Kolumnen und Kommentare

Lass uns über „E3 Pressekonferenzen“ reden.

Die E3 Pressekonferenz. Ein beliebtes Mittel zur Kommunikation mit der versammelten Spielerschaft. Ein fragiles Gebilde aus Information, Show, Überraschung und Wahnsinn. Doch dieses Gebilde kippt.

Es kippt sogar so sehr, dass manch Vertreter vorab seine komplette Abwesenheit verkündet. Ganz nach dem Motto: „Hast du nichts sinnvolles beizutragen, sag lieber gar nichts!“ Sonys viel kritisierter Schritt zur diesjährigen Abwesenheit mutiert immer mehr zur absoluten Weisheit. Warum?

Live on Tape

Durch den starken Wandel der Medienlandschaft hat sich auch die Weitergabe von Information geändert. Wurden bis Ende der 2000er Jahre noch etliche Journalist_innen zu diesem einzigartigen Event geschickt, um im nächsten Heft über die spektakulärsten Hypes zu berichten, kannst du jetzt jede noch so kleine Änderung auf dem Gelände des Covention Centers in LA live mitverfolgen. Rund um die Uhr! Nur du und die E3. Berichterstattender Journalismus? Beinahe überflüssig!
Reine Presseevents wandelten sich zu riesigen Shows mit Samstagabend Wetten Dass..? Flair. Promis, Musik, Entertainment und die ganz großen Ankündigungen. Doch warum sollten Unternehmen genau auf dieses eine Ereignis warten und größtmöglichen Aufwand betreiben, wenn sie ihre Informationen unmittelbar, einfach und direkt zu jeder Zeit zu dir ins Wohnzimmer transportieren können? Inzwischen machen sich nur noch wenige die Mühe ein ansprechendes Programm auf die Bühne zu stellen, das sowohl informiert, als auch unterhält. Mit Gameplay gespickt, von Überraschungen durchsät und ein Unterhaltungswert, der deinen Konzert oder Kinobesuch ersetzt?

Überraschungen gibt es zumeist überhaupt nicht mehr. Leaks, eigene Ankündigungsmöglichkeiten und -formate verhindern den Überraschungseffekt. Die volle Kontrolle zerstört die Show. Liveübertragungen werden durch vorab gedrehte Videos verdrängt, in denen Peinlichkeit, Menschlichkeit und Missgeschick keinen Platz mehr haben. Ein immer gleichbleibendes Muster etabliert sich. Den Charme im Keim erstickt.
Dem gegenüber steht jedoch die immer noch gleich gebliebene Erwartungshaltung auf Seiten der Zuschauer_innen. Du erwartest ein Event wie damals zu Weihnachten, als du ungläubig deinen Atari 2600 aus der festlichen Verpackung befreitest und bekommst fettige Pommes rot/weiß von der Bude nebenan, bei der das versiffte Recyclingpapier deine Hände in einen leichten Film aus Fett taucht. Eine Schieflage, die nicht funktionieren kann.

One More Thing

Und da der Erwartungsdruck irgendwie erfüllt werden muss, lassen sich die diversen Firmen der Gaming Industrie zu völlig absurden Mitteilungen hinreißen, die mit der Zeit in der Entwicklungshölle ersticken und den Frust in dir drastisch ansteigen lassen. Da wird dann mit kurzen pompösen Szenen versucht zu schlichten, ein Schriftzug erscheint, ein neuer Teil der heißgeliebten Serie sei in Entwicklung. Die nächste Konsole ist schon in Arbeit. Zeigen? Nee, wir sagen dir das ja jetzt! Das sorgt zum aktuellen Zeitpunkt eventuell für ein breites Grinsen auf deinen Mundwinkeln, doch nach zwei bis fünf Jahren in der Versenkung fragst du dich dann irgendwann, warum? Warum nicht warten bis etwas wirklich Sehenswertes vorhanden ist? Warum nicht einfach ein Gespräch mit einem Magazin suchen, um frühe Stadien bekanntzugeben? Der medialen Aufmerksamkeit zu liebe, dessen Energie völlig verpufft?

Im Sog des Müssens wissen die fetten Entertainment Riesen nicht mal mehr selber was sie eigentlich noch zeigen sollen. „Orchester?“ „Geht immer!“ „Gameplay?“ „Nee, lieber nicht, dauert zu lange und könnte bei Livedurchführung völlig knallen. „Außerdem sehen ja dann alle, dass die Spielwelt nicht ansatzweise dem Gezeigten des hochpolierten Cinematic-Trailers standhalten kann. Weißte noch wie der Nathan Drake damals einfach ne Minute bewegungslos rumstand?“ „Haha, ja oder diese Allstar-Nintendo Band mit Miyamoto, die dieses Nintendo-Musikstück auf der Wii nachspielen wollten!“ „Klassiker!“ „Lass doch noch mal irgendwen irgendwas erzählen.“ „Zur Not mit nem Hund.“ „Ja man, nen Hund!“ „Umsonst kommt auch immer gut an!“ „Achso umsonst Mobile Games jetzt nicht?“ Aber wir könnten doch Leute von uns dahinsetzen, die ständig wie bekloppt jubeln!“ „Ach man, dann komm Keanu, du reißt das rum!“ „Remaster eines Lieblingsfranchises? Oder irgendwas retroinspiriertes? Retro ist in, Pixel und so!“ „Norbert du Fuchs. Lass direkt mal zehn davon zeigen.“ „Letztes Jahr haben sich alle über dies beschwert, lass uns das mal nicht machen. Lieber nur das andere!“ „Jau, das andere!“
Eine Balance die völlig aus dem Gleichgewicht gerät und in Trailerparaden mit Grinsebackenpause oder völlig steifen, exakt durchgescripteten 30 Minuten Videos vor weißem Hintergrund enden. Und doch freust du dich jedes Jahr aufs neue. Was ein Paradoxon!

Spritzendes Blut hilft immer! IMMER!

Was willst du also machen, sagen und ankündigen, wenn zumeist alles bekannt, zu nah an einem bereits gesendeten Update liegt oder das mögliche Projekt sich in einem viel zu frühen Stadium befindet, um es der Öffentlichkeit anzupreisen? Und gesetzt dem Fall, dass egal wie du es machst, immer eine große Breitseite mit deinem Konzept absolut nicht Konform geht und die nächste schlechteste Konferenz aller Zeiten herbeiredet. Inklusive Grimassen-Thumbnail, Live-Reaction und Rant-Video. Du ahnst es vermutlich, denn die Antwort liefert Sony dieses Jahr höchst selbst ohne überhaupt anwesend zu sein. Nichts!

Oder aber du drehst einfach einen 18 minütigen B-Movie namens „Big Fancy Press Conference“, in dem du all das verzweifelte Gehabe thematisierst und die Notwendigkeit dieser Veranstaltungen in dieser Form völlig hinterfragst. Du sendest einfach eine perfekte Parodie in satirischer Form mit treffendem Sarkasmus auf die aktuelle Lage. Völlig überdrehtes Laienspiel trifft auf ein Monster und überall spritzt ganz viel Kunstblut. Also so richtig viel. Danke Devolver Digital!

Autorin: Benja Hiller

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