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Lost Ember Review | Die Leiden des verschenkten Potenzials

Lost Ember ist eines der eindringlichsten und zauberhaftesten Erlebnisse des Jahres. Eigentlich…

Stell dir mal vor du gehst ins Kino. Du freust dich seit Tagen auf diesen neuen Film von dem du schon so viel gehört hast. Der einen wirklich tollen Artstyle auf die Leinwand tragen soll. Dazu zeigt dieser Film ein pochendes Herz für die Natur und ihre Lebewesen. Und dann erzählt er auch noch eine richtig tolle emotionale Geschichte. Eine, die nicht nur an der Oberfläche des Wohlfühlmediums kratzt. Die richtig tief geht und wichtige Themen anspricht, ohne auch nur ansatzweise Pathos oder Kitsch draufzukleistern. Das wäre Material für den Film des Jahres.

Du gehst also voller Vorfreude ins Kino, fährst langsam die Angespanntheit des Alltags runter und versuchst im roten Sessel des dunklen Saals zu entspannen. Nur noch einmal kräftig durchatmen bevor es losgeht. Kurz an der Brause genippt, und dann schickt das Intro auch schon seine ersten audiovisuellen Vorboten durch die digitalen Kanäle. Sofort zieht dich das Erlebnis in seinen Bann.

Doch nach einiger Zeit friert der Protagonist immer mal wieder völlig willkürlich für zwei Sekunden ein bevor er weiter wandert. Wenn er sich um 90 Grad langsam dreht, scheint es, als würde sich eine Statue von allen Seiten präsentieren. In der Nähe der Hauswand und in engen Gängen verschwindet er plötzlich komplett, während du ein zersplittetes Bild aus ehemaligen Szenenfragmenten gezeigt bekommst. Durch die einladende offene Haustür kann er natürlich auch nicht,  denn das Drehbuch schreibt den langen Weg ums Haus vor. Und manchmal… manchmal, da schwebt er einfach so über den Boden, ohne sich auch nur annähernd zu bewegen.

Lost Ember..? oder, wer ist hier überhaupt verloren?

Falls du nicht sofort den Saal verlassen und dein Geld zurückfordern würdest, wärst du spätestens beim Abspann maßlos enttäuscht und gefrustet. Nur, passiert das in dieser Art im Kino nicht. In Videospielen ist das noch immer viel zu oft die Regel. Regelmäßig gibt es Veröffentlichungen, die noch immer viel zu grob erscheinen, unfertig und unpoliert. Was sie brauchen ist mehr Zeit, die die Developer aber nicht haben. Viel zu oft ist das nicht nur die Regel, es wird auch viel zu selten angesprochen und einfach so hingenommen. Das eigentlich so riesige Potential der veröffentlichten Kunst verpufft… einfach so!

Dass Lost Ember trotzdem so imposant im Gedächtnis bleibt, liegt vor allem an seiner Stärke der Erzählung, der liebevollen Präsentation und der Faszination für die Natur. Hier rückt sich die Theorie der „willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit“ ins Bild. In wie weit kann ich für die Zeit des Erlebens anerkennen, dass das gerade gezeigte oder erlebte künstlerische Werk real ist, wenn die erschaffene Welt auf technischer Ebene immer wieder Funktionsaussetzer zeigt?

Im Fall von Lost Ember wäre die Antwort zwar ambivalent aber überwiegend: „erstaunlich gut!“ Du verzeihst Vieles, vermutlich gar zu Vieles. Aber irgendwann häuft sich dieser „Vieles-Haufen“. Es treibt dir die Tränen in die Augen. Dabei erlebst du Lost Ember auf der zur Zeit kraftvollsten Konsole der Welt (Xbox One X). Eine nicht zeitgemäße technische Einrichtung würde zumindest das Einfrieren während des Ladens neuer Areale erklären. Areale, die bei Reduzierung auf den eigentlichen Fokus des Narrativs nicht einmal nötig wären. Doch erst mal zurück zum Anfang.

Die Natur holt sich zurück was ihr gehört!

Lange ist es her, dass hier einmal Menschen gelebt haben. Ruinen, riesige Bauten und verwilderte Tempel sind die einzigen Zeugen dieser Zeit. Nur ein ehemaliger Bewohner dieser einst mächtigen Gesellschaft schwirrt als leuchtendes Lichtlein noch immer hier umher. Dieser spirituelle Geist trifft auf einen hilfsbereiten Wolf, der erstaunlicherweise selbst die Hilfe des Geistes benötigt. Und so machen sich die zwei gemeinsam auf den Weg, um in der Stadt des Lichts ihren Frieden zu finden.

Auf dem Weg dorthin werden sie an bestimmten Punkten der Welt mit verschiedenen Erinnerungen der antiken Kultur der Yanrana konfrontiert. Dessen Bild verdichtet sich mit jedem Voranschreiten zu einer Geschichte um Loyalität, Hoffnungslosigkeit und Verrat, aber auch Freundschaft, Familie, Liebe und Verlust.
Mooneye Studios aus Hamburg stricken mit jedem weiteren Triggern einer Erinnerung das reichhaltige Netz einer vielschichtigen Erzählung. Eine einfühlsame, emotionale Geschichte, die erst gegen Ende ihr voll umfängliches Bild verrät und dadurch immerzu als Antrieb und Motivation dient. Lost Ember ist ganz große Videospielautor_innenkunst.

Die einzelnen Erinnerungen sind Teil eines Ganzen, das die beiden Wanderer auf ihrem Weg in die Stadt des Lichts in Abschnitten noch einmal erleben müssen, um eine imaginäre Glocke des Bereichs durchbrechen zu können. Eine visuell starke Umsetzung der Aufarbeitung und des Reflektierens dieser Gedanken.

Einmal Wolf und zurück

Doch immer wieder treffen die Beiden auf Grenzen, an denen der majestätische Wolf die Hürden der Natur nicht überwinden kann. Doch der Wolf ist ein zunächst unscheinbarer Seelenwanderer, der andere Lebewesen für eine unbestimmte Zeit bewohnen kann. Und so schwirrt die Seele des Wolfes immer wieder in die weiteren Bewohner der Welt, um als Wombat, Ente, Vogel, Bergziege oder Fisch die natürlich gesetzten Grenzen zu überwinden. Und so wackelst du durch kleine Tunnel, wühlst dich durch den Boden, schwimmst durch Seen und Flüsse oder überwindest große Schluchten mit einem Flügelschlag.

Lost Ember ist ein Exploration-Adventure, das in seiner anmutenden Welt nicht nur Erinnerungen verteilt hat, sondern auch verschiedene Collectibles wie Pilze und Relikte, die du sammeln kannst. In größeren Arealen ist es möglich umherzustreifen, die Nase zu rümpfen und nach ihnen zu suchen. Doch allein die Erinnerungen sind es, die wirklichen Reiz versprühen. Und so mutiert das Exploration-Adventure eher zu einer Art Narrative-Adventure, das in den größten Zonen etwas die Hilfestellung zur Findung des rechten Weges aus den Augen verliert.

Zudem ist der reizvolle Wechsel der Wesen nur vor diesen räumlichen Hindernissen wirklich nötig. Die jeweiligen Tiere warten dort quasi immer auf dich, ohne sich sonst sinnvoll in der Welt zu verteilen. Darüber hinaus gibt es wenig Grund überhaupt das Erscheinungsbild zu ändern. Lost Ember verlangt es weder von dir, noch ermöglicht dir Mooneyes Werk tatsächliche Freiheit. Denn kleine Abhänge oder Felsvorsprünge kannst du nicht mal eben mit einem Vogel überwinden. Unsichtbare Wände und das Zurücksetzen an den Ausgangspunkt verhindern ein unendliches Abtauchen in die faszinierende Welt. Aus dem pochenden Herz für Natur wird künstliche Einschränkung.

Die Parabel der ambivalenten Rezeption und der Tragik

Was Lost Ember in meisterhafter Erzählung, ausladendem Sounddesign, kunstvoller Gestaltung, dem faszinierendem World-Building und jedem weinerlichen „Auuuhuuuu“ des Wolfs gewinnt, verschenkt es an technische Fehler, holprige Animation und unnötige Limitierung.
Sie reißen dich immer wieder aus der eigentlich wundervoll funktionierenden Illusion. Immer wenn das Bild für kurze Zeit einfriert, wenn der Wolf auf der Stelle wie ein Modell gedreht wird (vielleicht ist ein Wolf zum Verweilen aber auch einfach nicht geschaffen), wenn er in der Nähe von Felsen völlig verschwindet und sich die Kamera in selbigen verhakt, wenn die Ente nur abwärts fliegen kann, nicht aber über einen einfachen Stein hinauskommt, genau dann stellt sich Enttäuschung ein. Enttäuschung über verschenktes Potenzial. Enttäuschung darüber, dass ein eigentlich perfektes Erlebnis aufgrund technischer Makel nicht das perfekte Erlebnis sein kann.

Dabei wurde das Adventure schon um vier Monate von einem Juli 2019 auf einen November 2019 Release verschoben.
Da entlockt dir die Schildkröte, die jeglicher Bewegung abgeschworen hat und einfach leblos über den Boden schwebt am Ende wirklich nur noch einen völlig verzweifelten Seufzer.

Trotzdem schafft es Lost Ember mit den prägnanten Begleiterscheinungen ein wirklich prägendes Erlebnis zu hinterlassen – nahezu Paradox. Ein prägendes Erlebnis, das am Ende dann doch nur noch mehr Verzweiflung hervorruft. Denn mit flüssigen Animationen und ausgemerzten Bugs, hättest du hier vermutlich vom hinreißensten und emotionalsten Erlebnis des Indie Jahres gelesen.
Jetzt wo du diesen Satz schreibst, rollt dir wieder ein Tränchen hinunter. Aufgrund des Erlebten auf der einen, aufgrund der Enttäuschung auf der anderen Seite. Lost Ember hat es seiner speziellen Auslegung, seinem erlebbaren Herzblut zu verdanken, dass es diese Fehler geradeso noch wegstecken kann. Es bleibt ein einzigartiges Erlebnis. Jedoch auch eines, das bei der Aufarbeitung der Performance nahezu unendlich eindringlicher hätte sein können. Das Erleben von Lost Ember kommt einer Tragödie gleich. Nicht nur auf dem Bildschirm, sondern auch auf dem Sofa.

Ich hoffe, dass Mooneye den Weg in die Stadt der technischen Fehlerfreiheit mit ihrem so liebenswerten Wolf, dem kleinen Lichtlein und ihrem so dermaßen kreativen Team noch finden werden, damit am Ende der Reise das einzigartige Erlebnis als einziger heller Schein in der Erinnerung der Spielenden für reichhaltige Emotionen sorgt.

6/10 <3

Developer / Publisher: Mooney Studio
Team: Tobias Graff (Programming, Technical Art), Maximilian Jasionowski (Concept Art, Texturing), Pascal Müller (Programming), Matthias Oberprieler (3D Design, Level Design), Sinikka Compart (Producer)
Auszeichnungen: „Indie Award“ (Gamescom 2018), „Best Newcomer – 2nd Place“ (Deutscher Computerspielpreis 2016)
Veröffentlichung: 22. November 2019 (Steam, PS4, Xbox One)

Autorin: Benja Hiller

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