JARS Review | Scherben bringen Glück

In JARS kämpft ihr mit dem Inhalt von Gläsern gegen den Inhalt von Gläsern, damit das Böse schön versiegelt bleibt.

Die Geschichte beginnt wie folgt – und jegliche Absurdität ist von der Autorin dieses Textes in völligem Einklang mit der Absurdität des Spiels freimütig in Kauf genommen: Ein kleiner Junge und sein Vater werden Zeuge des plötzlichen Erwachens einer Vampirfledermaus, die eben noch ausgebreitet vor ihnen auf dem Tisch gelegen hat. Nun, seit einer gewissen Pandemie ist uns allen klar, dass mit den geflügelten Biestern nicht zu spaßen ist, aber jenes Exemplar ist besonders hinterhältig. Nach einem großzügigen Biss in den Hals des einzigen anwesenden Erwachsenen verabschiedet sie sich in die Nacht. Der Mann, einen Hauch Wahnsinn in den Augen, folgt ihr halb fliegend, halb rennend in die Dunkelheit und lässt den Jungen zurück bei seiner Mutter.

Und der Junge (Viktor) tut, was Sechs-, Siebenjährige eben so tun: Er wälzt Bücher und züchtet kleine Mücken zu laufenden Mückenlarven mit wirrem Haar heran. Weil ein solches insektöses Experiment in der Küche der Mutter nichts zu suchen hat, wird er mitsamt seines Wälzers in den Keller verbannt, wo er sich Heerscharen fieser Kreaturen erwehren muss. Und was das für Kreaturen sind! Weiße Ratten mit roten Augen, schwarze Spinnen mit dünnen Beinen und Mistkäfer mit explosivem Mist. Zum Glück hat er auf seiner Seite auch eine kleine Armee hilfreicher Wesen, darunter die eben erwähnten Mückenlarven, ausgewachsene Mücken und… Igel. Die er in Gläsern hält. Naja, wenn es Menschen gibt, die Fische in Gläsern halten, finde ich, Igel davon nicht allzu weit entfernt.

Die Armee des Guten

Und was ist das für ein Keller! JARS könnte, passend zur Spooky Season, glatt dem Albtraum eines jeden Kindes entsprungen sein, das schon einmal nachts in einen muffigen Keller herabsteigen musste. Da rede ich noch gar nicht von Vampirfledermäusen, sondern von Spinnenweben, kratzigen Geräuschen und huschenden Schatten. Aber der kleine Junge ist keinesfalls hilflos und stellt sich mit dem Buch vor der Brust mutig den Gefahren, die im Regal oder im Eisschrank auf ihn warten. Das läuft folgendermaßen ab: Zu Beginn jeder Runde wähle ich meine Lakaien und statte sie im Labor mit kleinen Verbesserungen aus, die mithilfe von Kabeln an ihre kleinen Symbole angeschlossen werden. Diese Verbesserungen bewirken verschiedenes, manche verstärken meine Lakaien, andere behindern die Gegner oder bewirken bestimmte Effekte wie die Heilung aller im Falle des Todes.

Begleitet von flotter Musik mit Ohrwurmpotenzial geht es voller Elan in den Kampf: Der wird auf Regalbrettern, Treppenstufen oder im Eisschrank ausgetragen, Hauptsache, es gibt verschiedene Ebenen. Auf den jeweiligen Ebenen stehen Gläser, die unterschiedlich beschriftet sind. In den Gläsern mit den grünen Kleeblättern sind Lakaien oder hilfreiche Items, in denen mit lila Fledermäusen sind Gegner. Unbeschriftete Gläser können beides enthalten. Lakaien und Items wandern in mein Inventar, Gegner wandern direkt los und suchen die verschlossene Truhe mit dem Vampirsymbol. Wenn ich sie ungehindert auf die Truge loslasse, wird sie zerstört und ich ende verschnürt auf dem feuchten Kellerboden und blicke nichts Gutem ins Gesicht. Darum platziere ich meine Lakaien strategisch und behindere die Gegner zusätzlich mithilfe verschiedener Items, damit die Truhe(n) auch ja verschlossen bleiben.

JARS: Jogger auf rasenden Socken

Dieses simple Prinzip findet in jeder Runde Anwendung, wird aber durch bestimmte Kniffe aufgepeppt. Beispielsweise dienen Hindernisse dazu, den Weg zu verengen. Oder kleine Tore, die erst mit Schlüsseln geöffnet werden müssen, warten auf Freund oder Feind. Manche Lakaien können fliegen, aber die meisten können es nicht und sind somit außerstande, die Ebene zu wechseln. Befindet sich also ein Schlüssel auf der Karte, bin ich gut beraten, meine Mücke hinzuschicken. Das ganze Gewusel kann schon einmal hektisch und unübersichtlich werden, aber die meisten Level sind gut zu schaffen. In manchen gibt es Begrenzungen, welche Art Lakai eingesetzt werden darf. In wieder anderen… Ehe ich mich versehe, gerate ich in einen Sog, der mich immer tiefer in eine Gameplay-Schleife reißt. Die lebhaften Animationen tragen ihren Teil dazu bei, eine muntere („quirky“ wäre das Wort) Umgebung zu erschaffen.

Ich gebe offen zu, dass die Lexikoneinträge zu lesen meine Lieblingsbeschäftigung in JARS war, so humorvoll und trocken sind die geschrieben. Sie beschreiben die Wirkung und Genese aller auftauchenden Wesen, Items und Boni. Da ist die Rede von zähneputzenden Wespen, die stets eine Zahnbürste mit sich tragen, hierarchisch organisierten Ameisenstaaten und natürlich den Igeln. Neben den Einträgen sind auch die Comics und Cutscenes im Buch dokumentiert, sodass ich sie jederzeit anschauen kann. Denn die Story wird nicht fortlaufend, sondern in kleinen Häppchen erzählt. Es ist ungemein motivierend, sich die noch nicht freigeschalteten Stellen im Buch anzuschauen und über der Story zu rätseln. Nicht, dass hinter diseer viel Tiefe steckt. Aber ich will nun einmal alles sammeln, alles freischalten und alles wissen. Für jede Runde bekomme ich Geld, das ich in einem Shop in neue Items oder Lakaien ummünzen kann – und muss. Leider wirft das Spiel mir selten ein Storyhäppchen zu.

Besser auf Nägeln als auf Schrauben kauen

Gerade gegen Ende wird ein Spiel, das mich anfangs mit schnellen Erfolgen verwöhnte, deutlich taktischer. Damit kann ich leben, denn die perfekte Besetzung für einen Kampf auszuknobeln macht enormen Spaß. Ich wünschte mir nur, dass es im Kampf etwas weniger auf das glückliche Händchen ankäme – das würde den Frustfaktor doch deutlich minimieren. In welchem Glas welcher Lakai ist, welche Items ich bekomme und wo Gegner auf mich warten, ist rein zufällig – klar, sonst könnte ich die eigentliche Schwierigkeit umgehen. So verkommt das taktische Spiel aber immer öfter zum Glücksspiel. Denn trotz meiner Taktik kann ein explosiver Mistkäfer das ganze Brett durcheinanderwirbeln und damit meine Pläne durchkreuzen. Darum war ab Level drei von fünf für mich Nägelbeißen statt Jubeln angesagt. Aber ich habe mich durchgebissen.

Je weiter ich komme, desto mehr Spinnweben auf dem Weg – bildlich gesehen. Die Brosamen, die das Spiel mir zuwirft, um mich bei Laune zu halten, werden seltener. Die Spielfreude geht langsam, aber sicher verloren, daran können auch die Herausforderungen nichts ändern. In denen muss ich mich mit einer Figur durch immer schwerer werdende Level schlagen, um sie langfristig aufzuleveln. Das ist nett, aber es gewinnt keinen Innovations-Blumentopf. Ich wäre dankbar für eine „Level überspringen“-Funktion gewesen. Alternativ wären auch Schwierigkeitsstufen möglich, diese würden aber den Sinn und Zweck des Spiels verdrehen. Schließlich gibt es keinen Storymodus aus dem Grund, dass die Story nur in JARS schmückendes Beiwerk für ein immer herausfordernder werdendes Strategiespiel ist. Es ist wie in jedem Keller: Irgendwann habe ich jede Ecke gesehen und kann über plötzlich auftauchende rotäugige Ratten nur noch müde lächeln.

7/10 🦇 🕸️ 😨

Developer: Mousetrap Games
Publisher: Daedalic Entertainment
Genre: Tower Defense, Strategie
Team: Edward Mężyk, Dawid Frątczak, Adrian Adziński, Luiza Jurgiel-Żyła, Jarosław Sobczak
Veröffentlichung: 20. Oktober 2021 (Steam, Epic Games Store, GOG, Switch)


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