Song Seven

keks cut

Da ist er wieder, der Tag, der dich aus deiner Welt reißt. Er wirkt ziemlich surreal aber so gnadenlos, wie die Asphaltbremse vom letzten Longboard Ausflug. Mit voller Wucht zieht er dir die Bettdecke weg und schiebt dich zurück in den tristen Alltagstrott. Draußen wartet das nächste Level. 

Hier nennen sie es KW. Ganze 52 gibt es davon. Paradoxerweise musst du am Ende keinen Endgegner besiegen oder einen stylischen Abspann aushalten. Nein, die Entwickler müssen sadomasochistisch veranlagt gewesen sein. Nach der absolvierten KW 52 startest du wieder ganz am Anfang, ohne Erklärung, einfach so. Ein Endlos Spiel. Nicht spielen nahezu unmöglich. Es ist Montag, KW11. Du stehst seit 6:00 Uhr auf einer Trittleiter in der hintersten Ecke eines Lagers und zählst Keilriemen. SPA-4000 = 3 Stück, SPA-3750 = 5 Stück, facebook checken = nichts, SPA-3000 = 0, SPA-2800 = 2 Stück, facebook checken = nichts. In der fensterlosen einsamen und dunklen Welt der Lagerregale ersetzt facebook das belanglose Gespräch mit deinen Kollegen. Ein wenig Abwechslung zwischen Riemen und Kugellagern. Untermalt wird dieses Ambiente von skurrilen Geräuschen die dich an Katastrophen Filme aus den 80er Jahren erinnern. Auch dumpfe Unterhaltungen, welche den Vergleich mit dem Vormittagsprogramm keinesfalls scheuen müssten, tauchen auf. „Ey, Pause is rum!“ „Jaja, sofort!“ „Arbeit macht frei!“ „Haha, Arbeit macht frei! Der is‘ gut.“ Doch der Marktplatz der Belanglosigkeiten wird gerade noch mal durchgewischt und für den Tag vorbereitet. Schon nach 20 Minuten kennst du die Statistiken der „Likes“ und „Kommentare“ auswendig. Bringt dich nicht weiter! Du zählst wieder. Dein Kopf macht dir den Einstieg schwer. Er verknüpft die Zahlen der Bestände mit deinen Erinnerungen. Sie sind frisch. Gerade einmal sieben Stunden alt. Durch die Bestände der Riemen kämpfen sie sich nach oben. Langsam verbindest du alles und schweifst ab.

Drei Stunden hast du geschlafen. „Nein, Nein, ich kann nicht so lange. Ja, weggehen ist trotzdem okay. Aber ich muss morgen früh…“ Aus den angepeilten ein bis zwei alkoholhaltigen Getränken wurden ein bis zwei mehr. Zwei Züge fuhren ohne dich, bis du es endlich pünktlich zum Bahnhof geschafft hattest. Es ging einfach alles viel zu schnell. Du hattest Spaß. Momente zählen und dieser hier war ein Guter. Dein Körper war müde und kaputt. Trotzdem konntest du nicht schlafen. Es ähnelt diesem leicht gammeligen apathischen Zustand vor dem Fernseher. Er flimmert vor sich hin und irgendetwas redet mit dir. Eigentlich interessiert es dich nicht mal. Du weißt auch gar nicht so recht, welches Thema behandelt wird, bleibst aber dort hängen. So war es auch wieder einmal im Bett. Dein Kopf meinte dir tausend Geschichten auf einmal erzählen zu müssen. Ignorieren half nicht. Er ist da durchaus penetrant und ignorant. Die Ingenieure haben wohl den „Aus“ Knopf bei der Konstruktion vergessen. Zumindest bei dir. Du bist das Montagsmodell. All das ist dir nun egal. Es ist Sonntagmorgen, deine Laune ist bestens und 200km Autobahn warten nun auf dich!

Ihr packt euren Kram zusammen und füllt, wohl überlegt, jeden Kubikzentimeter des alten kleinen Fords. Die Jahrelange intensive Beschäftigung mit geometrisch geformten Bauklötzen zahlt sich aus. Alle meinten du vergeudest deine Zeit mit diesen Videospielen, doch nun kannst du deinen Sachverstand ausspielen. Danke Alexei Paschitnow! Gedanklich wird jeder Handgriff, jedes Instrument in den Kofferraum hieven, inklusive austüfteln seiner Position, von Korobeiniki untermalt. Jede gefüllte Ecke eine Ballade der Geometrie. Die Vorfreude steigt mit jedem Kilometer, der euch näher ans Ziel bringt. Gespannt auf neue Menschen und neue Einflüsse wird die Fahrt zum Kinderspiel. „Bombenalarm, Bombenalarm! Bitte Antworten sie mit Stern.“ Das Mixtape, dessen Tracklist du nicht kennst, weiß zu überraschen. Vor Fraktus brüllten schon Pantera aus den Boxen. Du liebst skurrile Zusammenstellungen. Skurril. Genau das denken auch andere Menschen über dich. „Warum investierst du so viel Zeit, Arbeit und Herzblut in Sachen, die nichts bis wenig einbringen oder einen Haufen Geld kosten?“ Dir ist es egal. Du machst genau das, was du liebst. Wenn sie dir das vorwerfen ist es doch eigentlich ein Kompliment! Dieser obskure Gedankengang lässt dich schmunzeln. Allein die landschaftliche Abwechslung ist die Fahrt wert. Durch Stadt, Industrie und karge Landstriche, geht es über verschneite Hügel und Wälder direkt zur Mitte des Landes. Ihr fahrt auf den Hinterhof eines abgenutzten bemalten Gebäudes. Früher wurde hier vielleicht gearbeitet oder etwas gelagert. Ganz sicher aber würden es Stadtmarketing Menschen gerne durch moderne Konsumtempel oder hochgezüchtete Fließband Firmen ersetzen. Jedenfalls sagt dir das dein Gefühl. Du aber magst es hier und fühlst dich wohl.

Im Keller des Gebäudes warten sie mit Kaffee und Kuchen auf euch. Kleine Punker Kinder rennen unbedarft und ohne erkennbare Struktur umher. Sie kriechen unter Tische, ziehen an hängenden Stoffen und testen Instrumente. Du nennst es fangen spielen. Die ganz großen Punker Kinder stehen an der Theke und schlürfen ihren Kaffee. Du schnappst dir Sessel und Kuchen und machst es dir beobachtend in der Bandrunde gemütlich. „Bombenalarm, Bombenalarm! Bitte antworten sie mit Stern.“ Die Machtverhältnisse in deinem Kopf verschieben sich hin zu fraktuesken Textzeilen. Immer wieder drängen sie sich in den Vordergrund und lassen andere Gedankengänge verblassen. Mit diesem Schädel Soundtrack kämpfst du gegen die Kälte. Seit einer halben Stunde läufst du orientierungslos durch das Gebäude, hüpfst auf der Stelle, liest Konzertempfehlungen und Aufrufe zum Aktionismus. Ein langer Gang läd dich auf eine Stippvisite ein. Verwirrt bleibst du auf der Hälfte stehen und drehst ab. Du versuchst deinen Körper auf Betriebstemperatur zu bringen. Das Koffein entfaltet seine Wirkung. „Bombenalarm, Bombenalarm!“ Den Machtkampf hast du längst verloren. Gefällt dir eigentlich ganz gut. Der Adrenalin-Spiegel steigt. Ein letztes Mal Bass stimmen, umschnallen, Sampler gerade rücken, einschalten, warten. „Bombenalarm, Bombenalarm! Bitte…“ Schmerzsignale werden an die Schaltzentrale weitergeleitet. Die Gedankenblasen platzen. Reste werden unter den Beständen der Riemen vergraben. Deine Stirn lehnt am obersten Boden des Stahlregals. Ein Negativ, auf das Bodymodification Anhänger mächtig stolz wären, prangt nun gut sichtbar über deinen Augenbrauen. Wieder einmal! Ach ja, die Riemen. Du zählst weiter. (published: artempire #26)

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