The Greatest Showman | Film-Kritik | Die perfekte Illusion?

the-greatest-showmanDer Zirkus, ein Ort der Illusion. Sein Ziel? Du sollst abschalten und Dich für ein paar Stunden unterhalten lassen, der Illusion hingeben, deine Sensationslust stillen und den Alltag an der Pforte an den Haken hängen. 

P.T. Barnum (Hugh Jackman) ist ein Junge aus ärmsten Verhältnissen. Über die Jahre versucht er sich hochzuarbeiten, um vor allem die Eltern seiner Dame der Träume (die dauergrinsende Michelle Williams) zu beeindrucken und zu beweisen, dass er der Richtige für sie ist und die Fürsorge der lieben Tochter übernehmen kann. Über mehrere Jobs kommt er zu einem Kuriositätenkabinett, das vorwiegend aus Wachsfiguren und ausgestopften exotischen Tieren besteht. Genau so wenig beeindruckt wie die Menschen der Straße zeigt sich seine Tochter, die das „Lebendige“ vermisst.

Sofort macht sich Barnum auf die Suche nach lebendigen Kuriositäten (im historischen Kontext) wie kleine, dicke, schwarze oder asiatische Menschen. Dazu gesellen sich eine bärtige Frau, ein Mensch mit äußerst großzügigen Haarwuchs, Siamesische Zwillinge und Artist_innen. Eine Show wird drum herum gebastelt, die den Schein wahrt, das Können dieser Menschen zu fokussieren und nicht dessen Merkmale abseits der körperlichen Norm. Schon sind die Menschen begeistert, bis auf wenige Störer, die die „Freaks“ nicht in ihrer Stadt haben wollen. Durch den Erfolg steigt Barnums Sensationslust ins unermessliche, weswegen er die eigentlichen Stützen seines Lebens und des Erfolgs immer mehr vernachlässigt.

Hinter den wuchtigen Bildern, den satt produzierten ohrwurmartigen Popsongs, dem durchaus guten Schauspiel und Gesang und der prächtig inszenierten Choreografie, bleibt ein sehr fragiler Torso zurück. Die konstruierte Geschichte, um den Optimismus und den Tatendrang eines Menschen, der aus dem Nichts zum Erfolg aufsteigt ist so frisch wie dein gestern gekauftes Brötchen. Von dieser Struktur wird auch nicht abgewichen, um die Zuschauer ja nicht zu verwirren. Es trieft vor Klischees, eingepackt in einer Silvestershow-Wundertüte, die niemanden auch nur ansatzweise wehtun kann. Schmissige Popsongs wechseln sich ab mit großen Emotionen und ausdrucksstarkem modernem Tanz. Dass das jetzt alles nicht so in die Zeit des 19. Jahrhunderts passt? Geschenkt! Da singt die real tatsächlich existent gewesene Opernsängerin Jenny Lind plötzlich Power-Balladen, als hätte Celine Dion die Titanic kentern lassen, bevor diese überhaupt gebaut wurde. Hier geht es schließlich um den Show-Effekt und der will mit allen Mitteln gewahrt werden.

Da werden dann eigentliche Fakten komplett ausgeblendet und der sehr fragwürdige echte P.T. Barnum, nach dessen Lebenslauf das Biopic-Musical geschrieben wurde, in eine Art Kämpfer gegen Diskriminierung umgedichtet. Dass diesem hauptsächlich das Geld wichtig war und dieser mit allen erdenklichen Mitteln Sklaven kaufte, Kinder einstellte, Menschen mit ungewöhnlichen Eigenschaften zur Schau stellte, Tiere ausbeutete und Geschichten zusammendichtete interessiert da wenig und würde diesem Klotz an Happyness und positivem Vibe nur unnötige Realität verleihen. Als würdest du in 100 Jahren einen super freundlichen und angenehmen Film über Donald Trump aufbereiten, in dem er fröhlich die Regenbogenfahne schwenkt und vom eigentlichen Rassismus absolut keine Spur mehr bleibt. Genau wie im Film über die Stonewall-Riot, in dem die eigentlich schwarzen Protagonistinnen plötzlich weiße Männer waren. Der eigentliche Hintergrund des Antidiskriminierungsfilm, der für Gleichheit und Menschenrechte zu sein scheint, verpufft. Der nun fiktionale Barnum hat mit dem reellen Vorbild absolut nichts zu tun.

Zudem bleiben die Menschen, die alle ein bestimmtes körperliches Merkmal besitzen, das als Sensation dargestellt wird, sehr blass und eindimensional. Sie hüpfen, tanzen und singen was das Textblatt hergibt, bekommen aber nie mal etwas wichtiges, plotförderndes an die Hand gegeben, bis auf einen emotionsgeladenen Song und niedlich wütend dreinblickende Gesichter. So kommt dann auch der Kritiker im Film völlig absurd rüber, da negative Punkte der Show nicht ausreichend beleuchtet werden und dessen Texte an den Haaren herbeigezogen wirken. Der gezeigte Held P.T. Barnum will doch nur Gutes.

Und trotzdem reißt dich The Greatest Showman irgendwie mit. Wenn du also den Kopf ausschalten und dich entertainen lassen willst, funktioniert das genau wie im Zirkus. Reingehen, die glatt gebügelte Illusion genießen und nicht weiter drüber nachdenken. 0815 Geschichten, mit wenig Rotz und vielen Klischees inklusive. Stellst du ihn nach deinem entspannten Kinobesuch in einen historischen Kontext und versucht etwas mehr über die Hintergründe des echten Barnums zu recherchieren, zerfällt das Konstrukt des fröhlichen Zirkuszelts als hätte der Wolf das Haus der Schweine mal eben kurz umgepustet.

The Greatest Showman ist ein Blender, genau wie Barnum selbst es war. Vielleicht ist das dann auch schon wieder der kunstvolle Aspekt des Films. Er lässt alles historische außen vor und bastelt sich in seiner eigenen muckeligen wohlfühl Bubbleblase eine Feel Good-Show zusammen, die dich zwangsläufig in ihren Bann zieht, von der du aber im Nachhinein so viel mitnimmst, wie von der letzten überreifen Avocado im Supermarkt. Nichts, außer aufgeblasenen Pomp in einer schicken Hülle.

5/10 ❤


Besucher: Zahlen folgen, da erst eine Woche im Kino
Regie: Michael Gracey
Produzent_innen: Peter Chernin, Laurence Mark, Jenno Topping
Musik: John Debney, Joseph Trapanese
Schauspieler_innen: Hugh Jackman (P.T. Barnum), Michelle Williams (Charity Barnum), Rebecca Ferguson (Jenny Lind), Zac Efron (Phillip Carlyle), Paul Sparks (James Gordon Bennett)
Preise: Golden Globe 2018 (Bester Filmsong/This is me)

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