In Bad Vikings Mystery-Abenteuer Strange Horticulture sind Pflanzen der Schlüssel zu okkulten Geheimnissen.

Der Regen prasselt auf ein Glasdach und fließt in kleinen, leise gurgelnden Rinnsalen ab. Ab und zu taucht ein Blitz die Fensterbank in gleißendes Weiß. Er wird gefolgt von einem entfernt grollenden Donner. Drinnen ist es behaglich, aber nicht übermäßig gemütlich. Der kleine Laden besteht zur Hälfte aus einem Wintergarten, in dem vielfältige Pflanzen aufgereiht sind. Auf der Ladentheke liegt die schwarze Katze Hellebore, deren Schnurren in der Brust vibriert. Im Vordergrund steht ein Tisch, dem sein Alter deutlich anzusehen ist. In das verdunkelte Holz sind Symbole eingeritzt. An der Seite ist eine Schublade aufgezogen, in der alles ordentlich sortiert liegt. Der erste Arbeitstag ist gekommen. Auf dem Tisch liegt eine goldgeprägte Ausgabe des Strange Book of Plants. Entschlossen betätige ich die kleine Klingel, die Hellebore erschrocken aufhorchen lässt. Jemand betritt den Laden.

Willkommen in Strange Horticulture, Ihr Paradies für Pflanzen aller Art

Als Erbin des kleinen Kräuterladens Strange Horticulture ist die Protagonistin die Anlaufstelle für alle Hilfesuchenden. Über das ganze Bild präsent: Die sorgfältig in ihren Töpfen aufgereihten Blumen, Pilze, Kräuter und Gewächse. Sie tragen bunte Farben, kleine oder große Dornen, prächtige Blüten oder warzige Hüte zur Schau. Doch das ist kein Schaulaufen des schönsten Grünzeugs. Es gibt kein Problem, das sich nicht mit einer meiner Pflanzen lösen ließe. Folgerichtig ist die zentrale Spielmechanik das Identifizieren und Akquirieren von Pflanzen. Starte ich anfangs mit etwa zehn Exemplaren, tummeln sich am Ende ganze 77 auf meiner Fensterbank. Jedes einzelne verfügt über einen Eintrag in der Enzyklopädie, anhand derer sie sich identifizieren lässt. Dort stehen neben ihrem kreativen Namen und der lateinischen Bezeichnung die Wirkung und Informationen zum Aussehen und Geruch.

Mein Job ist es, die ausgefallenen Wünsche der Besucher_innen zu erfüllen. Ich habe minutenlang, ja stundenlang über den Seiten gebrütet, Bilder verglichen, an Pflanzen geschnüffelt (im Spiel ein wichtiges Unterscheidungskriterium: riecht die Pflanze süßlich, faulig, frisch oder vielleicht nach gar nichts?) und schließlich stolz ein Etikett an den Stängel gehängt. Mit jeder identifizierten Pflanze erhalte ich weitere Seiten des Nachschlagewerks. Aber Verkaufen und Suchen von neuem Grünzeug ist nur der Überbau, der mir als Anhängerin des Subgenres Beamten-Sim natürlich viel Spaß gemacht hat. Wichtiger für die Story ist der Rätselteil, der an den Okkultismus angelehnt ist. Er beginnt schon bei den Pflanzenbeschreibungen. Als Okkultismus gilt übrigens alles Paranormale, Mystische und Übersinnliche. Und damit bekomme ich es früh genug zu tun, spätestens als eine resolute Expertin auf dem Gebiet meinen Laden betritt.

Widows Woe: Auch „Borstenfuß“ genannt, zum Teil wegen des unangenehmen Geruchs.

Ich lausche den Geschichten der Dorfbewohner_innen und bin so stets auf dem neuesten Stand, was den Fortschritt der Geschichte angeht. Die Rätsel erreichen mich dagegen meist in schriftlicher Form. Einmal täglich bekomme ich Post von herumreisenden Bekannten, die mir neue Sichtungen seltener Pflanzen melden. Manchmal sind die Hinweise kryptisch, nur einzelne Wörter oder eine seltsame Symbolik. Sie landen, sorgfältig sortiert und archiviert, in der Schublade meines Schreibtisches. Langsam akkumuliert sich ein Sammelsurium, das eine ganz eigene Sprache spricht. Undermere, der Standort meines Kräuterladens, hütet viele übernatürliche Geheimnisse. Seltsame Personen betreten meinen Laden und verlangen nach Pflanzen mit düsteren Fähigkeiten. Andere berichten von brutalen Todesfällen, die sich in der Region ereignen. Schnell wird klar: Das eine hängt mit dem anderen zusammen.

Irgendein Unheil treibt sich herum und hinterlässt eine blutige Spur. Anfangs noch nebulös, nimmt es schon bald klarere Formen an. Mit meinen Pflanzen lenke ich das Schicksal der Menschen in eine bestimmte Richtung, denn manchmal stehe ich vor einer schwierigen Wahl. Ich muss selbst überlegen, welche Pflanze die sinnvollere Wirkung für die Bittsteller_innen birgt. Das nimmt langfristig auch Auswirkungen auf die Story, die sich mit jedem Besuch in meinem spezialisierten Shop entfaltet. In Strange Horticulture gerate ich in näheren Kontakt mit einem Kreis von Kultmitgliedern sowie einem Schwesternbund, die sich selbst der Gottheit Arduinna verschrieben haben. Bei ihr handelt es sich um eine keltische Gottheit, die als Jagdgöttin ähnlich der römischen Diana dargestellt wurde. Mein Ding ist weder der Kult noch der Schwesternverein, also lasse ich mir nicht in die Karten schauen.

Solomon’s Sceptre: Alarmierenderweise auch als „das Höllentor“ bekannt.

Apropos Karten: In nächtlichen Traumsequenzen ziehe ich Tarotkarten von einem Stapel und Decke sie auf, während mir häppchenweise eine Legende erzählt wird. Die Karten sind verschlüsselte Hinweise, kleine Denkrätsel, die mir einige Kopfnüsse zu knacken geben. Hier wird es zu meiner Freude ordentlich knifflig. Ich musste erst einmal verstehen, dass eine Karte gleichbedeutend mit einem Ort auf der Karte ist. Doch selbst mit dieser Information ist noch etwas Denksport nötig. Erkunden kann ich zwar unbegrenzt, jedoch ist die Karte groß und die Aufladezeit für die Erkundung lang. Ich habe doch nichts übersehen? Nördlich eines Berges, östlich eines Flusses… Irgendwann kommt das Heureka-Erlebnis, das mich jedes Mal mit Stolz erfüllt. Ha! Da sage noch einer, ich tauge nicht zur Detektivin.

Strange Horticulture verfügt über eine dichte Atmosphäre, die von vielen kleinen Faktoren genährt wird. Die große Karte erinnert mich an Bilbo Beutlins fantastische Karte aus Der Herr der Ringe, da in verschnörkelten Buchstaben kleine Ortschaften und Gebäude eingezeichnet sind (gut, dass ich jederzeit hereinzoomen kann, diese Karte ist nämlich echt detailliert). Spätestens hier zeigt sich einer der wesentlichen Einflüsse des Spiels, nämlich der der altenglischen Sprache. Er findet sich in Ortsnamen wie Undermere oder Kentmere, deren Endung -mere sich vom altenglischen Wort für See ableitet. Doch damit nicht genug der kulturellen Dusche: Gleich zwei Steinzirkel zieren die Umgebung von Undermere. Solche uralten Stätten dienten möglicherweise für religiöse Rituale, das wohl berühmteste Beispiel ist die Touristenattraktion Stonehenge.

Besuchen Sie Strange Horticulture bald wieder! (Wenn Sie können.)

Hier geht die reale Geschichte Englands in den Bereich der Mystik und des Okkulten über. Kein Wunder, dass das Studio hinter dem Mystery-Abenteuer, Bad Viking, in England beheimatet ist. Rob und John Donkin haben es geschafft, die teegeschwängerte, regenfeuchte Atmosphäre des nördlichen Englands perfekt in ein Spiel zu bannen und es mit einer Portion Grusel zu verknoten. Die schaurigschönen Beschreibungen und die beruhigende Musik tragen jeweils ihr Scherflein bei. Die Story lässt zwar aufgrund der indirekten Erzählweise an Impact vermissen, das ist aber zu verschmerzen. Strange Horticulture ist im Herzen ein Detektivspiel, verpackt in eine Verkaufssimulation und mit einer Portion Mythologie angereichert. Die aromatische Mischung erinnert an uralte Kultstätten und an moosbewachsene britische Castles, in denen verstaubte Lords und Ladys ihre Schwarzen Tees trinken. So trocken ist Strange Horticulture dank seines eigenen Flairs zum Glück nicht.

8/10 🪴 🐈‍

Developer: Bad Viking
Publisher: Iceberg Interactive
Genre: Mystery-Adventure
Team: Rob Donkin, John Donkin
Veröffentlichung: 21. Januar 2022 (Steam)


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Redakteurin | + posts

Die Naturwissenschaftlerin von WLTW. Sie recherchiert alles, was im Entferntesten nach Informationen riecht. Weil ihre Kreativität im Studium zu kurz kommt, hat sie Indie Games für sich entdeckt, am liebsten Point-and-Clicks. Aber im Prinzip kann man sie für alle Puzzler, RPGs oder Lebenssimulationen begeistern.

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