Review

Love – A Puzzle Box Filled With Stories Review | Trauer, die wärmt

Nicht jede Geschichte hat ein Happy End. Love – A Puzzle Box Filled With Stories zeigt, dass das gar nicht nötig ist.

Während des Studiums kommt es häufig zum ersten Kontakt zwischen Stadt- und Dorfmenschen. So war es auch bei mir. Ich bin geboren und aufgewachsen in einer Großstadt mitten im Ruhrgebiet. Für meine neuen Studienfreund_innen war es beeindruckend, wie schnell wir mit dem Auto von meinem Elternhaus auf der Autobahn, ja sogar in einer anderen Stadt waren. Auf dem Dorf kann so etwas locker eine Stunde in Anspruch nehmen. War ich einmal auf dem Land zu Gast, war ich beeindruckt – und beängstigt – davon, dass jede_r jede_n kannte. Mit Namen, Beruf, Familienstand und noch einigen sehr viel intimeren Details. So etwas ist in der Großstadt selten bis undenkbar. Wenn ich heute Nachbar_innen beim Bäcker treffe und sie mich nach persönlichen Dingen fragen, bin ich direkt auf Habachtstellung. Warum wollen sie das wissen, wem wollen sie das erzählen? Was geht sie das überhaupt an? Und ich merke: Anonymität ist Fluch und Segen zugleich.

Hör mal, wer da lauscht

Ich gebe gerne vor, mich nicht für Gerüchte zu interessieren. Auf der Arbeit setze ich beim Thema Flurfunk einen neutralen Gesichtsausdruck auf, der oft als gelangweilt gedeutet wird. Das stört mich aber nicht weiter. Gelangweilt ist gut, wenn es um Gerüchte geht. Denn ich mag mich nicht an Erzählungen ergötzen, die Person A von Person B gehört hat, welche wiederum davon von der Cousine zweiten Grades von Person C erfahren hat. Wovon ich mich allerdings nicht ganz freimachen kann, ist das Interesse an Informationen aus erster Hand. Wenn meine Nachbar_innen in der Wohnung nebenan streiten, höre ich mal freiwillig, mal unfreiwillig mit. Wenn ich im Sommer auf dem Balkon sitze, überhöre ich die Gespräche der Nachbar_innen und bringe abends meinen Freund auf den neuesten Stand. Der darauf wiederum ähnlich gleichgültig reagiert wie ich selbst beim Gossip auf der Arbeit.

Was ich damit sagen möchte: Auch wenn ich mich nicht so richtig für das Leben mir fast vollkommen fremder Menschen interessiere, verstehe ich dennoch den Reiz daran, bei anderen „Mäuschen zu spielen“. Vielleicht gibt es ja einen Grund dafür, dass der Grumpy Opa von nebenan nie mein Hallo erwidert, selbst wenn ich ihn bei meinem Gruß direkt in die Augen sehe und ein freundliches Lächeln aufsetze. Vielleicht verstünde ich ja, warum die Nachbarin ständig in ohrenbetäubenden Frequenzen keift, wenn ich nur den Grund dafür kannte. Vielleicht würde ich mich dann weniger über diese Menschen aufregen, sondern Verständnis zeigen oder sogar Mitleid empfinden. Denn wenn ich mit kleinen und großen Problemen, Schicksalsschlägen und Frustration zu kämpfen habe, dann doch sicherlich auch diese Leute, die mir räumlich so nah und emotional so weit von mir entfernt sind. Oder?

The devils in my head, I fight them all the time

Was ihr eben gelesen habt, war eine ziemlich lange Einleitung für das, was Love – A Puzzle Box Filled With Stories im Kern ausmacht. Hier bekomme ich diese einmalige Möglichkeit, einfach in fremde Wohnungen zu schauen, mir fremde Geschichten anzuhören. Alles spielt sich in einem einzigen, mehrstöckigen Wohnhaus ab. Ähnlich wie bei einem Zauberwürfel kann ich jede Etage um die eigene Achse drehen. Das Besondere: Die eine Seite des Hauses ist bunt und repräsentiert die Gegenwart, die andere ist monochrom gehalten und stellt die Vergangenheit dar. Meine Aufgabe ist es, eine Verbindung zwischen diesen beiden Zeitsträngen herzustellen. Was ist aus dem Jungen geworden, der so gerne Gitarre gespielt hat, dessen Mutter sein Geklimper aber einfach nicht ertragen konnte? Wo sitzt das Pärchen, das gerne vom Häuserdach aus die Sterne beobachtet hat, heute? Sind sie überhaupt noch zusammen? Und was haben diese ganzen Menschen miteinander zu tun?

Szenen aus Vergangenheit und Gegenwart halte ich auf Polaroid Bildern in meinem Fotoalbum fest. Ich schiebe also hin und her, um Zusammenhänge zu finden und Geschichten zu erleben. Zwischen den Szenen liegen oft viele Jahre, auch der Tod ist also ein Thema. Generell hat jede der Geschichten etwas Dramatisches, was viele Spieler_innen sicher die eine oder andere Träne verdrücken lässt. Ich selbst bin nicht sehr nah am Wasser gebaut. Trotzdem haben mich die Geschichten, die ich in den verschiedenen Dioramen erleben durfte, berührt. Das lag nicht zuletzt an dem großartigen Soundtrack. Der Gründer des Developer-Studios Rocketship Park, Shane McCafferty, ist sich sicher, dass das Puzzle Game ohne die Musik seines Freundes Neil White einfach nicht funktionieren würde. Schließlich war es dessen Song „Devils In My Head“, der ihn überhaupt erst auf die Idee zu Love – A Puzzle Box Filled With Stories brachte.

Love – A Puzzle Box Filled With Stories summt im Gedächtnis weiter

Auch jetzt gerade höre ich Neil Whites Album, von dem viele Songs in dem Puzzler vorkommen. Und sofort bin ich wieder in diesem rotierbaren Haus. Sehe die Menschen, durch deren Fenster ich ganz ungeniert hineingeschaut habe. Wahrscheinlich sind es genau diese sanften, eingängigen Melodien, die ich immer noch im Ohr habe, die meine Sicht ein wenig vernebeln. Denn nicht alles an dem Puzzle Game hat mich begeistert. Die Schwierigkeit der Rätsel reicht von einem einfachen Klick auf eine Person bis hin zu ganz bestimmten Raum-Zeit-Konstellationen, die ich teilweise nur durch Zufall oder mit Hilfestellung entdeckt habe. Der reduzierte Grafik-Stil, den ich eigentlich sehr mag, ist mir an vielen Stellen zu verwaschen. Auf dem kleinen Bildschirm der Switch musste ich oft angestrengt die Augen zusammenkneifen, um zu erkennen, worum es gerade eigentlich geht. Generell ist mir vieles zu kleinteilig, um mit den etwas groben Steuerungsmechanismen bequem bewältigt werden zu können.

Das mag Jammern auf hohem Niveau sein, denn in Love – A Puzzle Box Filled With Stories geht es nun einmal um genau diese Geschichten, und die sind mir noch sehr präsent und haben mich, die nicht ganz so leicht zu erschüttern ist, ergriffen. Trotzdem hat mir der verklemmte Blick auf den Bildschirm und Puzzles, die mir teilweise ein bisschen willkürlich vorkamen, das Erlebnis nicht unbedingt vereinfacht. So schlimm ist das aber nicht, denn was ich offensichtlich mitgenommen habe, ist diese angenehme Melancholie. Das Wissen, dass Trauriges auch schön sein kann und dass die Zeit vielleicht nicht jede Wunde heilt, aber dass Weitermachen sich lohnen kann – für sich selbst und für andere. Jeder von uns hat ein Fotoalbum mit Erinnerungen, entweder physisch oder mental. Und selbst wenn Menschen auf den Bildern nicht mehr da oder schöne Momente längst verblasst sind, müssen wir beim Durchblättern lächeln. Und darum geht es doch.

8/10 📷 🌃

Developer/Publisher: Rocketship Park
Genre: Puzzle-Game
Team: Shane McCafferty (Design, Code, Creative Direction), Jim Squires (Design, Business Development, Marketing), PixelNAUTS (Graphics, Animation)
Musik: Neil White
Veröffentlichung: 21. Oktober 2020 (Steam), 28. Mai 2021 (Switch)

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