Der entschleunigte Puzzler Please, Touch The Artwork von Studio Waterzooi macht die abstrakte Kunst Piet Mondrians erlebbar.

Es ist wirklich platt, aber der Spruch: „Ich muss es anfassen, um es zu verstehen“ birgt mehr als nur ein Körnchen Wahrheit. Wie ließe sich sonst das Abbild eines Würfels verstehen? Nur wer schon einmal einen Würfel in der Hand gedreht und ihn aus jeder erdenklichen Perspektive betrachtet hat, weiß, dass aus einem Winkel plötzlich eine dreizählige Drehachse zu sehen ist. Nämlich dann, wenn ich durch eine Ecke quasi diagonal in den Würfel hineinschaue. Probiert es einmal aus! Nur anhand unserer Assoziationen aus der echten Welt ist es überhaupt möglich, eine Zeichnung, Skizze oder ein Gemälde deuten zu können. Bereits die allerersten Malereien an Höhlenwänden abstrahierten Mammuts und die Jäger_innen, weil sie ihnen eine neue Bedeutung gaben. Solche Jagdszenen sollten Glück für die Jagd geben, oder sie dienten als Erinnerung an erfolgreiche Ausflüge. So genau weiß das niemand.

Bilder einer Ausstellung

Was ich sagen möchte: Wann immer Kunst stattfindet, geschieht eine Abstraktion. Eigentlich nur konsequent, dass es Künstler_innen gibt, die eine solche radikale Reduktion der Wirklichkeit zu Ende denken. Diesen Gedanken ist Please, Touch The Artwork gewidmet. Es beruht im Kern auf den zwei Größen, die De Stijl ins Leben riefen. De Stijl, wörtlich der Stil und von anderen Quellen auch als Formgebung oder Neoplastizismus bezeichnet, tilgt jegliche Natürlichkeit oder Individualität aus der Kunst. Was bleibt, sind schwarze, streng geometrische Linien, die Primärfarben Gelb, Rot und Blau und eine weiße, schnörkellose Leinwand. Einer seiner zwei berühmten Vertreter_innen war Piet Mondrian, ein niederländischer Maler. Seine Karriere begann eigentlich überhaupt nicht streng und geometrisch: Anfangs malte er im impressionistischen Stil. Please, Touch The Artwork präsentiert eine Auswahl seiner frühen Werke. Darauf zu sehen: Mühlen, Felder und Bäume aus grob hingeklecksten Strichen prangen in einer Kakophonie leuchtender Farben.

Diese beinahe Van-Gogh-artigen Gemälde wichen den immer abstrakteren Formen des Kubismus. Ich sehe einen Baum, dessen Äste nur aus grauen Strichen bestehen (De grijze boom). Und ein Stillleben mit Vase, das aber in geometrische Formen zerlegt wurde. Als Mondrian in Theo van Doesburg einen Gleichgesinnten kennenlernte, gründeten sie das Künstlerkollektiv De Stijl. In Please, Touch The Artwork lernen wir, dass es als Reaktion auf die Schrecken des ersten Weltkriegs verstanden wird und ich verstehe: Wenn die Realität zu schrecklich ist, um sie abzubilden, bilde sie nicht ab. Bilde Harmonie ab. Und unter Harmonie verstanden Mondrian und van Doesburg abstrakten Formen als Studie perfekter Symmetrien. Die Gemälde Mondrians zeigen eine kühle Perfektion, die nicht mehr lebendig wirkt. Denn am Ende stehen nur noch die Primärfarben, der Urschleim jeden Bilds, die in ihren rechteckigen Käfigen neben der weißen und schwarzen Leere gefangen sind.

Und du sagtest: Möge es Grün geben! Und ich sagte: Das ist keine Primärfarbe. Also fügten wir stattdessen mehr Weiß hinzu.

Der Puzzler Please, Touch The Artwork ist in drei Kapitel unterteilt, die sich wie ein Triptychon ergänzen. Drei Gemälde, drei Reisen durch die Kunst und die Gedanken der Schaffenden. Eines (Komposition mit Rot, Gelb, Blau) wird von einem Zwiegespräch zwischen den erwähnten zwei Größen der Szene begleitet. Trotz ihrer Freundschaft gab es Differenzen. Ihre Stile clashten, da Mondrian die Dynamik diagonaler Linien nicht mochte, die van Doesberg entwickelte. Infolgedessen verließ Mondrian De Stijl. Das Spiel präsentiert mir diese Entwicklung nicht etwa als trockene Leseaufgabe, sondern als dynamischen Dialog. Sein Herzstück sind jedoch die Gemälde, die ich anfassen muss, um sie zu erschaffen. Ich gehe den Weg mit den Künstler_innen und bin währenddessen entspannt am Puzzeln. Je nach Kapitel muss ich unterschiedliche Aufgaben erfüllen, die mit Storyhäppchen ergänzt werden.

Das erfordert erstaunlich viel Um-die-Ecke-denken und Ausprobieren. Es gibt keine Limitierung, ich habe so viele Versuche wie nötig und kann meine Bemühungen jederzeit zurücksetzen. Wenn ich einmal nicht weiterkomme, gibt es subtile Tipps. Ich versinke vollständig in den Symmetrien und freue mich an jedem Bild, das endlich, endlich perfekt ist. Oder ich freue mich, wenn Boogie endlich mit Woogie Boogie Woogie macht (das sind zwei Quadrate, keine Sorge, alles ganz harmlos), weil ich den perfekten Plan ausgetüftelt habe. Fehler gehören ebenso zum Prozess wie meine Faust des Triumphs. Diese Knobeleien fördern nicht nur mein Kunstverständnis, sondern auch mein räumliches Vorstellungsvermögen. Es wäre ja zu einfach, Boogie einfach auf gerader Linie zu Woogie schicken zu wollen. Stattdessen muss ich das kleine blaue Quadrat durch einen Irrgarten an rechts- und linksdrehenden Kreuzungen schicken. Diese kleine Storyline basiert auf dem berühmten unvollendeten Bild Mondrians, „Victory Boogie Woogie“.

Und er sah, dass es gut war

Die Idee, starre Kunst zu einem lebendigen Spiel zu machen, ist erfrischend. Hinter Studio Waterzooi aus Belgien (meiner alten Heimat, ich werde schon ganz rührselig) steht eine One Man Army, nämlich Thomas Waterzooi. Er hat vorher beispielsweise bei IOI an Hitman gearbeitet, bevor er entschied, sich auf die eigenen Beine zu stellen. Seit 2018 macht er Indie Games und trifft genau diesen Sweet Spot zwischen Ästhetik, Entspannung und spielerischem Erleben. Please, Touch The Artwork ist sein erstes eigenes (Kunst)Werk. Und es ist nicht nur zeitlos schön, sondern auch zugänglich für jede_n da draußen. Es gibt einen Modus für Farbenblinde und große Schriftarten für die Älteren und Jüngeren, denn auch für diese ist Waterzoois Komposition gemacht. Das ist kein stilles Museum, Anfassen ist ausdrücklich erwünscht!

Und verloren geht auch niemand. Zum einen ist da der Portier, der jede_n Besucher_in persönlich begrüßt und ihnen das Konzept erklärt. Aktuell gibt es drei Bilder, auf denen jeweils über 40 aufeinander aufbauende Puzzles mit Begleitnarrativ beruhen. Zu jedem Bild gibt es eine kleine Ausstellung, in der alle bereits abgeschlossenen Level präsentiert werden. Dazwischen stehen informative oder Story-Häppchen, die mit dem Gespielten synchronisiert sind. Hinweise helfen Steckengebliebenen, die ihren Zen-Modus nicht aus lauter Frust verlassen möchten. Und Zen ist es wirklich, wenn auch noch ein subtiler, aber niemals nerviger Soundtrack spielt und quirlige Soundeffekte meine Bemühungen begleiten. Alle drei Geschichten sind nicht nur nettes Begleitwerk, in ihnen steckt emotionale Tiefe. Der Künstler ist seine Kunst. Thomas Waterzooi hat Aspekte seines Lebens ebenso verarbeitet wie seine Eindrücke aus dem Kubismus, dem Suprematismus und eben De Stijl.

Please, Touch The Artwork!

Alle Künstler_innen entwickeln sich im Laufe ihrer Schaffensperiode. Sie folgen Trends oder widersetzen sich ihnen. Nicht umsonst folgen auf Kunstrichtungen wie den Realismus gegensätzliche Prinzipien, wie im Impressionismus umgesetzt. Sie streben stets nach der Verwirklichung einer Vision, die so volatil ist wie die Kunst selbst. Und wenn ein Trend zu Ende gedacht ist, wenn er perfekt ist, dann gilt es, ihn aufzubrechen. Kunst ist Verarbeitung. Sie zu schaffen ist ein ewiger Prozess, und Please, Touch The Artwork vermittelt das spielerisch. Jedes Mal, wenn ich denke, ich hätte alles gesehen, verändert sich meine Perspektive auf die Kunstwerke, die Lichtgebung oder die Form. Plötzlich regnet es quer über den Bildschirm. Ich erlebe alles aus einer Fischaugenansicht und fühle instinktiv, was der Entwickler damit sagen möchte. So funktioniert Kunst: Ich sehe etwas und verstehe es, obwohl ich nichts gesagt bekomme.

Ich liebe Kunst, seit ich das erste Mal ein Museum betreten habe, doch noch mehr liebe ich es, wenn alte Konzepte aufgebrochen werden. Thomas Waterzoois moderne Interpretation von Mondrian hat mich inspiriert, und nun gebe ich diese Inspiration weiter. Please, Touch The Artwork ist weit mehr als nur ein Puzzler und hat meine Erwartungen übertroffen. Es vereint Wissen mit Geschichten, Spielerisches mit Erzählerischem und eine visuell reduzierte Darstellung mit sprechenden Bildern. Und wenn ich einen nostalgischen Kick brauche, stelle ich die Sprache auf Nederlands um und lese mir selbst die Texte vor. Kunst ist nicht staubig und angelaufen, sie ist lebendig und spricht auch heute noch mit denen, die ihren Geschichten lauschen.

9/10 🖼️👈

Developer/Publisher: Studio Waterzooi
Einzelentwickler: Thomas Waterzooi
Genre: Puzzler
Auszeichnungen: Gewinner „Best Art“ (Tokyo Game Show, Tokio), Gewinner „BIG Impact: Best Educational“ (Brazilian Independant Game Festival, Sao Paolo), Gewinner „Very Big Indie Pitch“ (Pocket Gamer Connects, Helsinki)
Veröffentlichung: 26. Januar 2022 (Steam, iOS, Android)


Zum Vertiefen:

Eine Übersicht über die Kunstepochen


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Redakteurin | + posts

Die Naturwissenschaftlerin von WLTW. Sie recherchiert alles, was im Entferntesten nach Informationen riecht. Weil ihre Kreativität im Studium zu kurz kommt, hat sie Indie Games für sich entdeckt, am liebsten Point-and-Clicks. Aber im Prinzip kann man sie für alle Puzzler, RPGs oder Lebenssimulationen begeistern.

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