Review

MotoGP 20 Review | Nach schräg kommt flach

Von heißen Geräten, lockeren Mundwerken und der perfekt getimten Runde in Milestones MotoGP 20.

„Ja klar nehm ich nen Rennspiel! Ob Auto oder Motorrad, völlig egal. Hauptsache mein Sofa imitiert Geschwindigkeit.“ Also suche ich mir einen Kurs raus und setze mich – oder eher den virtuellen Fahrer im Renndress – auf das aufgepumpte Zweirad. „Ja komm, Red Bull Ring, Österreich. Kenn ich jeden Zentimeter auswendig.“

Der Autopilot führt mich elegant aus der Boxengasse auf die lange Gerade Richtung Kurve drei – ja es ist Kurve drei, denn die lange Gerade nach Kurve eins macht einen kaum merklichen Hüftknick, der als Kurve gezählt wird, auch wenn dir Google Bilder zum Teil etwas anderes suggerieren will.
Ich gebe Gas. Das Gerät schreit. Ungestüm stürmt es in wenigen Sekunden auf 270 km/h. Die kleine angesprochene Kurve entpuppt sich heimtückischer als gedacht. Gerade noch kann ich mich von der Grasnarbe fernhalten.
Jetzt nur noch den bekannten Bremspunkt erwischen und exakt einlenken. Doch das Motorrad mag mir diesen Gefallen nicht gestatten. Eigenwillig schießt es über den Schotter der ausladenden Auslaufzone geradewegs in die Wand. Und ich vergesse am besten schleunigst all das, was ich beim Autofahren und in Autorennsimulationen jemals gelernt habe.

„Wissen Sie, warum wir sie gerade angehalten haben?“ – „Weil ich es zugelassen habe?“

MotoGP 20 ist unbestreitbar keine Autorennsimulation. Und ebenfalls weit weg von meinen Motorradausflügen in GTA oder zugänglichen Arcade-Versionen wie Road Rash. Milestones neuster Teil des Motorradrennserienablegers beansprucht das Wort Simulation, sogar eindrücklicher als jemals zuvor, aber eben für Motorräder. Und die sind, wie ich gerade eben mal wieder schmerzlich festgestellt habe, doch so ganz anders als Autos oder meine an einer Hand abzählbaren letzten Fahrradausflüge.
Das Motorrad fühlt sich wohl in einem ständigen, gleichmäßigen Fluss aus Krafteinwirkungen. Bremst du es so abrupt ab wie einen Formel 1 Rennwagen, wirft es dich bei der Gelegenheit einfach ab. Gehst du die Kurve zu schnell an, fährt es unbeeindruckt weiter geradeaus. Gibt’s du nah am Boden gelegen in einer Kurve zu viel Gas, legt es dich flach. Motorrad fahren ist eine kalkulierte Unkalkulierbarkeit. Ein Kunstwerk aus präzise abgestimmten fließenden Bewegungen. Hätte ich wissen können.

Und was machst du wenn du keine Ahnung von der Kunst des Gleitens hast? Du startest eine Karriere! Klingt komisch, ist aber so. Denn in einer Karriere lernst du das Gewollte von der Pike auf. Dort, wo die Krafträder nicht so ganz nach Steroiden stinken und dich etwas gemächlicher durch die Streckenführung tragen.
Ich starte also ganz unten in der Moto3. Der super Nachwuchsklasse der MotoGP. Quasi die 3. Liga der Elite. Genau der richtige Ort also für meine gerade erstellte 37 jährige Nachwuchsfahrerin in lila und schwarz. Nur das Motorengeräusch klingt hier eher nach Rasenmäher, als nach schreiendem Ultrasportgerät. Aber gut, auch der neunmalige Weltmeister Valentino Rossi hat nicht gleich in der höchsten Klasse des Sports als Baby angefangen. Oder doch? Zuzutrauen wäre es ihm jedenfalls.

MotoGP 20 – Pokal oder Spital

Als frische Fahrerin bin ich dann gleich auch Personalabteilung für das gesamte Team. Ich stelle meine persönliche Managerin ebenso ein, wie Ingeneur_innen mit unterschiedlichen Fachgebieten. Die Entwicklung soll ja schließlich nicht stehenbleiben, während ich auf den Rennstrecken der Welt dem Tod noch einen weiteren Tag abringe. Bei deren Wochenendplanung werde ich dann gleich noch zur Event-Managerin und entscheide, ob wir alle nur das Rennen fahren oder doch noch ein bis vier Trainings plus Qualifikation dazukommen sollen. MotoGP 20 gibt mir das Heft der Saisonplanung in die Hand. Ganz vertrauensvoll. „Du machst das schon!“

Kommentieren muss ich bei all dem Umfang dann aber doch nicht selbst. Das übernimmt ein professioneller Redner des Fernsehprogramms. Pronomen muss er aber noch mal üben. Für ihn sind pauschal alle Rennfahrer_innen einfach „er“. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass in der Startaufstellung vor den Rennen noch immer leichtbekleidete Frauen den Gladiatoren ein Schirmchen über den Kopf halten. Übrigens ein Relikt, das in der Formel 1 ebenfalls zu spät, aber schon vor drei Saisons abgeschafft wurde. Milestone kann ich den Vorwurf nur in Richtung der sprachlichen Ausgabe vor die Füße werfen. Für das angestaubte Geschlechterbild des Gridgirls ist immer noch das Vorbild der MotoGP verantwortlich. Wenn du ne Simulation machst, dann eben mit allen Aspekten, wobei ich einem eigenen Vorpreschen seitens des italienischen Entwicklers hin zu einer moderne Geschlechterrepräsentation mit wirklicher Vielfalt tatsächlich laut auf meinem Sofa applaudiert hätte. So scheint die Wahl des Charakters eher halbherzig umgesetzt.

Lieber Blut an der Jacke, als Zweiter sein

Die Gesamtpräsentation* meines Rennwochenendes zeigt sich dann jedoch nicht so glamourös, wie es die Gridgirls eigentlich vermuten lassen würden. MotoGP 20 setzt an Motorrädern und Fahrer_innen zwar auf realitätsgetreue Detailverliebtheit, doch abseits dessen herrscht triste Einfalt. Asphalt, Rasen, Schotter und andere Bodenbeläge besitzen kaum Tiefe. Verschieden angemalte Flächen könnten sie genannt werden. Und genauso zieht es sich auch auf Gebäuden, durch umliegende Bauten oder dem Himmel hindurch. Platte Texturen ohne Reflexionen, ohne nennenswerte Licht- und Schattenspiele. Visuelle Atmosphäre musst du hier mit der Lupe von Oppa suchen. Hab ich so auch schon lange nicht mehr gesehen. Aber mal ehrlich, du hast eh keine Zeit, einer eventuell schön gestalteten Landschaft ringsherum auch nur annähernd Beachtung zu schenken. Ein funktionierendes Beiwerk für einen sprühenden Funken Leidenschaft und nicht zuletzt Authentizität wäre sie aber allemal. Wenn ich da nur an die Straßen von Monaco aus anderen Rennsimulationen denke, fehlt hier leider so einiges.

Und fällt einmal Regen, fällt er nicht wirklich. Denn Milestone haben sich einfach eine trübere Erscheinung des Bildes als Regentag ausgesucht. Es gibt weder Einschränkungen in der Sicht, noch hohe Wasserfontänen, geschweige denn Regentropfen auf deinem Helm, aka Bildschirm, aka Fernseher. Egal in welcher grafischen Einstellung. Ob hin zur perfekten Bildrate oder eher der detailreichen 4K-Grafik. Es ändert wirklich kaum etwas, außer dass ich in letzterer tatsächlich einen Ansatz von verschiedenen grünen Farben als Konturen der Rasenflächen wahrnahm. MotoGP 20 bedient sich jedoch eines Tricks, der zwar ebenfalls abgeschaltet werden kann, eingeschaltet jedoch die Realität anhebt. Mit zunehmender Geschwindigkeit verschwimmt auch zunehmend das Bild. Und dann sind alle Konturen und Texturen am Ende nur noch ein visueller Geschwindigkeitsschwamm, clever!

Ich weiß wie Asphalt schmeckt

Am Ende geht es schlichtweg um das Fahrerlebnis innerhalb der Motorradsportsimulation. Also rauf aufs Bike und losgeknattert. Auf der gedrosselten Moto3-Version gewöhne ich mich zunehmend an das eher behäbige Verhalten der eigenwilligen Zweiräder. Ich lerne einen sensiblen Umgang mit meiner Maschine und lasse mich vom einstimmigen Fluss der Bewegung leiten. Zehntelsekündchen um Zehntelsekündchen packe ich auf meine Bestzeiten und finde mich in der untersten der drei angebotenen Klassen mit ein paar kleinen fahrtechnischen Helferlein am Ende oft ganz oben wieder. In der Vermittlung der Essenz des Motorradfahrens ist MotoGP 20 unschlagbar. Ich entwickle Ehrgeiz, reize die physischen Grenzen aus und kratze mit meinen Knien das abgeriebene Gummi vom Asphalt. Also metaphorisch gesprochen, denn diese markanten Kügelchen vom Abrieb des Reifens oder Reifenspuren mag mir Milestone ja nicht zeigen. Dafür bremse ich bei Ausreizung des Machbaren auch immer wieder mit meiner Nase. Aber wofür gibt es sonst Helme?

Doch auch in seiner fahrphysischen Anlage zeigt das neuste MotoGP immer mal wieder seinen Hang zur Schluderigkeit. Unterschiedliche Bodenbeläge, nass oder trocken, sowie technische Änderungen am Bike spiegeln sich oft nur in der Rundenzeit wieder, nicht aber im Fahrgefühl. Sollte ich mit einem zweirädrigen Geschoss bei Regen nicht zumindest den Unwillen der Vorwärtsbewegung spüren?
Dafür wissen mich Milestone dann doch noch zu unterhalten. Denn in meiner Klasse der Moto3 scheint das Fahrerfeld eine Art Selbstmordkommando nachzuahmen. Und das Folgende ist mir tatsächlich bisher nur dort aufgefallen: Im Training rasen meine Kontrahent_innen gerne mal auf der Wiese oder auf dem Schotter umher, schießen ungebremst vor einer Kurve in mich hinein und reißen mich vom Krad oder biegen unmotiviert rechts in die Mauer ab. Das ganze gipfelt dann in einer Art Slapstickeinlage zur Warm-Up Runde und zum Start, bei denen das gesamte Feld direkt rechts oder links abbiegt und eine Massenkarambolage hervorruft.

MotoGP 20 und das Streben nach dem perfekten Fluss

Danke Milestone für diese Auflockerung einer ansonsten am Ende doch ernstzunehmenden Rennsimulation. Ich bin guter Dinge, dass ihr das recht flott gepatched bekommt. Es war jedoch zu witzig, als es nicht für meine Reviewerfahrungensammlung zu konservieren.
MotoGP 20 schafft es mit seinen inhaltsreichen Modi und den vielfältigen Einstellungsmöglichkeiten eine breite Masse anzusprechen. Eine Simulation, die Einsteiger_innen mit Fahrhilfen an die Hand nimmt, kompletten Purist_innen aber die Möglichkeiten offen lässt, am Ende doch die brutalen Kräfte des Motorrades zu spüren.

Lediglich die Abstimmungsprobleme, technische Makel und die nicht zeitgemäße grafische Ebene hinterlassen einen doch sehr verbrauchten öligen Beigeschmack. Doch das alles ist vergessen, sobald du unter ohrenbeteubendem Motorengeräusch in einem Strom aus geschmeidigen Bewegungen zum ersten Mal der fast perfekten Runde entgegenhechtest. Genau dann entlockt dir MotoGP das faszinierende Gefühl, das dir wahrscheinlich nur ein Motorrad geben kann. Eine Runde, so elegant wie der Verlauf der Donau.

6/10 🏍️

Developer/Publisher: Milestone
Genre: Rennsimulation
Veröffentlichung: 23.04.2020 (Steam, PS4, Xbox One, Switch)

*Trailer und bereitgestellte Screenshots der Bikes spiegeln leider in keinster Weise die In-Game Grafik wieder. In-Game Screenshots folgen. 

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