Unpacking Review | Sag mir, wer du bist, ohne mir zu sagen, wer du bist

Das Puzzle Game Unpacking von Witch Beam und Humble Games lädt nicht nur zum Entspannen, sondern überraschenderweise auch zum Nachdenken an.

Ich habe eine Schwäche für Interieur, Dekoration und alles, was im weitesten Sinne mit Immobilien zu tun hat. Die RTL-Serie Mieten, Kaufen, Wohnen war zu meiner Studienzeit fest in meinen Tagesrhythmus eingeplant. Als ich noch zur Schule ging, habe ich keine Folge von Einsatz in 4 Wänden mit Tine Wittler verpasst. Ich war sogar so ein Ultra, dass ich mich einmal selbst beworben habe, um unser Wohnzimmer renovieren zu lassen. Ok, das hatte es auch echt nötig. Genommen wurde ich (leider?!) nicht, immerhin habe ich aber eine schriftliche Absage bekommen. Als ich irgendwann mein Kinderzimmer verlassen und mein eigenes Reich im frisch renovierten Keller errichten durfte, wurde für mich ein Traum wahr: Ich durfte mir Möbel aussuchen, hatte sogar ein kleines Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und ein viel zu großes, eigenes Bad mit einer dekadenten Eckbadewanne. Die ich im Übrigen nie benutzte, weil ich Badewannen hasse. Kleine Menschen wissen vielleicht, warum. 

Nostalgie- und Interior-Liebhaber aufgepasst!

Als ich in meine erste, eigene kleine Wohnung zog, konnte ich meine Einrichtungsliebe auf ein neues Level heben. Ich hatte meinen ersten Job, mein eigenes Geld. Auch wenn das noch nicht besonders viel war und meine Eltern mir natürlich das eine oder andere Möbelstück finanzierten, kaufte und schraubte ich auch viel selbst. Ganz klischeehaft holte ich mir meine Inspiration bei Pinterest und lebte auf einmal in einer überdimensionierten Puppenstube. Mein damaliger Freund beschrieb meine Wandfarbe mit „Leberwurst” – und ich liebte meine Leberwurstwand. Dann kam ein neuer Freund, ein neuer Lebensabschnitt, und ich musste – und wollte – mein eigenes Reich verlassen und bei ihm einziehen. In einen bestehenden Haushalt zu ziehen, erfordert Kompromisse auf beiden Seiten. Möbel mussten weichen, Bücher, DVDs und etlicher anderer Kram wollte in bereits gefüllte Regale geräumt werden. Geschirr und Besteck, Kochlöffel, Töpfe und Klobürsten sind plötzlich doppelt vorhanden. Wohin mit dem ganzen Kram?

Das hier ist weder ein Beziehungsratgeber, noch ein Blog-Artikel mit Tipps für die erste eigene Wohnung. Ich erzähle euch das alles, weil es das Leben ist. Vielleicht konntet ihr euch in einigen der Szenarien bereits wiederfinden. Und ich erzähle es, weil es genau darin in dem Puzzler Unpacking geht. Ich durchlaufe ein ganzes Leben voller Umzüge, Einzüge, Auspacken, Umräumen, Trennungen und Neuanschaffungen. Alles startet im Jahr 1997 in meinem Kinderzimmer. Und da ich 1997 als Vierjährige selbst so langsam anfing, meine Umgebung wahrzunehmen, erinnere ich mich an viele der Gegenstände, die ich aus den Umzugskisten räume, zurück: „EXAKT die Troll-Figur hatte ich auch!” rufe ich meinem Freund verzückt zu. Er, der zu dem Zeitpunkt bereits ein Teenager und zu cool für Trolle mit wilden Frisuren war, teilt meine Begeisterung nicht so. Ich jedoch bin von Sekunde eins an versunken in diesem Spiel, in dem ich nichts anderes mache, als Kisten auszupacken.

Unpacking ist, wenn Aufräumen plötzlich Spaß macht

Ich bin damit beschäftigt, zu überlegen, was ich in welche Schublade packe, ob ich die Bücher nach Größe oder nach Farbe sortiere, ob ich die Kuscheltiere lieber im Bett haben möchte oder sie im Regal verstauen will. Ganz frei bin ich in meinen Entscheidungen allerdings nicht: Habe ich etwas an einen Platz geräumt, an dem es überhaupt nicht vorgesehen ist, blinkt der entsprechende Gegenstand auf und ich kann erst weitermachen, wenn ich den richtigen Ort dafür gefunden habe. Am Ende jedes Lebensabschnitts macht die Protagonistin ein Foto des Zimmers und schreibt einen Satz über ihre aktuelle Situation in ihr Fotoalbum. Mehr erfahre ich von ihr nicht. Und doch erfahre ich unglaublich viel. Mit jedem Umzug, den wir gemeinsam machen, bekomme ich ein deutlicheres Bild von ihr. Ihre Studentenbude, ihre erste WG, die erste gemeinsame Wohnung, und die zweite. 

Ich bekomme Rückschläge genauso mit wie die Glücksmomente in ihrem Leben. Erkenne sie an Dingen, die plötzlich nicht mehr da sind, oder an Erinnerungsstücken, die neuen Fotos an der Pinnwand weichen müssen. Ich hänge mich an Details auf, wenn ich die Klorolle noch einmal abnehme, um sie so zu drehen, dass das Ende außen hängt. Alles andere ist krank, da lasse ich mich auf keine Diskussion ein. Ich bemerke, dass der Becher, in dem die Protagonistin ihre Zahnbürste hineinstellt, mit jedem Umzug etwas brüchiger wird, dass sie irgendwann ihre Liebe zu asiatischem Essen entdeckt und einen Faible für Kühlschrankmagneten und Videospiele hat. Ich habe das Gefühl, sie zu kennen, obwohl ich sie nie sehe. Obwohl meine Aufgabe in Unpacking so banal ist, fühle ich mich keine Sekunde gelangweilt. Im Gegenteil bin ich geschockt, als plötzlich der Abspann über den Bildschirm flackert. Können wir nicht noch einmal umziehen? Bitte?

Unpacking: Ein ganzes Leben in ein paar Kisten

Schon als ich die Demo zu Unpacking gespielt habe wusste ich, dass ich dieses simple, entspannende Erlebnis des Kisten Auspackens lieben würde. Als ich dann im Kinderzimmer begann, Spielsachen einzusortieren, dachte ich erst, dass ich schnell die Lust an dieser monotonen Aufgabe verlieren würde. Mit jeder neuen Wohnung, jeder Veränderung im Leben der Protagonistin war ich aber aufs Neue gefesselt. Ich hätte Unpacking viel zugetraut, aber nicht, dass mich das Puzzle Game ernsthaft zum Nachdenken bringen würde. Ich fühlte mich zurückversetzt zu eigenen Umzügen, die sich bisher zum Glück auf ein Minimum beschränken. Ich habe mich für sie gefreut und mit ihr gelitten. Irgendwann hatte ich das Gefühl, sie so gut zu kennen, dass ich schon wisse, wie ich ihre Sachen einräumen muss. 

Ich habe die Details gefeiert, die ich von einem Spiel, das in Pixelgrafik gehalten ist, gar nicht erwartet hätte. Der Soundtrack war meistens so zurückhaltend, dass er die meditative Wirkung meiner Aufgabe noch einmal verstärkt hat. Manchmal waren die Songs aber auch so funky, dass ich mich irgendwann dabei erwischte, rhythmisch mit dem Kopf zu wackeln. Nicht immer habe ich verstanden, warum ich einen Gegenstand in diesen einen bestimmten Schrank und nicht in einen anderen packen durfte. Aber das war mir egal. Denn das Puzzle Game hat mir die entspannte Gelassenheit verliehen, so lange herumzuprobieren, bis alles an seinem vorhergesehenen Platz ist. Einer der wenigen Kritikpunkte, die ich an Unpacking habe, ist, dass es zu schnell vorbei war. Und das muss ein Spiel, in dem es um eine unliebsame Aufgabe wie Kisten auspacken geht, auch erst einmal schaffen.

9/10 📦 👩‍❤️‍👩 🧻

Developer: Witch Beam
Publisher: Humble Games
Genre: Puzzle Game
Team: Wren Brier (Artist, Designer), Tim Dawson (Programmer, Designer), Angus Doolan, Michelle Whitehead (Pixel Artists), Angela van Dyck (Audio Assistant)
Musik: Jeff van Dyck
Auszeichnungen: Winner: GOTY and Accessibility Awards (Australian Game Developer Awards 2021), Festival Favourite (Tiny Teams 2021), Official Selection (LudoNarraCon 2021)
Veröffentlichung: 2. November 2021 (Steam, GOG, Xbox Series X|S, Xbox One, Switch)


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