Review

Coffee Talk Review | Lass uns mal bei einem Kaffee drüber reden

In Toge Productions Coffee Talk gehört dir ein gleichnamiges Café, das nur bei Nacht öffnet und die urigsten Kaffee-Connaisseurs anlockt.

Okay, ein Café zu eröffnen ist der „Traum“ von so vielen Leuten. „Einmal ein eigenes niedliches kleines Café haben, das wäre schön“. Das dachte ich mir auch. Aber ich genieße auch die Ruhe und brauche nicht den Stress am Tag, wenn alle wie die Koffeinzombies unter Arbeitszeitdruck leiden und für den schnellen Fix ins Café kommen, um sich einen doppelten Soy Caramel Latte mit Cinnamon Frosting abholen zu wollen – das können die woanders. Also dachte ich mir, in Seattle im Jahre 2020 kommen die illustren Bewohner dieser multikulturellen Metropole auch nachts noch zum Kaffee trinken. Das System funktioniert.

Allen voran bei Autorin Freya, die heimlich nach ihrer Arbeitszeit bei mir im Laden an ihrem ersten Romanentwurf arbeitet. Stammgetränk: Espresso, drei Shots. Schön bitter bringt er sie durch die Nacht. Ich liebe es meinen Stammgästen genau das Getränk, das sie in diesem Moment brauchen, von den Augen ablesen zu können. Und gleichermaßen experimentiere ich auch gerne mit neuen Zutaten für ausgefallene Wünsche.

Der Werwolf Gala zum Beispiel glaubt, dass seine Rage, in die er jeden Monat bei Vollmond verfällt, durch ein besonderes Getränk in Schach gehalten werden kann. Wir probieren schon seit Tagen die richtige Mischung zu finden. Sein langjähriger Vampirfreund Hyde – eher langjahrzehntiger Freund – ist zurückhaltend. Aber das macht ihn spannend, auch was seine Getränkeauswahl betrifft. Der kannte den Schuppen jedoch auch schon als er noch eine Bar war. Mein persönlicher Vorteil, dass ich trotz Nachtbetriebes keine Bar habe: ich muss keine Betrunkenen aus dem Laden schmeißen.

Trinken vegane Vampire noch Menschenblut?

Und so läuft Coffee Talk schon seit einer Weile gut voran. Ich genieße die Gesellschaft von Jorji, dem leicht stereotypen aber liebenswerten Cop oder Aqua, der Indie-Game Entwicklerin, die bei mir zufällig auf die Orkin Myrtle trifft. Welche ihres Zeichens bei einem großen Entwickler für Games arbeitet und sich mit Aqua über die Industrie unterhalten kann. Ich freue mich einfach, die Geschichten meiner Gäste zu hören, ihre Seelen mit ihren Lieblingsgetränken zu erwärmen, sie zu beruhigen und ihnen eine gute Zeit zu bescheren. Ich kann gut zuhören. Anstatt groß eingreifen zu müssen, lasse ich mir permanent die Gespräche der Gäste gefallen. Freya sieht heute überarbeiteter aus als sonst. Ach ja, ihre Deadline für den Entwurf steht bald an. Noch einen Espresso? Klar!

Es bleibt immer spannend. Dieser Typ im Astronautenanzug, der tatsächlich nicht von dieser Welt ist, spielt wohl die interessanteste Rolle meiner Kaffeekunden in letzter Zeit. Er nimmt Flüssigkeit über seinen Finger auf. So etwas habe ich tatsächlich noch nie gesehen. Er ist auf einer Mission die Menschen kennen zu lernen, um seine und unsere Spezies zu… verbinden.

Diskriminierung gegen Orks und Müll im Ozean der Atlantikvölker. In Coffee Talk werden eher alltägliche Probleme besprochen.

Ab und zu bestellen die Gäste in Coffee Talk aber auch Sonderwünsche, von denen ich noch nie gehört habe. Dann muss ich ein Getränk nach dem anderen ausprobieren und sehe immer erst am Ende der Zubereitung, was es geworden ist und ob das dem Wunsch des Gastes entspricht. Wenn nicht: ab in den Ausguss.

Aber bei den Drinks, die ich schon kenne, kann ich das Rezept immer in meinem Brewpad nachschlagen. Dort kann ich auch im Social Media Netzwerk Tomodachill die Profile meiner Gäste anschauen. Je häufiger sie kommen und je besser ich sie kennen lerne, desto mehr kann ich von ihrem Account sehen. Das mag ich. Persönliche Beziehungen zu Gästen sind schön. Ungleich anderer Professionen ist das zwischen Barista und Kaffee-Couleur eine gute Sache. Abends erfahre ich in der täglichen Ausgabe der Evening Whispers von den neuesten Schlagzeilen und wenn nicht viel los ist, lese ich Freyas neueste Kurzgeschichte.

Mit dem Triple Shot Espresso durch die Nacht.

Über Kaffee lässt sich auch so manches Problem lösen oder wenigstens im ersten Schritt schon mal ansprechen. Lua und Baileys zum Beispiel sind schon lange ein Paar, aber Lua’s Succubus-Eltern würden womöglich nie erlauben, dass ihre Tochter einen Elfen heiratet.
Manchmal habe ich sogar Stars im Café. Die junge Sängerin Rachel zum Beispiel, die nach ihrer Girl-Group nun Solokarriere macht – und ihren Vater, der sich wahnsinnig um sein Kind sorgt, weil er das Musikbusiness aus seinen Managertagen kennt.

Mitunter frage ich mich, ob mein Schaffen die Erfüllung ist oder mein Dasein als Cafébesitzer und Barista eine höhere Bedeutung hat. Ich fühle mich praktisch wie Jill die Bartenderin, die in der Neo Tokyoter Cocktail-Bar VA-11 HALL-A arbeitet; nur halt ohne Alkohol. Aber es gibt schlimmeres, als zu gechilltem Lo-Fi von meinem Lieblingskünstler Andrew Jeremy Kaffeespezialitäten zuzubereiten. Von daher mache ich einfach mal so weiter. Macht ja Spaß und ist entspannend – und das Gewerbe ist so zeitlos wie Totengräber: jeder will Kaffee oder Tee trinken, immer.

Die Autorin im Café. Ein schönes Klischee, genau wie Coffee Talk.

Coffee Talk ist ein angenehmes Spiel für Zwischendurch. Die Idee dazu hatte Mohammad Fahmi des indonesischen Entwicklers Toge Productions während eines Game Jams vorgestellt. Die beruhigende Musik von Andrew Jeremy ist perfekt zum runterkommen, die Figuren sind allesamt sympathisch und die Manga-artige Pixelgrafik von Dio Mahesa erinnert an 90er Anime, jedoch mit viel Liebe zum Detail. Dass es wenig zu „spielen“ und dafür mehr zu lesen gibt, stört nicht weiter. Das Genre der Visual Novels beschreibt ja geradezu den Spielvorgang als ebendiesen: ein Roman mit Illustrierungen.

Heißgetränke zu kredenzen ist hier ein nettes Beiwerk und genauso wie beim geistigen Geschwisterchen VA-11 HALL-A durch das Mixen von drei Zutaten geschehen. Leider fällt dieser Part etwas simpler aus als beim Vorbild. Da ändert auch die Möglichkeit, Latte-Art in den Milchschaum zu zeichnen nichts dran. Das Herz, die Blüte oder das undefinierbare Krickelkrackel beeinflussen nicht den Gesprächsverlauf oder die Reaktionen der Gäste. Da die Steuerung dafür sehr dürftig ausfällt, lasse ich es nach drei Versuchen ganz bleiben. Verschenkte Liebesmüh, hätte dieses Feature doch sehr spaßig sein können. Gerade mit den bewegungssensitiven Joycons auf der Nintendo Switch hätte die gekonnte Kippbewegung des Milchkännchens über die Zeit perfektioniert werden können – wie ein echter Barista das genauso lernen muss.

Abgesehen davon ist Coffee Talk eine gelungene Ablenkung des stressigen Alltags. Die Figuren und Geschichten könnten etwas ausgearbeiteter und tiefgründiger sein, aber vielleicht wollten Toge Productions das auch so, damit die Leichtfüßigkeit erhalten und die Entspannung im Fokus bleibt, statt sich mit bedeutungsschwangeren Themen zu stressen. Für Kaffeefreund_innen eigentlich ein Muss.

8/10 <3

Developer/Publisher: Toge Productions
Genre: Visual Novel
Team: Mohammad Fahmi (Writer/Game Designer), Dio Mahesa (Lead Artist), Hendry Roesly (Artist), Fredrik Lauwrensius (Lead Programmer), Jovan Anggara (Programmer)
Musik: Andrew Jeremy Sitompul
Auszeichnungen: Best Storytelling (Level Up Kuala Lumpur 2018)
Veröffentlichung: 29. Januar 2020 (Steam, GOG, Utomik, itch.io, PS4, Xbox One, Switch)

Autor: Dennis Strillinger

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