Review

Sludge Life Review | Sprayer aller Länder vereinigt euch!

Überraschung! Sludge Life wurde von einem Tag auf den nächsten einfach veröffentlicht. Und das gratis, im Epic Games Store!

Devolver Digital sind bekannt dafür interessante, stylische und aberwitzige Videospiele zu publishen. Warum Sludge Life trotz seiner relativ kurzen Spielzeit überraschend viele Möglichkeiten bietet und von vorne bis hinten blendend unterhält, verrate ich in den folgenden Zeilen.

Nieder mit dem Monopol

Die Welt von Sludge Life ist ein einziges von Schlacke versumpftes Industriegebiet, bevölkert von schrägen Vögeln, die in vereinzelten Fällen tatsächlich Vögel sind. Alle befinden sich gerade im Streik, weshalb die Graffiti Künstler_innen freie Bahn haben. Die Glug-Mitarbeiter_innen protestieren vor der Firmenzentrale des Getränkeherstellers. Dieser hält die wichtigsten Firmen in einer Hand und kontrolliert so in einer Art dystopischer Herrschaft die Gesellschaft von Sludge Life.

Leider streikt auch die Mechanikerin, die eigentlich das Schnellreisesystem Telewarp OS v 1.02 installieren sollte. So müssen wir die zehn Stationen zwischen Hafen und Glug Tower manuell aktivieren und dabei die Gegend erkunden. Bewaffnet mit nichts als einer Spraydose, ziehen wir also los, um alle 100 Spots zu finden und sie zu taggen. Wenn wir fertig sind wird die ganze Arbeiterschaft unseren Namen Ghost und unser mintgrünes Geister-Maskottchen kennen. Die Reise, bei der wir skurrile Charaktere kennenlernen und einmalige Erfahrungen sammeln, wird das Ziel sein.

Glug, Kippe, Pinkeln, repeat

Die Welt von Sludge Life ist voller Details und witziger Gimmicks. Das beginnt schon im Optionsmenü, das uns festlegen lässt, ob wir Hundefreund_innen, Veganer_innen oder Stehpinkler_innen sind. Wir krallen uns Glug-Dosen, die wir in einem Zug leeren, zusammenknüllen und wieder wegwerfen. Natürlich lässt sich die Blase später wieder entleeren, indem wir uns einer Toilette nähern. Wenn wir Ciggy-Zigaretten aufsammeln, raucht Ghost wenn wir lange untätig sind oder es per Tastendruck wünschen. Im Menü zählt ein Counter mit und fordert uns auf: „Rauch eine mit Ciggy!“
Am Basketball Platz können wir Körbe werfen, während die Graffiti-Künstlerinnen-Zwillinge „Double“ auf den hinteren Sitzplätzen mit ihrem Ghettoblaster chillen. Lust auf einen Trip? Einfach von den blauen Pilzen naschen und schon trennen sich Geist und Körper, sodass wir frei über die Karte fliegen. Nacktschnecken mit Bananengeschmack sind eine Delikatesse, wenn auch nicht so einfach zu besorgen.

Dann wäre da noch Crypt Creeper. Sobald die Diskette gefunden und installiert wurde, können wir uns dem Spiel im Spiel widmen. Das Prinzip ist denkbar simpel, macht mich aber sofort süchtig. Wir starten als Held ohne Waffe oder Schild in einem zufällig generierten 2D-Raster voller Gegner und Gegenstände. Ziel ist es, den Ausgang zu finden und ins nächste Level vorzudringen, bis in Level 20 der Boss wartet. Wir suchen einen Weg durch das Raster, dürfen dabei aber nie stärkere Gegner angreifen, als wir Gesamtstärke an Schwert und Schild aufbringen können.

Parkour, taggen… und fallen in Sludge Life!

Die Welt in Sludge Life ist ein großer Abenteuerspielplatz! An jeder Kante, die wir anvisieren, zieht sich Ghost hoch, sodass wir frei klettern können. Dies ermöglicht es uns an Stellen zu gelangen, die nicht ohne weiteres zugänglich sind. Schließlich wollen wir ja, dass Ghosts Graffiti weithin sichtbar sind! Also rauf aufs Gerüst und die Spitze der Baustelle anvisiert.
Aber verdammt, das mit dem Klettern ist gar nicht so einfach. Obwohl ich die hohe Sichtempfindlichkeit runtergeschraubt habe, die im Ausgangszustand jedem Online-Shooter alle Ehre gemacht hätte, bleiben Ghosts Kletterpartien schwierig zu kontrollieren. Diese schwammige Steuerung sorgt an engen Stellen für Frust, also muss ich nochmal ran… und nochmal. Schließlich bin ich aber oben und sprühe meinen Geist auf einen Container. Das sorgt schon für ordentlich Befriedigung.

Nebenbei plaudere ich noch mit einem Typen, der auf einem Sofa am Rande des Abgrunds hängt und mich einlädt mit ihm über den Sinn des Lebens zu sinnieren. Runter komme ich mit einem Sprung von einer Planke, die unter mir abbricht und ich erwache auf der Krankenstation. Sludge Life at it’s best.
Später finden wir dann noch einen Gleiter und sogar einen Teleporter, die uns wieder neue Herangehensweisen ermöglichen. Nur wenn wir unser Arsenal klug einsetzen, werden wir alle 100 Graffiti-Orte erreichen und den blinden „King“ als König_in der Sprühkünstler beerben. Doch die Komplettierung der Graffitis ist nur ein möglicher Weg, um den Abspann von Sludge Life zu sehen…

F*ck Glug

Warum die Arbeiterschaft streikt ist nicht bekannt. Es muss aber wohl einen triftigern Grund geben, denn sie haben alle Schilder mit traurigen Smileys dabei. Und auch mich als Spieler nervt das Glug-Firmenimperium. Nicht nur die Softdrinks, sondern auch Ciggy Zigaretten, die Liefeloop Banking-App, die im Übrigen nur rote Zahlen anzeigt, sowie die Chemico Werke, die die gesamte Gegend mit Schlacke und sogar Radioaktivität verpesten. Fragt nur den Zombie in der stillgelegten Chemico-Ruine (er beharrt darauf, es sei nur seine „Akne“). Ich bin mir außerdem ziemlich sicher, dass die Nachrichtenagentur „Beak-News“ entweder von Glug gekauft oder geschmiert wurde. Na, habt ihr schon Lust mitzustreiken? Oder wollt ihr gar zu resoluteren Mitteln greifen? Natürlich bleibt auch die Option einfach aus dem Schlackesumpf abzuhauen, falls sich ein geeignetes Gefährt finden lässt.

Warum die Katze zwei Polöcher hat und Ciggy raucht, weiß keiner. Auch nicht warum das Fitnesscenter statt Türen klaffende Löcher in den Wänden aufweist (wahrscheinlich, damit die breiten Muskelkörper durchpassen).
Die vielen durchdachten Details passen dabei aber stets in diese unglaubliche Welt. Wenn in der Abstellkammer ein Mann resigniert am Boden sitzt, weil er die Würgeschlange nicht vom Kopf bekommt und im nächsten Moment erzählt, dass das irgendwie schön sei, weil er sich nicht mehr so einsam fühle, dann wundere ich mich keine Sekunde mehr über solche Schrulligkeiten.

Ist Sludge Life schon Kunst?

Auf der anderen Seite gibt es mal mehr, mal weniger subtile Kapitalismuskritik in Sludge Life. Die beginnt schon im Trailer, wo uns Merchandise aus dem genial witzigen Shop angepriesen wird, der gleichzeitig als Website für das Spiel fungiert (only 19.99$!). Im Hauptmenü des Spiels nervt uns In-Game Werbung von Glug, Ciggy und Co., die wir wegdrücken müssen, wenn wir etwas auswählen wollen. Der Angestellte im Fast Food Shop meint, wir sollen doch einfach im Müll nach Essen suchen, das wir uns eh nicht leisten können. Und während seine Belegschaft unten protestiert, liegt der CEO oben im Glug Tower mit Gesichtsmaske in der Wanne.

Der Grafikstil paart VHS-Visuals mit Comicstil und der Synthwave Soundtrack von Doseone haut einfach rein. Der Style von Sludge Life hypnotisiert mich einfach. Die schön verrückten Charaktere, die wir auf unserem Abenteuer treffen, unterhalten mit ihren Einzeilern und bleiben im Gedächtnis. Die Story wird niemals explizit erklärt. Muss sie auch nicht, denn die verschrobene Welt erzählt alles, was wir wissen müssen.
Terri Vellman und Doseone haben mit Sludge Life meiner Meinung nach einen modernen Indie-Klassiker geschaffen. Das Game ist kurzweiliger Spaß, gepaart mit fast dadaistischen Gags und einer Prise Kapitalismuskritik. Weil das Adventure jetzt für ein ganzes Jahr lang aufgrund eines Exklusivdeals mit Epic Games gratis in deren Store zu finden ist, hat niemand von euch eine Ausrede Devolver Digitals Graffiti Eskapaden nicht wenigstens eine Chance zu geben. Hab ich schon erwähnt, dass man auf Tastendruck pupsen kann?

9/10 👻💚

Developer: Terri Vellmann/Doseone
Publisher: Devolver Digital
Genre: First-Person Platformer, Adventure
Team: Terri Vellman (Programmierung & Game Design), Doseone (Sound & Art))
Release: 28. Mai 2020 (Epic Games Store)

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