Review

The Flower Collectors Review | Investigativer Ausflug in die 70er

Im Post-Franco Spanien von The Flower Collectors muss ein ungleiches Paar die Verschwörung um einen Mord aufklären.

Der Polizist Jorge will seinen Ruhestand eigentlich unaufgeregt verbringen. Er verlässt seine Wohnung nicht, die Morgenzeitung lässt er sich von einem Nachbarskind vor die Tür bringen. Er beobachtet seine Umgebung durch ein Fernglas und skizziert alltägliche Szenen, die er mitkriegt. Aber was ist das? Eines Nachts hallt ein Schuss durch die Gassen und Jorges Leben wird mit einem Schlag umgekrempelt.

Unterschiede ziehen sich an

Der Fokus im narrativen Adventure The Flower Collectors liegt klar auf den beiden Hauptcharakteren. Mipumi Games entwerfen zwei herrlich markante Protagonist_innen, deren Chemie im Laufe des Spiels stetig wächst. Auf der einen Seite steht der von den Spieler_innen gesteuerte Jorge. Ein Unfall hat den Ex-Cop an den Rollstuhl gefesselt. Er lebt in der Vergangenheit und träumt von der „guten alten Zeit“. Unter dem verstorbenen spanischen Diktator Franco diente er in der Polizei und findet offenbar nicht alles ganz so schlimm, was im faschistischen Spanien vor sich ging.
Aber wirkt der schlecht gelaunten Kettenraucher auf mich sympathisch? Anfangs nicht, dafür schiebt er zu viele konservative Sprüche. Er echauffiert sich zum Beispiel darüber, dass die Garage gegenüber von zwei Frauen geführt wird. Mechanikerinnen? Sowas hätte es früher nicht gegeben! Doch genau hier kommt die junge Journalistin Melinda ins Spiel.

Melinda trifft nach dem anfangs erwähnten Mord zufällig auf Jorge. Das Opfer des tödlichen Schusses war ein Informant, den die Idealistin treffen wollte. Der grummelige Jorge lässt sich überzeugen ihr bei der Aufdeckung des Verbrechens zu assistieren. Er kann die Chance nicht verstreichen lassen noch einmal seine Zeit als Polizist nachzuempfinden. Genau bei dieser Ermittlung lernen sich die beiden Partner_innen langsam besser kennen. Melinda ist dabei das Gegenteil von Jorge. Schon der Aufnäher auf ihrer Jacke lässt beim ersten Blick erkennen, dass sie mit dem Anarchismus sympathisiert. Fortan lässt sie also keine Möglichkeit aus, um die stichelnden Bemerkungen des altmodischen Detectives zu kontern. Irgendwann beginnt dieser seine Ansichten zu reflektieren und gewinnt dank seiner neuen Freundin einen anderen Blickwinkel aufs Leben.

Das erfrischende Szenario in The Flower Collectors

Die Wiener Entwickler_innen kommentieren gezielt die Politik Spaniens in den 70ern. So gehen die Dialoge auf die Unterdrückung der Frau durch die Kirche und die Polizeigewalt gegen linke Aktivist_innen ein. Die Zeit des Totalitarismus ist zwar vorbei und Spanien steht vor den ersten demokratischen Wahlen, im Alltag leben aber viele Praktiken aus der Zeit der Diktatur weiter. Die launigen Dialoge in The Flower Collectors bauen die historischen Fakten organisch in die Charakterentwicklung ein. Durch Melinda und Jorge erleben wir den Alltag und die Probleme der Einwohner_innen Barcelonas aus verschiedenen zeitgenössischen Perspektiven.

Dass Jorge im Rollstuhl sitzt, fühlt sich anders an als in vergleichbaren Spielen aus der Ego-Perspektive. Er kann aufgrund seiner eingeschränkten Mobilität zwar nicht selbst durch seine Nachbarschaft flitzen, um Zeugen zu belauschen und Hinweise zu bergen, koordiniert die Situation aber von seinem Balkon aus. Melinda wird dabei per Funkgerät instruiert.
Die Anspannung in dieser für mich als Spieler ungewohnten Situation ist größer, als wenn ich meine Partnerin direkt steuern würde. Denn falls Melinda beim Belauschen von Verdächtigen entdeckt werden sollte, kann ich ihr in meinem Rollstuhl nicht schnell zur Hilfe eilen.

Auch Barcelona im Jahr 1977 fühlt sich herrlich neu an. So eine Erfahrung habe ich noch nie in einem Videospiel erlebt. Die Mischung aus der alltäglichen Nachbarschaftssituation und dem Spionagedrama fügt sich perfekt in die engen Gassen der mediterranen Metropole ein. Bonuspunkte also für das unverbrauchte Setting und die Repräsentation!

Detektiv spielen kann jeder

Im Apartment von Jorge hängt eine Karte der Straße von Gibraltar. Die Flügel lassen sich ausklappen und offenbaren eine große Pinnwand. Diese spielt eine zentrale Rolle im Gameplay von The Flower Collectors. Die Ermittler_innen tragen hier am Ende der täglichen Observation alle Indizien zusammen. Nun ist es die Aufgabe der Spieler_innen, die Hinweise in die richtige Reihenfolge zu bringen und bestimmte Fragen zu beantworten. Fehler beim Kombinieren von Indizien werden nicht bestraft, per Drag & Drop untersuchen wir die Bilder so lange, bis es klappt. Langes Herumknobeln und knifflige Rätslepassagen werden zugunsten des Gesamterlebnisses vermieden. The Flower Collectors Stärken liegen in der Charakterentwicklung und in der bis zuletzt spannenden Story.

Die Spielwelt ist dabei in einem plastischen Comicstil animiert, die handelnden Personen sind anthropomorphe Tiere. Die Bürger_innen Barcelonas zeigen Ecken und Kanten, jeder Akteur besitzt eigene Motive.
Da wäre die gefallene Varieté-Sängerin Lola, die in die Verschwörung rund um den Mord verstrickt ist, der Pfarrer Eusebio, der seine Berufung vielleicht noch einmal überdenken sollte und die alte Schildkrötendame Doña Anna, die den ganzen Tag am Fenster hängt und ihre Nachbarn beobachtet (und deshalb wertvolle Tipps parat hält). Das Ensemble der Sprecher_innen wirkt zu jeder Zeit authentisch, gerade die zwei Protagonist_innen sprühen vor Persönlichkeit.

The Flower Collectors: Eine Reise die sich lohnt

Wie schaffen es Mipumi Games nur, dass mir der Straßenzug vor meinem Balkon nicht nach ein paar Stunden zum Hals raushängt? Das kammerspielartige Setting nicht nach einiger Zeit seinen Reiz verliert und die immer gleiche Location überstrapaziert?

Es liegt an der dicht getakteten Story, an Melinda und Jorge, die mir ans Herz gewachsen sind. Vor allem aber liegt es an dem für mich nicht leicht durchschaubaren Rätsel um den Mord. Ich fiebere mit und freue mich über jede neue Erkenntnis auf meiner Pinnwand und über jede neue Richtung, die die Geschichte einschlägt.
Die Film Noir Einflüsse kann The Flower Collectors nicht abstreiten. Der grantige Ex-Ermittler und die ambitionierte Journalistin bilden ein facettenreiches Duo, mit dem ich mich schnell verbunden fühle. Die schummrige Atmosphäre trieft nur so vor politischer Intrige und zieht mich umso tiefer ins Geschehen. Subtile Jazz-Töne untermalen das Abenteuer perfekt. So immersiv muss sich ein narratives Adventure präsentieren!

9/10 <3

Developer / Publisher: Mipumi Games
Genre: Narratives Adventure
Veröffentlichung: 21. April 2020 (Steam)

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