbereich und dort auch nur sehr selten. Nach 35 Jahren wie im Blade Runner Universum oder nach knapp 40 Jahren, wie gerade erst mit The Shining passiert. Die Wiederbelebung scheint im Kommen, nur, das Konzept muss passen. Nun hat das Medium Videospiel ebenfalls so einen Vertreter. Nach 26 Jahren erhält der Point & Click Klassiker Beneath a Steel Sky von Revolution Software einen Nachfolger. Vor der Ankündigung hat vermutlich niemand damit gerechnet, noch weniger Menschen scheinen überhaupt nach einem Kritiker_innenliebling Follow Up geschrien zu haben. Ein reines „lass es uns noch einmal machen“ Projekt also zwischen Storywriter Charles Cecil und Comic-Illustratorenlegende Dave Gibbons. Keine zu schlechten Voraussetzungen.

Zurück nach Union City in Beyond a Steel Sky

Zehn Jahre sind vergangen seit Robert Foster in Union City war. Ein korrupter Ort verschmutzt von Müll und Abgasen. Seinen Roboter-Freund Joey ließ er dort zurück, damit er sich um die Stadt kümmert. Foster wohnt im „The Gap“ genannten Ödland der Welt, das zumeist von Wüsten und ausgedörrten Landschaften dominiert wird. Doch nun wurde Milo, ein Kind aus seinem Dorf in einem futuristischen Transportmittel entführt. Und dessen Spur führt… natürlich, zurück nach Union City. Die zusammengepresste Megastadt aus aneinandergereihten Hochhäusern. Es lässt sich nicht vermeiden. Foster muss die Spur des Kindes aufnehmen und herausfinden was mit Milo passiert ist. Einmal die Außengrenzen der Stadt überwunden, ist er erstaunt über die Entwicklung. Die Oberflächen der Wolkenkratzer glänzen im Sonnenschein, künstliche Intelligenzen verrichten zuvorkommend jegliche Arbeiten. Es herrschen Wohlstand und Sicherheit. Überall zufriedene Menschen. Umweltverschmutzung? Kein Thema! Kann das tatsächlich wahr sein oder verschleiert der äußere Schein etwas?

Revolution spinnen den Werdegang von Union City weiter. Aus der Cyberpunk-Dystopie in Beneath a Steel Sky ist eine hochintelligente Utopie in Beyond a Steel Sky geworden. Hier scheint der wöchentlich wählbare Rat eine Linie gefunden zu haben, die sowohl die Strukturen der Stadt und die Wirtschaft, als auch die Umweltprobleme und die Unzufriedenheit der Bürger_innen in den Griff bekommen hat. Doch schon vor den Toren der Metropole beschleicht dich das Gefühl, dass dieser Schein auf sehr fragilen Stützen gebaut und der entführte Milo vermutlich sogar Teil des Ganzen geworden sein könnte.
Das 1994 veröffentlichte 2D Point & Click setzt seine Reise fort. 26 Jahre – oder im Spiel zehn Jahre später. Statt in 2D-Pixelkunst in einem 3D-Adventure, das zuweilen an Telltales Tales from the Borderlands erinnert. Nicht nur Gibbons Style weckt Pandoragefühle, auch das futuristische Cyberpunk-Setting und der sandige Look fügen sich nahtlos in diesen Gedankengang ein.

Ich brauche dieses Hackingtool, unbedingt!

Doch schon sehr schnell musst du feststellen, dass Optik und Setting die beiden einzigen Berührungspunkte sind. Keine actiongeladenen Quicktime-Events, keine wachsenden Entscheidungsstammbäume, keine dynamischen Entwicklungen. Beyond a Steel Sky geht die neue Herausforderung in Gedenken an seinen Vorgänger gameplaymäßig klassisch an. Freie Bewegung in abgeschlossenen Arealen, Interaktion mit Gegenständen, ausführliche Gespräche mit den Charakteren der Stadt. Wo moderne Vertreter des Adventure-Genres ihr Gameplay zugunsten der Story straffen, kannst du hier noch ungeniert Gefallen erledigen und zum Teil recht sperrige Rätsel lösen. Gerade zu Anfang oder auf den Höhen des Spannungsbogens wirkt die Auslegung des zweiten Teils sehr zäh. Das übliche Pont & Click Paradoxon entsteht. Eigentlich unter Zeitdruck, tüftelst du in aller Seelenruhe an deiner Aufgabe. Zum Glück halten dich die britischen Developer aber mit pointiertem Witz und einer der besten Rätselmechaniken der letzten Adventure-Jahre doch noch an der Aufklärungsarbeit.

Denn auch wenn die stetige Handlungsverkettung im Kombinieren und Erledigen von Gefallen liegt, gibt es da ein Werkzeug, das dem Setting, in dem künstliche Intelligenzen die Stadt am Laufen halten, gerecht wird. Ein mobiles Hackingtool, mit dem du dich in die meisten Systeme und Roboter einschleichen und Abläufe zu deinen Gunsten ändern kannst. Und das Hacking selbst bekommt im späteren Verlauf noch einmal eine höher gewichtete Bedeutung. Genau dieses Element ist es, das Beyond a Steel Skys immer wiederkehrende veraltete Behäbigkeit zum Teil aushebelt und durch Innovation und Spannung ersetzt. Auch wenn Kombinationsmöglichkeiten hier ebenfalls dem bekannten Genre-Muster verfallen, die wirklich gute Hinweisfunktion hilft dir dabei diese Situationen schadlos zu überstehen. Der Erzählung zuliebe, der Foster und Joey Beziehung zuliebe. Denn die wissen etwas mit ihrem Ursprung und ihrer weiteren Entwicklung anzufangen. Da ist es fast dramatisch, wenn dich nervtötende Muster davon abhalten, sie zu erleben.

Beneath and Beyond (a Steel Sky) oder eher Drunter und Drüber?

Gekonnt spinnt Beyond a Steel Sky die gezogenen Fäden der Utopie von Union City weiter, involviert Geschehnisse aus dem ersten Teil und fügt eine ganz neue Entwicklung hinzu. Gesellschaftssysteme, Macht, künstliche Intelligenzen, Zufriedenheit, Wohlstand, Überwachung und Freiheit. Cecil und Gibbons verweben sie in einer sich langsam zur Spitze hievenden Dystopieerzählung. Von 40 Jahren Comickunsterfahrung in Szene gesetzt und von stimmiger Tonalität begleitet. Und doch, auch hier hättest du dir mehr Abwechslung gewünscht. Abwechslung, die dir mit der Erzählung der Vorgeschichte in spärlich animierten Comic Panels noch schmackhaft gemacht wurde, nur um sie unmittelbar und für die Dauer des Adventures zu begraben. Wie sehr hätte ich mir Einwürfe in genau diesem Stil gewünscht. Stattdessen musst du dir lange Konversationen anschauen, die von den in der Stadt lebenden Robotern und Menschen infiltriert werden. Immer wieder laufen sie ins statische Bild, rennen sich am Protagonisten fest oder bleiben direkt vor der Einstellung stehen.

Die Perspektive wirkt in diesen Szenen beliebig, manchmal wird sogar nur der Boden oder ein pinkes Bild gezeigt. Steife Animationen und nicht sichtbare Items beim Ausführen der Handlungen inklusive. Die technische Ebene ist in Revolutions spätem Nachfolger in vielerlei Hinsicht noch nicht ausgereift, soll jedoch nach dem Steam-Release noch einige Verbesserungen erfahren. Und mal wieder frage ich mich: Wäre nicht das Adventure zuerst fertigstellen und dann veröffentlichen die angenehmere Alternative für alle? Denn Beyond a Steel Sky besitzt das Potenzial ein wirklich wertvoller zweiter Teil zu sein. Einer, der aufgeworfene Themen und Handlungen gehaltvoll weiterspinnt. Doch dem stehen leider die nicht ausgereifte Technik und das zur Hälfte angestaubte und adventureklischeebehaftete Spielsystem gegenüber. Da helfen dir Kunst, augeklügelte Konversationen und die faszinierende Geschichte zwar über den Berg, aber ein komplett ausgereiftes, modernes Konzept hätte deine zukünftigen Erinnerung an den späten zweiten Teil auch in der Realität stattlich da stehen lassen.

6/10 🦾

Developer/Publisher: Revolution Software
Genre: Adventure
Team: Charles Cecil (Game Director),  Noirin Carmody (Executive Producer), Tobias Fossheim (Producer), Kevin Beimer (Lead Writer), Andrew Boskett (Technical Director), Dave Gibbons (Art Direction), Sucha Singh (Art Direction)
Musik: Alistair Kerley, John Sanderson
Veröffentlichung: 26. Juni 2020 (Apple Arcade), 16. Juli 2020 (Steam)

Den Vorgänger Beneath a Steel Sky von 1994 kannst du kostenlos bei GOG erwerben und spielen. Als Klassiker des Adventure-Genres und um dein gesamtes Spielerlebnis abzurunden auf jeden Fall empfehlenswert.

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