Torn Away | Ein Kind flieht vor dem Krieg

Torn Away hat es sich zur Aufgabe gemacht, die grausame Geschichte des Zweiten Weltkriegs gewaltfrei zu erzählen.

Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich Tagebuch geschrieben habe. Meistens standen solche interessanten Geschichten darin wie „Ich war heute einkaufen und habe meinen Lieblingspudding gefunden!“ oder „Es war langweilig an der Uni“. Diese Tagebücher heute aufzuschlagen ergäbe für mich keinen Sinn, sie dienten nur der tagtäglichen Reflektion meines eintönigen Lebens. Torn Away beruht auf echten Tagebüchern. Aber nicht mit dem Geschreibsel von Millenials wie mir, sondern den Aufzeichnungen von Kindern, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben.

Man kann einen Krieg genauso wenig gewinnen wie ein Erdbeben (Jeanette Rankin)

Wir, und damit meine ich Generation X bis Z, können uns glücklich schätzen den Krieg nicht erlebt zu haben. Was wir zu Schulzeiten in Geschichte gepaukt haben, war für Kinder wie die Protagonistin von Torn Away bittere Realität. Die kleine Asya erlebt wie die Bomben auf ihr Heim fallen und es in Trümmer legen. Sie teilt das Schicksal der Ostarbeiter, die in Zwangsarbeitslagern schuften mussten. Bei den Ostarbeitern handelte es sich um Arbeitskräfte aus besetzten Ländern, die nach Ostdeutschland verschleppt und dort zur Arbeit gezwungen wurden. Doch Asya kann fliehen und muss sich alleine durch Deutschland und Polen nach Hause kämpfen.

Kämpfen ist das Stichwort. Asya kann es als junges Mädchen nicht mit den Soldaten der Wehrmacht aufnehmen. Ihr Vorteil ist, dass sie sich an unzugänglichen Orten verstecken kann. Daher besitzt Torn Away gewisse Anleihen an Stealth-Sidescroller, deren Spannung darauf beruht, von Deckung zu Deckung zu huschen. Andere Stellen sind eher filmisch inszeniert und lassen mich durch Asyas Augen erleben, was ihr geschieht. Wenn das Kind auf der Suche nach Nahrung oder einem Platz zum Schlafen ist, ähnelt das Gameplay eher dem eines klassischen Adventures. Im Zentrum dieser spannenden Mischung steht ihr Kampf ums Überleben ebenso wie die Hoffnung auf einen guten Ausgang.

Torn Away sieht ein altes Thema durch junge Augen

Der Trailer gibt mir bereits einen Einblick in die Inszenierung und überzeugt mich mit seinem eckigen Zeichenstil. Der ist angelehnt an den sozialistischen Realismus, ein bodenständiger und bunter Kunststil, ebenso wie an französische Zeichentrickfilme. Mich haben besonders die atmosphärischen Landschaften beeindruckt. Asya durchquert eine bitterkalt aussehende Schneewüste und eine idyllische Kleinstadt, über der sich dicke Quellwolken auftürmen. Der Grundtonus wirkt eher düster, die Schatten des Krieges sind überall zu sehen. Es fällt mir nicht schwer, mir dort ein Kind vorzustellen, das in einem Schuppen sitzt. Es würde sich vor Wind und Wetter verstecken, verborgen vor den Augen der Soldaten, und seine furchtbaren Erlebnisse einem Tagebuch anvertrauen.

Das in Moskau sitzende Entwicklerstudio Perelesoq hat sich mit dem Zweiten Weltkrieg ein vielfach aufgegriffenes Thema ausgesucht, doch die Entwickler_innen wählen einen neuen Ansatz. Mir geht ständig der Satz im Kopf herum „Nicht nur Soldaten kämpfen im Krieg“. Der Kampf Asyas um Menschlichkeit, um Geborgenheit, um die Heimat ist ein viel verzweifelter geführter. Und er ist aktueller denn je. Das russische Team hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit den Grausamkeiten von damals auf die Probleme von heute aufmerksam zu machen. Publisher Nordcurrent bringt das ambitionierte Projekt auf den Weg. Torn Away wird voraussichtlich Ende 2021 auf Steam und GOG erscheinen.

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