Golf Club Wasteland Review | Die bittersüße Sehnsucht nach Heimat

Golf Club Wasteland schafft ein wunderschönes, aber bedrückendes Bild von einer zurückgelassenen Welt.

Was bleibt von uns, wenn die Menschheit eines Tages ausstirbt oder im günstigen Falle zu den Sternen aufbricht? Was bleibt auf der Erde zurück? Welche Monumente zeugen 100, 1000, 100 000 Jahre nach uns von unserer Zivilisation, auf die wir so große Stücke halten? Sind wir die nächsten Dinosaurier, die nur anhand versteinerter Spuren ihre tragische Geschichte erzählen? Was sind unsere technischen Errungenschaften auf die Gesamtheit der Weltgeschichte betrachtet wert? Und jetzt stellt euch vor, ein Mensch kehrt auf die Erde zurück, um in den Ruinen unserer Existenz dem sportlichen Vergnügen zu frönen. Es klingt wie die ultimative Dekadenz, etwas, das nur Superreiche und Tech-Pioniere sich leisten können. Keine_r der normalen Aussiedler_innen wird je auf den teuersten Trip der Welt gehen, der kurzweiliges Golfen in aufregender Atmosphäre verspricht.

In case of Apocalpyse, dial 1-800-Helpusgod

Sagte ich Welt? Ich meinte Mars. Die Menschheit ist vor der Zerstörung ihres Planeten einfach auf den nächsten geflüchtet und hat ihn sich mühsam zum Heim gemacht. Die Hauptstadt heißt Teslaville und sitzt unter einer riesigen Glaskuppel. Das Leben ist stark eingeschränkt, für die Dusche ist das Wasser auf 30 Sekunden limitiert. Die Menschen erinnern sich kaum noch an die Erde, an das unbeschwerte Leben unter freiem Himmel. Dafür gibt es Radio Nostalgia from Mars, ein Sender, der nostalgische Stücke aus dem 21. und 22. Jahrhundert spielt und Erfahrungsberichte von Menschen zum Besten gibt. Ich kann es, Ironie des Schicksals, auf der Erde empfangen, wo von den nostalgischen Erinnerungen nur verblasste Spuren übrig sind. Eine Frau zitiert Heinrich Heine, eine andere berichtet vom Leben an Havannas Stränden. Die bittersüßen Erinnerungen sind mit Händen zu greifen, während ich gedankenlos einen orangen Ball durch eine radioaktive Ruinenlandschaft schlage.

Golf Club Wasteland gewinnt meine Sympathie rasend schnell, dank eines elektronisch-melancholischen Soundtracks, der Einflüsse von Electro und traditionellen Musikstilen durchklingen lässt. Die interviewten internationalen Personen geben tiefe Einblicke in ihr Seelenleben und erzählen persönliche Geschichten. Sie sprechen englisch, französisch, spanisch, deutsch oder russisch und ich lausche, als würde ich meinen Großeltern lauschen. Plötzlich sehe ich meinen Golfplatz mit neuen Augen. Klar, die Ruinen haben schon vorher eine Geschichte erzählt. Doch jetzt treffen Neonschilder, auf denen Weltschmerz steht, direkt ins Herz. Eine tiefe Beunruhigung ergreift mich, als ich all die gelben Fässer mit dem schwarzen Symbol darauf sehe, über die mein Ball hinüberhüpft. Machen wir kollektiv einen fatalen Fehler nach dem anderen?

„Erst war die Ernte verdorben. Dann war das Wasser vergiftet, und dann war die verdammte Luft nicht mehr atembar.“

Wir laufen sehenden Auges in unser Verderben. Überall zeugen Relikte unserer Wegwerfgesellschaft von unserer Misshandlung, die wir der Natur antun. Mein einsamer Astronaut in seinem orangen Anzug arbeitet sich mühsam durch einen außergewöhnlichen Kurs nach dem anderen. Auf dem Weg zur roten Fahne müssen Hindernisse überwunden werden, die den klassischen grünen Rasen schal erscheinen lassen. Plattformen, Rolltreppen, Container, Tümpel und Laubhaufen sind nur einige Beispiele für Elemente, die meinen Kurs abwechslungsreich gestalten. In jedem gibt es mindestens zwei Möglichkeiten, zum Ziel zu gelangen, beide verlangen Geduld und eine gewisse Prise an Können. Durch ersteres erarbeite ich mir letzteres, und dank der akustischen Unterhaltung wird mir dabei nicht langweilig. Jedes Mal, wenn ich frustriert den Schläger ins Korn werfen will, kommt ein Song, der mich fasziniert lauschen und die gescheiterten Versuche vergessen lässt.

Hätte Golf Club Wasteland es dabei belassen, wäre ich schon glücklich mit der Erfahrung gewesen. Aber auch meine Hauptfigur hat eine Geschichte zu erzählen. Ich schalte mit jedem Par, das ich erreiche oder unterbiete, ein weiteres Stückchen davon frei. Um die ganze Geschichte zu verstehen, muss ich einen Schritt zurücktreten. Ich muss den Interview-Schnipseln lauschen, um mehr über den Exodus auf den Mars zu erfahren. Ich muss die Tagebuch-Einträge lesen, um die Motivation meiner Hauptfigur zu ergründen. Nicht zuletzt muss ich in den Ruinen lesen, um ihre Botschaft zu entschlüsseln. Ein Kapitel heißt Ishmael und die Albino-Giraffe und ist eine Anspielung an Herman Melvilles Moby Dick, in dem Kapitän Ahab mit dem mutierten Pottwal kämpft, der ihm Leid zugefügt hat. Er zieht aus, um Rache zu bekommen. Letztendlich vervielfacht er das Leid, indem er alles diesem einen Ziel opfert. Der Erzähler Ishmael dagegen begreift den Wal als Sinnbild.

Der weiße Wal

Moby Dick wird so zur Fabel von der Kränkung eines Einzelnen, die den Interessen der Mannschaft gegenübersteht. Eine mehr als passende Anspielung auf das Schicksal der Menschheit, deren einsamer Vertreter nun einer weißen Giraffe gegenübersteht, die friedlich Wasser aus einer Satellitenschüssel leckt. In solchen Momenten ist Golf Club Wasteland schmerzerfüllt, ohne dass die Quelle des „Weltschmerzes“ in der vermeintlichen Idylle sichtbar wird. Wo die Natur die menschlichen Spuren überwuchert, fühle ich fast Frieden. Die gequälte Erde ist uns endlich los. Doch dann betrete ich einen unterirdischen Atombunker voller leckender Fässer und spüre die Narben, die unsere Egozentrik auf dem Antlitz der Erde eingegraben hat. Doch ist sie uns nicht feindselig gestimmt, beinahe spielerisch schnappt das Eichhörnchen meinen Ball weg, der kurz darauf wieder vor meinen Füßen liegt.

Mein Hauptcharakter verfolgt seine eigenen Ziele, in der verseuchten Luft zu wandeln. Ich blättere Schicht um Schicht ab und bin immer wieder erstaunt, was ich da finde. Schuldgefühle, Reue, Bitterkeit, verborgen unter einer dicken Schicht pinker Neonschilder. In einem Moment lache ich über die grellen Schriftzüge, die „Brexitocin“ oder „Digidopamin“ bewerben. Im nächsten erinnere ich mich daran, dass nur wenige Prozent der Verantwortlichen dieses Bild jemals zu Gesicht bekommen werden. Der Rest ist tot oder trinkt auf dem Mars recycelte Flüssigkeiten und atmet recycelte Luft. Radio Nostalgia from Mars versucht, das unbeschwerte Gefühl von Freiheit und Heimat hervorzurufen, doch die Menschheit hat ihre Unschuld schon lange verloren. Daran kann auch der Mars nichts ändern. Seine rote, kalte Wüste kann die grünen Wälder und die duftende Erde nicht ersetzen.

No suit, no life

In Golf Club Wasteland rückt das simple Gameplay in den Hintergrund und lässt viel Raum zum Nachdenken. Trotzdem ist unter dem ganzen Pessimismus, den ich bis hierhin versprüht habe, auch Hoffnung verborgen. Hoffnung auf eine Zukunft auf der Erde, die uns von der Wiege an ein Zuhause war. Das Leben findet einen Weg, so sagte bereits ein kluger Mensch in Jurassic Park, und was dort noch klang wie eine Drohung, klingt aus dem Mund des Radiomoderators wie ein Versprechen. So schön die Ruinen Alphavilles auch sein mögen, noch haben wir Zeit, dieses Szenario zu vermeiden. Demagog Studios Erstlingswerk ist subtil mahnend und passt perfekt in den Zeitgeist. Statt uns mit Zahlen über den CO2-Ausstoß oder den Meeresspiegelanstieg zu bewerfen, führt es uns anschaulich vor Augen, dass selbst mit dem Überleben das Leben nie wieder das gleiche sein wird.

9/10 ⛳☢️

Developer: Demagog Studio
Publisher: Untold Tales
Genre: Golf-Adventure, Platformer
Team: Igor Simić (Creative Director, Music), Stepko (Art), Shane Berry (Audio)
Musik: Igor Simic, Shane Berry
Veröffentlichung: 3. September 2021 (Steam, Epic Games Store, PS5, PS4, Xbox Series X|S, Xbox One, Switch)


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