Tomb Raider (2018) | Film-Kritik | Zur Abenteurerin in eineinhalb Stunden

Tomb_Raider_201817 Jahre nach dem ersten Tomb Raider Filmversuch und fünf Jahre nach dem Videospiel-Reboot hüpft Lara Croft, eine der größten Heldinnen der modernen Popkultur, erneut auf Kinoleinwänden umher. Ein Abenteurerinnen Crashkurs. 

Eigentlich ist Lara Croft (Alicia Vikander) eine junge unabhängige Fahrrad-Kurierin aus London mit leichtem Faible zum Kampfsport. Das Erbe ihres Vaters, dem Chef der Croft-Holding, anzutreten verweigert sie vehement, denn sie glaubt nicht an dessen Tod, nachdem dieser vor sieben Jahren spurlos verschwunden ist. Doch als Lara während eines illegalen Fahrradrennen (ja, so etwas gibt es offensichtlich wirklich, in irgendeiner Art und Weise. Nur wird das selten am Tage ausgetragen) von der Polizei erwischt wird und durch Ana Miller, der ehemaligen Geschäftspartnerin Richard Crofts, herausgeboxt wird, überzeugt diese Lara das Erbe doch endlich anzunehmen. Daraufhin findet sie Hinweise, die auf den letzten Aufenthaltsort ihres Vaters, eine der Inseln des ehemaligen Reichs Yamatai, schließen lassen. Hier hat ihr Vater wohl im Geheimen die Mysterien der japanischen Königin Himiko untersucht. Kurzerhand beschließt Lara sich dorthin aufzumachen und nach Spuren des Verbleibs zu suchen.

Gute Videospielverfilumg Versuch 137

Und damit willkommen zu einem erneuten Versuch aus dem Medium Spiel in irgendeiner Weise einen adäquaten Film zu erschaffen. Das Vorbild diesmal? Das gleichnamige Reboot von 2013, in dem du in vielen vielen Stunden die Protagonistin Lara Croft auf ihrem, zum größten Teil schmerzhaften Weg hin zur ausgebufften Abenteurerin (vielleicht aber auch Massenmörderin) begleitest.

Auch wenn sich die Filmversion nahe an der eigentlichen Atmosphäre des Spiels bewegt, sie kann dir nicht die selben Emotionen übermitteln. Das drastische Problem ist tatsächlich die Zeit. Während du im Spiel über etliche Stunden eine persönliche Beziehung zu Lara aufbaust, rauscht der Film gerade zu hektisch an dir vorbei. Er hat einfach keine Zeit. Keine Zeit für Charakter-Entwicklung, keine Zeit für vielfältigen Überlebenskampf, keine Zeit für Perspektiven. Die Film Lara hechtet nahezu durch ihren geradlinigen Storystrang. Sie scheint kaum Entwicklungsphasen durchmachen zu müssen, um zum ersten Mal in ungewohnter Dschungel-Umgebung zu bestehen. Lediglich kleine unvorhergesehene Ereignisse kreuzen ihren Weg, die sie aber äußerst schnell zu meistern weiß. Sie hat sogar weniger Unterstützung von Freunden und Team-Mitgliedern als im Vorbild und trotzdem wirkt sie zwischendurch weniger unabhängig. Unter diesem Aspekt harmonisiert die treibende, emsige Musik von Komponist Tom Holkenborg (alias Junkie XL) geradezu mit dem Gezeigten.

Wohin mit dieser Kraft des ungestümen Gewächs?

Ist das alles schlimm? Nein nicht im Geringsten. Die Tomb Raider Filmversion bildet ihren eigenen Drive, der am meisten von der glaubhaften und geerdeten Alicia Vikander profitiert. Du hättest dir nur ein wenig mehr gewünscht. Die Actionszenen scheinen 1:1 aus der Videospiel-Vorlage übernommen worden zu sein und trotzdem erzeugen sie einen anderen Eindruck. Die angesprochene Hektik setzt sich auch hier fort. Statt der Bedrohlichkeit ihren Raum zu geben und eine starre Einstellung zu wählen, wird hier geschnitten was der Beruf des Schnipselmeisters hergibt. Du kannst schließlich nicht Sekunde um Sekunde das Selbe zeigen. Einmal blinzeln und fünf Schnitte wurden vollzogen. Spannende Entwicklungen verlieren ihre Bildgewalt und tauschen gegen pure Rastlosigkeit.

Und vielleicht ist es tatsächlich das, was der ganze Schnitt, die ganze unbändige Energie, der Sprint bis zum Abspann aussagen möchte. Lara Croft ist eine rastlose Persönlichkeit, die sich eigentlich erst finden muss, aber trotzdem weiß was sie will.

So macht das Gesamtwerk von Roar Uthaug auch irgendwie doch Spaß. Du findest immer wieder Szenen, die dich in die Welt des Spiels zurück katapultieren und schmunzeln lassen. Lara am Strand? Wenn jetzt noch ein paar Krabben auftauchen, könnte sie diese erschießen, um ein Achievement zu erhalten, das ihr ganze 5 Punkte zum Gamerscore hinzufügen lässt. Als sie sich dann auch noch einen Platz am Lagerfeuer sucht, ist es um dich geschehen. Endlich, denkst du, sie kann in Ruhe einen Speicherpunkt setzen, eventuell hier her zurückkehren oder ihre Waffen upgraden!

Kuscheln und liebhaben

Nah dran und doch so weit weg. Eine unbändige Reise durch bekannte Szenen und abgewandelte Storypfade. Am Ende ist Tomb Raider völlig solide, aber eben nicht sehr gut und leider auch nicht das, was du erwartet hast. Bis auf Vikander bleiben die meisten Darsteller blass. Ein interessantes wechselseitiges Spiel und gewaltige Antagonisten sind so nicht möglich. Tomb Raider braucht mehr als einen schießwütigen Mathias Vogel, der seinen Namen nicht richtig aussprechen kann.

Aber genau wie Lara, muss Tomb Raider der Film wohl erst seinen Platz im Abenteurer-Universum finden. Er braucht Zeit, um sich zu entwickeln. Dann, ja vielleicht dann kann das wüste Grabräuber-Pflänzchen Triebe entwickeln, die vielfältig erscheinen, dem Hektischen ein wenig Ruhe vermitteln und den zwischenmenschlichen Beziehungen und Charakterzügen Profile und Tiefe verleihen. Genau dann kann Tomb Raider wachsen, aus seiner klaren Struktur ausbrechen und vom kurzatmigen, netten Spaß zum wundervollen Abenteurer-Franchise werden. Die Wurzeln im Ursprung fest verwachsen, aber auf eigenen Beinen gekonnt die Felswand hochkletternd, dem nächsten Schatz entgegen fiebernd.

Die Hoffnung hast du jedenfalls noch nicht aufgegeben. Warum auch? Noch einmal so gekonnt vor die Wand fahren, wie mit dem zweiten Tomb Raider Film von 2003 ist ja auch gar nicht möglich. Eigentlich hat das Ganze ja paradoxerweise irgendwie Spaß gemacht. Du wartest also weiter auf die sehr gute, überzeugende Videospielverfilmung. Der Abenteurerinnen Crashkurs ist jedenfalls beendet, die Zeit für ernsthafte Entwicklung scheint gekommen.

6/10 ❤

Auf Wunsch gibt es den Trailer hier auf Deutsch.

Filmstart: 15. März 2018
Besucher: 165.000 (allein am Startwochenende bis zum 18. März 2018)
Regie: Roar Uthaug
Drehbuch: Geneva Robertson-Dworet, Alastair Siddons, Evan Daugherty
Musik: Junkie XL
Schauspieler_innen: Alicia Vikander (Lara Croft), Walton Goggins (Mathias Vogel), Dominic West (Lord Richard Croft), Daniel Wu (Lu Ren), Kristin Scott Thomas (Ana Miller)

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