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F1 2019 Review | …und jährlich grüßt das Bolidentier

Jubiläum. Seit 2009 kümmert sich der unabhängige Entwickler Codemasters um das virtuelle Formel 1 Happening des Jahres. Was kann dir die sich jährlich erneuernde Rennsimulation neben neuen Namen und Designs diesmal geben?

Nur noch die letzte Rechtskurve vor Start und Ziel. Allen Mut zusammennehmen, den Scheitelpunkt optimal erwischen und dann mit Vollgas rausbeschleunigen, bloß nicht lupfen, um die größtmögliche Geschwindigkeit mit auf die Gerade zu nehmen. DRS Zone exakt erwischt. Der Heckflügel deines Boliden legt sich flach in den Wind. Das hektische Rauschen nimmt hörbar zu. Vor ein paar Stunden noch hast du deinen orangefarbenen McLaren im 3. freien Training bei der schnellen links/rechts Kombination an die Wand gesetzt. Zu früh auf dem Gas. Das Heck des Wagens war nicht mehr einzufangen und wollte dich unbedingt überholen. Frontflügel und Aufhängung mussten dran glauben. Die entspannte Mittagspause deiner Boxencrew auch. Weitere Tests, um die perfekte Feinabstimmung für das Qualifing zu finden, ausgefallen.
Mit 300km/h rast du der Ziellinie des Albert Park Curcuit, Melbourne, Australien entgegen und überquerst sie. Der Boxenfunk schaltet sich ein. Es ist Jeff, dein Teamchef: „Awesome mate. That’s P1. Pole Position!“

Road to F1

Zehn Jahre Codemasters Formel 1 bedeuten zehn Jahre streben nach Perfektion. Zehn Jahre Rennsimulation. Zehn Jahre auf der Suche nach der richtigen Balance, die F1 Fans, Rennspielsuchtis, Simulationsfreaks, Erstis und Sonntagsfahrer_innen gleichermaßen zufriedenstellt. Jedes Jahr ein wenig mehr. Jedes Jahr wenn irgend möglich mehr von dem was die treuen Seelen so immerwährend einfordern. Eine unmögliche Aufgabe?

In F1 2019 scheint Codemasters die perfekte Balance gefunden zu haben, die in jeder denkbaren Schwierigkeitsstufe das gewünschte mehr oder weniger herausfordernde Erlebnis herbeiführt. Zwischen Bremshilfe und ausgeschalteten Anti-Blockiersystem, zwischen schienenartiger Traktionskontrolle und Potenzwahnsinn auf der Hinterachse. Du stellst dir deine F1 Erfahrung genau so ein wie du sie brauchst. Inklusive herausfordernder Schwierigkeit deiner Kontrahenten, hochglanzpolierter Strecken, matt lackierten Rennboliden und 4K-Inszenierungen.

Doch der Weg in die F1 führt wie immer über die F2. Na klar! Zum ersten Mal ist die F2 sowohl in lizenzierter Form im abgespeckten Saisonmodus im Spiel anwesend, als auch als kleiner Story-Mode mit kräftig aufmuckenden Rivalen und vorgefertigten Szenarios als Einstieg in deine Karriere. Ein netter Prolog, um dich auf die turborisierten High-Tech Hybridkisten vorzubereiten. Die Karriere bietet groß angelegtes Teammanagement, Entwicklungsmöglichkeiten, den Teamwechsel zwischen den Saisons – auch unter KI-Fahrern – und das nötige Übel der Öffentlichkeitsarbeit, Interviews. Ein nett eingebettetes rundum Sorglospaket der virtuellen Version einer Rennfahrer_innen Karriere. Kein Bock auf langes Geplänkel? Wie immer kannst du dich auch auf Einzelevents, im Zeitfahren und im Onlinemultiplayer austoben. Neben allen F1 und F2 Fahrzeugen gibt es ausgewählte klassische Formelboliden von den 70ern bis heute und – vorausgesetzt du hast ein paar Klimpergelder mehr für die Legends Edition ausgegeben – ebenfalls eine Hand voll vorgefertigte Checkpointrennen und Szenarios aus den legendären Duellen zwischen Senna und Prost in den 90er Ungetümen McLaren MP4/5B und Ferrari F1-90. Immer noch nicht genug? Wöchentliche Challenges und Online Ligen halten dich in deinen individualisierten Kisten und Klamotten bei Laune.

„Hey guck mal, Streckenposten“

Egal für welches Rennerlebnis du dich entscheidest, F1 2019 fühlt sich wahnsinnig organisch an. Gerade in der Cockpitperspektive und der nahegelegenen TV Kameraperspektive, die etwas mehr Übersicht garantiert, wirkt die Vermittlung von Geschwindigkeit sensationell. Egal ob krasse Kehre, lange Gerade oder schnelle Kurvenkombination. Immer hast du durch die exakte Fütterung der einzelnen Vibrationselemente innerhalb des Controllers eine exakte Rückmeldung der Straßenlage. Und damit auch zu jeder Situation den genausten Überblick. Übersteuern, Untersteuern, zu viel Gas, unstimmiges Aerodynamicsetting? Dein Freund das furchtlose Fahrzeug verrät es dir. Passt etwas nicht, kannst du es vor den Rennen innerhalb der Trainings äußerst detailliert abstimmen. Federweg, Bremsbalance, Flügelsetting, Reifenmischung/-druck, Tankvolumen, Getriebeabstimmung. Die Vielfalt kennt kaum Grenzen und doch kannst du, bei angepasster KI, mit den gesetzten Voreinstellungen durchaus hervorragende Ergebnisse erzielen. Der Rest ist nerdiges Beiwerk für Purist_innen auf der Suche nach der letzten Sekunde im Kampf mit den Besten.

Was sich in der technischen Wahrnehmung andeutet, breitet sich in der audiovisuellen Darbietung weiter aus. Ein imposantes Fahrgefühl ist nicht immersiv, wenn das Gesamtpaket nicht stimmt. Codemasters haben sich für F1 2019 noch einmal mit den Details aller Strecken vertraut gemacht, das Licht und Schattenspiel perfektioniert und alle Eigenheiten integriert. Nur Zeit sie zu betrachten hast du in der flüssigen Frameratewelt eigentlich nicht. Alles rauscht an dir vorbei. Eine langsame Genussrunde ist aber gerade in Monaco empfehlenswert, denn sonst verpasst du das reflektierende Meer, die hochstehende Sonne, die ihre Schatten auf der Strecke ausbreitet und die sich imposant auftürmende Architektur entlang des Kurses. Genau dann hast du auch Zeit den netten Fahne schwenkenden Streckenposten einen Gruß zu entsenden. Er sorgt mit seinen Kumpels schließlich für deine Sicherheit.

„Ruhe Jeff!“

Neben jeder fernsehreifen, kommentierten Präsentation vor jedem Rennen wirkt vor allem das eindrucksvolle Sounddesign immens. Zwischen sich ankündigenden Wagen hinter dir, schreiendem Motor und stetig zunehmendem Windgeräusch – das sich noch einmal beachtlich ändert wenn du mittels DRS deinen Heckflügel offen klappst – versucht Jeff dir ruhig und besonnen alle wichtigen Informationen zu Auto, Strecke und Rennverlauf zukommen zu lassen. Genau dann tritt auch die übliche Rennhektik ein. Wenn Jeff eine Antwort auf geänderte Boxenstrategie oder die Anpassung der eingespeisten Energie des Elektomotors fordert. Dann kannst du zwischen Überholvorgang, eingeleiteter Bremsung und Spitzkehre die Auswirkungen des modernen Rennsports erleben. Hallo Koordination! Von wegen Gas geben, bremsen, hupen. „Shut up, Jeff!“ Deine Konzentration leidet bei diesem reaktionsreichen Geschehen in jeder Runde. Ein paar Stunden F1 2019 ist höchste psychische  Beanspruchung.

Das Renngeschehen wird durch die nahezu herausragende Rennintelligenz deiner KI-Gegner dirigiert. Sie scheren nicht nur in freien Trainings aus und lassen dich vorbei wenn du gerade auf einer schnellen Runde bist. Sie agieren auch im Renngeschehen äußerst realistisch. Rad an Rad Kämpfe auf der Geraden und enge Überholmanöver in Kurven werden fair und trotzdem fordernd gestaltet. Sie beharren nicht auf ihrer Ideallinie und drängen dich nicht von der Strecke, sie lassen dir Platz, kreieren aber dennoch auch Fehler wenn absolut kein Platz mehr vorhanden ist. Sie bremsen wenn du vor ihnen einen Dreher produzierst, crashen aber dennoch in dich rein, wenn sich die Situation unausweichlich darlegt. Ohne dich scheinen sie perfekt, denn große Crashes unter den KIs mit eventueller Folge von Safety Car Phasen sind erstaunlich selten, technische Defekte und kleinere Rempler aber durchaus im Rennalltag vertreten. Ein offensichtlich ganz normaler Rennablauf.

Pole Position

Nur wenig und noch viel weniger Spielerlebnisbeeinflussendes stört die perfekte Illusion der F1 Rennaffäre. Das von der Community viel gewünschte Graining des Reifens zum Beispiel. Also die sichtbare, punktuelle Auflösung des Reifens. Schlechter werdende Reifensätze sind zwar spürbar, aber optisch nicht erkennbar, außer, du hast einen Platten. Auch scheint Ferrari in der aktuellen 1.03 Version außergewöhnlich stark. Beim aktuellen Mercedes dominierten Verlauf der Saison ein wenig fragwürdig, aber genauso charmant in seiner eigenwilligen Inszenierung, da sich das Feld ebenfalls des öfteren mal mischt. Auch mancher Kommentar innerhalb der Eingangsinszenierung wiederholt sich recht schnell. Die Cockpitperspektive bietet durch den Halo schon genug Sichthinderung. Durch die Wahl des Ausschnitts dieser Perspektive kannst du aber nicht mal mehr in die Rückspiegel sehen. Die befinden sich zum größten Teil außerhalb des Bildes, was die organische Umsicht etwas beeinträchtigt. Doch all das ist nichts, was den generellen Spielspaß und das Simulationserlebnis in größeren Mengen indoktriniert. Und zudem lässt sich all das patchen.

Codemasters haben mit F1 2019 weiter an der Feinabstimmung ihres gewaltigen Bolidens geschraubt und nicht minder das beste F1 Erlebnis bis hier her erschaffen. Wie die F1 Teams am Rennwochenende, schrauben sie in ihrem unabhängigen Team an der stetigen Perfektionierung, suchen unerforschte Lücken, integrieren Innovationen und schmeißen lästigen Krempel über Bord. Nicht, ohne manches mal auf die Nase zu fallen. Aber große Teams mussten eben immer wieder Rückschläge einstecken, um aus den Fehlern zu lernen und die bestmögliche Version ihrer Vision zu konzipieren. F1 2019 schafft eine gewaltige Rennillusion, die von audiovisueller Seite enorm eindrucksvoll gestützt und mit ihrer technischen Abstimmung für viele zugänglich erscheint. Codemasters finden ausreichende Balance innerhalb deines gewünschten Geschehens. Ob robustes arcadiges Schienengefahre ohne Skrupel und Schäden oder weise ausklamüserter Rennstrategie mit seichter Gaspedalbehandlung und manueller Schaltung, abseits jeglicher elektronischen Unterstützung. F1 2019 ist das, was du draus machst. Codemasters liefern dir die die nahezu makellose Basis.

Brauchst du F1 2019 wenn du bereits F1 2018 gespielt hast? Wenn du jede kleinste Verbesserung erleben willst und Aktualität deinen Eindruck beeinflusst? Vermutlich! Wenn du immer das beste simulierte Straßenrennerlebnis im Haus bereitliegen haben möchtest? Vermutlich! Wenn dir intensive, faire Wettbewerbe und Umfang wichtig sind? Vermutlich. Wenn du aber nur dann und wann mal kurz ne Runde drehst? Vermutlich nicht! Die jährliche Ausgabe richtet sich an die, die jeden Schritt in der Perfektionierung des Happenings Virtuelle Formel 1 miterleben möchten. An die, die jede Woche mit ihrem individualisierten Boliden unterwegs sein werden. An die, die immer näher an die wahrhaftige Erfahrung eines Profirennfahrers heranrücken wollen und an die, die einfach fasziniert von dem Thema F1 sind. Für alle anderen reicht vermutlich ein zweijähriger Pit Stop in Codemasters Boxengasse.

9/10 ❤

Developer/Publisher: Codemasters
Veröffentlichung: 28.06.2019 (PC, PS4, Xbox One)

Autorin: Benja Hiller

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