LOVING VINCENT | Film-Kritik | Ein Kunstwerk lernt laufen

VincentWenn ein Ölgemälde anfängt sich zu bewegen, ist meist eine lebhafte Inszenierung, die deine Phantasie beeinflusst, für diesen Vorgang verantwortlich. Wahlweise auch LSD! In diesem Fall aber, ist es Loving Vincent. 

So richtig Bock hat Armand Roulin nicht, den Auftrag seines Vaters und alten Postmann Joseph Roulin auszuführen. Ein letzter Brief von Vincent van Gogh soll seinem Bruder Theo zukommen. Doch der Empfänger kann nicht ausfindig gemacht werden, weswegen Armand in die Stadt reist, in der Vincent die letzten Tage seines Lebens verbracht hat. Seine Recherchen führen schon bald zu Unstimmigkeiten und Widersprüchen im Zusammenhang mit Vincents Tod, während seine Faszination für den Menschen hinter van Gogh immer weiter ansteigt und er fest entschlossen scheint, die „Wahrheit“ herauszufinden.

„Jedes Bild ein Kunstwerk“. Keine Aussage könnte Loving Vincent treffender umschreiben. Aus einem real verfilmten Werk, das ca. 120 Bilder van Goghs umsetzt, wurde jede Szene, jedes einzelne Bild in ein eigenes Ölgemälde umgewandelt. Am Ende hatten 120 Maler_innen ca. 65.000 Werke geschaffen, die zusammengesetzt und animiert wurden. Es entstand eine faszinierende und äußerst beeindruckende Bildgewalt, die in ihrer Eigenständigkeit schon völlig berauschend wirkt. Als wärst du noch einmal dabei, wie das Kino und der Film, um die Jahrtausendwende hin zum 20. Jahrhundert, das Laufen lernt. Um die Ungewöhnlichkeit des Menschen und seiner Werke zu unterstreichen, zeigen Dorota Kobiela und Hugh Welchman das ganze Geschehen dann auch nicht im üblichen Kinoformat, sondern nahezu quadratisch. Zudem finden die Bilder nie zur Ruhe. Jeder neue Pinselstrich führt zu einer völlig neuen Sicht, was zuweilen leicht unruhig wirkt, aber die Grundstimmung damit super transportiert.

Und so erkennst du in jeder Szene ein van Gogh Meisterwerk, das plötzlich zum Leben erweckt und in den Film eingearbeitet wird, um zu dir zu sprechen. Alle Portraits, alle Stillleben treiben eine einzigartige Atmosphäre vor sich her, die von dem wundervollen Soundtrack des Clint Mansell unglaublich schön untermalt wird und mit dem tollen Cast an Authentizität gewinnt.

Als wäre das nicht genug, trifft nun ein völlig neu geschaffenes Kunstwerk auf eine Art Film-Noir, der die Faszination für den Menschen Vincent van Gogh wunderbar transportiert. Das Zusammenspiel aus Crime-Story, kunstvoller Interpretation und dem Nahebringen des Meisters der modernen Kunst funktioniert glänzend. Es entsteht eine Spannung, die Biopics nur selten versprühen. Während Roulin auf der Suche nach der Wahrheit ist, erfährt er in schwarz/weiß Flashbacks immer mehr zu van Goghs Lebensumständen, seiner psychischen Krankheit, dessen wundervolles Wesen und seiner Liebe zu seinem gesamten Umfeld. Sowohl zur Natur, als auch zu seinen Mitmenschen.

Loving Vincent verfolgt einen äußerst künstlerischen Anspruch, der durch die greifbare, packende Geschichte an Zugänglichkeit gewinnt. Sie wurde aus 800 verbliebenen Briefen, die van Gogh an vertraute Menschen schrieb, zusammengestrickt. Der Film schmeißt schnöde Fakten, eine Kriminalgeschichte, einen interessanten, mysteriösen Mann, hunderte von Kunstwerken und einen leicht düsteren Anstrich in die Küchenmaschine, zerstückelt das Ganze auf Turbostufe und kocht es zu einem unglaublich angenehmen Smoothie, der dir alle Sinne stimuliert. Loving Vincent ist ungewöhnlich und schön, unruhig und äußerst bitter, mitreißend und faszinierend, niederschmetternd und motivierend, dabei aber immer wunderschön. Ganz so als würden dein Lieblingskunstwerk und deine Herzens Film-Noir-Graphic-Novel zu Karamell verschmelzen und den unglaublichen Geschmack dein Leben lang auf deiner Zunge ausbreiten.

9/10 ❤

Den Trailer gibt es ausnahmsweise auf Deutsch, da wir die englische Fassung nicht sehen konnten.

Filmstart: 28. Dezember 2017 (Deutschland)
Besucher: 191.629 (Stand 21. Januar 18)
Regie: Dorota Kobiela, Hugh Welchman
Drehbuch: Jacek Dehnel, Dorota Kobiela, Hugh Welchman
Musik: Clint Mansell
Schauspieler_innen: Douglas Booth (Armand Roulin), Chris O’Dowd (Joseph Roulin), Jerome Flynn (Doctor Gachet), John Sessions (Père Tanguy), Helen McCrory (Louise Chevalier), Eleanor Tomlinson (Adeline Ravoux), Aidan Turner (The Boatman)
Preise: Bester Animationsfilm (Europäischer Filmpreis 2017), Publikumspreis (Festival d’Animation Annecy 2017), Nominierung Bester Animationsfilm (Golden Globe Awards 2018), Nominierung Bester Animationsfilm ( Oscarverleihung 2018)

 

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