The Fermi Paradox | Die galaktische Gretchenfrage

Sind wir denn nun allein? Die Simulation The Fermi Paradox beruht auf dem Gedankenexperiment eines Physikers.

Nehmen wir mal an, die Entstehung von Leben ist bei geeigneten Bedingungen grundsätzlich möglich. Soweit wir Menschen wissen, war das Zusammenfinden von Aminosäuren (den Bausteinen der Zellen) zu Zellen (den größeren Bausteinen des Lebens) ein rein zufälliger und erratischer Vorgang, der sich bis zum „Erfolg“ (der Reproduktion) vielfach wiederholt hat. Es brauchte nur eine Menge Zufälle und ein paar günstige Voraussetzungen. Dann könnte auf vielen Planeten im Universum etwas existieren, selbst wenn wir erdähnliche Bedingungen für diese Planeten voraussetzen, also die Existenz von Wasser, Licht und Luft. Das ist eine sehr menschenzentrierte Annahme, aber es vereinfacht das Überschlagen potentieller Lebensräume. Das Leben beginnt mit primitiven Einzellern, strebt aber stets nach einer Besetzung möglichst unterschiedlicher ökologischer Nischen. Wenn wir die Evolution als allgemeingültige Grundlage nehmen, entwickelt es sich möglicherweise hin zu intelligentem Leben.

Die Menschheit als Abziehbildchen

Wem das zu technisch ist, ein kurzer Abholer: Wir wissen nicht, ob unsere Annahmen über das Leben universell gültig sind, aber tun wir mal so, als sei die Menschheit eine Blaupause. Extraterrestrisches Leben folgt also ähnlichen Gesetzen wie wir. An einem bestimmten Punkt wird dieses Leben sich die gleiche Frage stellen wie wir: Sind wir nun allein im Universum? Wie wir, wird es ab einer gewissen Technisierung beginnen, Signale auszuschicken. Vielleicht wird es sogar Raumschiffe losschicken, um fremde Sternensysteme zu kolonisieren oder im extremen Fall Kontakt aufzunehmen. An diesem Punkt ist es an der Zeit, den Spieletitel zu erklären: Das Fermi-Paradoxon ist nach dem italienischen Physiker Enrico Fermi benannt. Der hat sich Gedanken zu außerirdischem Leben gemacht, wie ich sie eben angerissen habe. Und kam zu der Erkenntnis, dass es bei einer Lebensdauer des Universums von 13,772 Milliarden Jahren durchaus intelligentes und technologisch fortgeschrittenes Leben geben könnte.

Und zwar deutlich intelligenter, als die Menschheit es in ihren Babyschuhen ist. Wir sind mit 6 Millionen Jahren (Kurze Einordnung: Da streckten die ersten Affen ihren Kopf über die Grasebene. Die Steinzeit ist mit etwa 2,6 Millionen Jahren deutlich jünger.) nur ein Punkt auf dem Zeitstrahl des irdischen Lebens, das unglaubliche 3,7 Milliarden Jahre alt ist. Damals gab es nicht mal Sauerstoff, den mussten die ersten Bakterien erst produzieren. Wir setzten uns also ins gemachte Nest. Aber zurück zum Paradox: Wenn es anderes intelligentes Leben gibt, dann wird es sich bemerkbar machen. Es wird, wie wir, auf allen möglichen Frequenzen senden. Oder am besten auf Frequenzen, die nicht anderweitig besetzt sind, damit das Signal nicht im Störfunk untergeht. Schließlich wollen wir auch, dass andere Lebensformen die Beatles hören können – vorausgesetzt, sie verfügen über Hörorgane. Nehmen wir an, dass diese Aliens mit Lichtgeschwindigkeit reisen können, könnten sie bereits hier sein.

Ist da jemand?

Wenn wir also annehmen, dass es in der Milchstraße (unserer Heimatgalaxie) mindestens eine Zivilisation gibt, die zu interstellarem Reisen in der Lage ist, könnten sie bereits die halbe Galaxis kolonisiert haben. Und sie könnten uns besucht haben, immerhin schreien wir unsere Anwesenheit in das ganze Universum heraus. Aber bisher suchen wir die Sterne vergeblich nach eindeutigen Signalen ab, was drei Schlüsse zulässt: Entweder wir suchen an der falschen Stelle, die anderen Zivilisationen senden nicht oder es gibt schlichtweg niemanden außer uns. Dass andere Lebensformen stumm bleiben, ist durchaus wahrscheinlich, immerhin gilt bereits ein primitives Bakterium als Lebewesen. Allerdings kann mithilfe der Drake-Gleichung eine Abschätzung vorgenommen werden, wie hoch der Anteil intelligenter und technisierter Lebensformen sein könnte. Leider hängt diese Gleichung wesentlich von den Parametern ab, die wir eingeben. Und die sind so vage, dass das Ergebnis ungefähr keine Aussagekraft hat.

Doch es gibt die optimistische und die pessimistische Schätzung, die als konservativ, optimistisch und enthusiastisch bezeichnet werden. Im optimistischen Fall könnten 100 Zivilisationen in unserer Milchstraße existieren, das sind logischerweise 99 mehr als im Falle, dass die Erde eine Insel ist. Zwischen diesen Zivilisationen lägen dann durchschnittlich 5000 Lichtjahre – zum Vergleich: Unser Nachbarstern Alpha Centauri ist 4,36 Lichtjahre entfernt. Das bedeutet, wenn wir heute senden, erreicht unser Signal nach frühestens 5000 Jahren die anderen, und wenn diese antworten, erreicht uns die Antwort wieder 5000 Jahre später. Somit hätten wir eine Erklärung, warum uns noch keiner Hallo gesagt hat: Der Brief ist noch unterwegs. Aber warum empfangen wir keine Flaschenpost, die aufs Geratewohl ins Wasser geworfen wurde oder direkt Besuch, der unserem hübschen Planeten mal Hallo sagen will?

„Gott würfelt nicht” (Albert Einstein)

Das ist das Fermi-Paradoxon. Kurz gesagt: “Selbst wenn ein sehr kleiner Anteil der hundert Milliarden Sterne in der Galaxie technologische Zivilisationen beheimatet, die zu interstellarem Reisen in der Lage sind, könnte die gesamte Galaxis in wenigen Millionen Jahren kolonisiert sein. Die Abwesenheit solcher extraterrestrischen Zivilisationen auf der Erde ist das Fermi-Paradoxon.” (Geoffrey A. Landis, NASA, 1998). Es gibt Erklärungsversuche, aber bevor ich jetzt noch theoretischer werde, komme ich zum Spiel. The Fermi Paradox macht mich zur galaktischen Gärtnerin. Ich darf Gott spielen, und ich werde würfeln. Dazu gleich mehr. Ganz grundsätzlich ist The Fermi Paradox ein Strategiespiel, bei dem es um das Heranziehen von Zivilisationen geht, die „benachbarte“ Sternensysteme bevölkern. Dabei handelt es sich um Sterne mit den klangvollen Namen Rigel, Kepler und Teegarden beispielsweise, die (teils fiktiv) bewohnbare Planeten besitzen. Unsere Sonne ist auch dabei und heißt schlicht Sol.

Meine Aufgabe ist es auf diesen Planeten Leben anzusiedeln und es durch seine Entwicklungsstufen zu begleiten. Ich darf wählen, ob ich eine ausgewogene Spezies, eine Standardspezies oder eine unausgewogene Spezies möchte. Diese Optionen bezahle ich mit der „Währung“ des Spiels, der Synthesis. Ich kann sie aufsammeln oder verdienen, indem ich nachteilhafte Optionen wähle. Entscheide ich mich für eine unausgewogene, also kriegerische oder ausbeuterische Spezies, bekomme ich Synthesis gutgeschrieben. Die ausgewogene Spezies kostet mich dagegen Synthesis. Die mittlere Option ist neutral gehalten und bietet Vor- wie Nachteile. In der weiteren Entwicklung meiner Zivilisation muss ich immer wieder Entscheidungen treffen, die ähnlich ternär gestaltet sind und wirtschaftlich abgewogen werden wollen.

Von Stöckchen und Steinchen zu Cyberspace

Die Zivilisationen starten stets im Steinzeitalter und durchlaufen dann die „menschlichen“ Entwicklungsschritte: Darunter die Bronzezeit, das Industriezeitalter und ein (noch) fiktives Cyberzeitalter, um ein paar zu nennen. Anfangs verwirren mich die Symbole, die zusätzlich zur Synthesis aufleuchten, doch mit der Zeit verstehe ich ihre Funktion. Sie lassen mich auf die Wachstumsparameter der Lebensform Einfluss nehmen: Technologielevel, Bevölkerung, Ressourcen, Verluste im Kriegsfall und den Grad der Utopie/Dystopie. Während die Bedeutung von Bevölkerung und Ressourcen recht klar ist, kommt die Bedeutung der letzten beiden Faktoren vor allem bei Events zum Tragen. Diese passieren zufällig und können meine aufkeimende perfekte Gesellschaft direkt wieder zerstören. Beispielsweise kann es zu einer Katastrophe kommen, die mich zur Wahl zwingt: Zerstöre ich meine Zivilisation komplett und bekomme wenigstens etwas Währung zurück? Behalte ich ein paar Überlebende auf Kosten aller Parameter? Oder komme ich glimpflich davon? Der Ausgang hängt wesentlich von meinen vorherigen Entscheidungen ab.

Ich bin Gott, denn es liegt auch an mir, ob meine Schützlinge den Weltraum bevölkern. Oder ob sie überhaupt Nachrichten senden. Nicht immer kostet mich die beste Option Synthesis, bei ausgewogenen Spezies fällt die Auswahl oft begünstigend aus. Aber oft muss ich gegen unerwünschte Effekte gegensteuern, die beispielsweise eine Bevölkerungsexplosion oder Rohstoffmangel sein können. Dafür klicke ich entsprechende Symbole, die intuitiv mit plus und minus gekennzeichnet sind. Es klingt wirklich nicht spannend, aber spätestens, als meine Prun sich in den Weltraum aufmachen, bin ich völlig gefesselt. Meine Prun sind pferdeähnliche Wesen mit welsartigen Schnauzen, die über vier Augen verfügen. Sie sind eine der ausgewogenen Spezies, und schnell besiedeln sie benachbarte Sternensysteme. Die Unterkolonien entwickeln sich schnell zu eigenen Zivilisationen, die auch den Namen Prun ablegen und nun z.B. Digital Siblings heißen.

The Fermi Paradox kreiert zugängliche Astrophysik

Nicht alle schaffen es. Manche werden von Vulkanausbrüchen derart dezimiert, dass sie sich von ihren Kolonisierung-Ambitionen zurückziehen müssen oder ich sie ganz aufgebe. Aber insgesamt stellen die Prun meinen ganzen Stolz dar, und sie sind auch die ersten, die versuchen, Kontakt aufzunehmen. Und das ausgerechnet mit der Menschheit, die zu dem Zeitpunkt noch in den Windeln auf der Erde herumwackelt. Aber als meine Menschlein (die sich im Gegensatz zu ihrem Vorbild vorbildlich entwickeln) schließlich auf die Prun treffen, verläuft der Kontakt friedlich. Ich habe es geschafft und einen Kontakt hergestellt! Doch damit ist das Spiel nicht vorbei. Ziel ist die sogenannte Singularität, ein Zustand, der auch „Galactic Understanding“ genannt wird: Der Weltfrieden des Universums. Nach etwa drei Stunden erreiche ich dieses Ziel tatsächlich. Mit mehreren Zivilisationen, die sich auf der höchsten Technologiestufe befinden und das halbe Universum besiedelt haben.

The Fermi Paradox ist eine zutiefst philosophische und wissenschaftliche Simulation, die dank unvorhersehbarer Entwicklungen viel Wiederspielwert besitzt. Die Alienspezies sind kreativ und wunderschön gezeichnet. Ihre Charakterdesigns verändern sich je nach Entwicklungsstufe, und ich wurde nicht müde, sie zu betrachten. Zumal ich so stets erkennen konnte, welchen Ableger der Prun ich nun vor mir hatte. Denn sie alle hatten eigene Raumschiff-Flotten, die dank eines Raumanzugs optisch abgrenzbar waren. Zu jedem Event gibt es eine ausführliche Beschreibung und ein Zitat, das entweder historisch oder frei erfunden sein kann. Ein Vulkanausbruch kann beispielsweise von einem Zitat begleitet werden, das von Plinius dem Älteren stammt. Der hat 79 nach Christus den Ausbruch des Vesuvs miterlebt und das Ereignis in Briefen festgehalten. Aber auch Einstein ist mir in klugen Zitaten begegnet. Ich bin regelrecht eingesogen worden und in meiner Rolle der galaktischen Gärtnerin aufgegangen.

Eine unbeantwortete Frage

Ob wir nun allein sind oder nicht, ich bin nicht schlauer. Darauf kann kein Spiel der Welt eine Antwort geben. Aber es stimmt mich hoffnungsvoll. Denn vielleicht sind wir nicht allein, auch wenn wir es nicht wissen, geschweige denn glauben. Selbst, wenn die Menschheit eines Tages ausstirbt, hinterlässt sie die Erde einer potenziellen Nachfolgerzivilisation. Und vielleicht macht die ihre Sache besser als wir. Vielleicht geht sie mit den Ressourcen sorgfältiger um und lebt nicht auf Pump, bis eines Tages plötzlich die Rohstoffe ausgehen und eine höhere Macht zu den Würfeln greifen muss. The Fermi Paradox befindet sich noch im Early Access und damit in einem unvollständigen, aber keinesfalls unfertigen Zustand. Es werden neue Arten, neue Events und mehr Features folgen, die den Wiederspielwert erhöhen. Anomaly Games hat mich positiv überrascht und ich freue mich auf die Vollversion, die voraussichtlich frühestens 2022 erscheinen wird.

Developer/Publisher: Anomaly Games
Genre: Strategiespiel
Veröffentlichung: 1. Juli 2021 (Early Access auf Steam)


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