Hindsight | Ist das Erinnerung oder kann das weg?

Mit Hindsight bringt Annapurna Interactive ein narratives Abenteuer heraus, das Entschleunigung und Wehmut verspricht.

Als Kind hatte ich eine goldene Spieluhr in Form eines Sterns. Eine kleine Klappe auf der Vorderseite verbarg eine Mondsichel und einen pinken, kreisförmigen Stein. Vollständig aufgezogen spielte sie Moonlight Denetsu, den Titelsong der ersten Staffel von Sailor Moon. Wenn ich diese Spieluhr heute sehe, sehe ich meine Kindheit. Ich sehe, wie mein kleiner, rot-getigerter Kater Sammy mich durch die ganze Wohnung gejagt hat, weil er die goldene Kette fangen wollte, die an der Spieluhr befestigt war.  Ich sehe auch, dass das, was mir als Fünfjährige wie pures Gold erschien, eigentlich nur billiges Plastik ist. Und dass ich Sailor Moon nicht einmal wirklich mochte und immer genervt war, wenn meine Nachbarinnen mich genötigt haben, die Animeserie im Fernsehen anzuschauen. So viele Erinnerungen, gebündelt in einem einzigen Gegenstand. Mit genau diesen Erinnerungen spielt das Point-and-Click Abenteuer Hindsight.

Mach mal langsam

Ich bin keine Freundin von Kram. Auch nicht davon, zu toten Gegenständen eine besonders emotionale Bindung aufzubauen. Deswegen gibt es die Spieluhr, von der ich eingangs gesprochen habe, auch längst nicht mehr. Wie ihr seht, leben die Erinnerungen, die sie in sich vereint hat, trotzdem weiter. Ohne, dass sie in meiner Schublade verstaubt, Platz einnimmt und irgendwann unter noch mehr Kram versinkt. Es gibt aber auch Menschen, die da ganz anders gepolt sind. Ich erinnere mich gerne an die Schrottplatz-Ikone Peter Ludolf, der zu jedem einzelnen Teil, dass er wie ganz selbstverständlich aus einem der meterhohen Schrottberge herauszog, eine Geschichte zu erzählen wusste. Und auch für weniger extrem veranlagte Sammler_innen birgt die physische Anwesenheit bestimmter Dinge Geborgenheit, vielleicht sogar eine Art Sicherheit.

Die Frau, die wir im narrativem Adventure Hindsight durch ihr gesamtes Leben von der Geburt bis heute begleiten, hat mehr als nur eine Kiste, die irgendwo auf dem Dachboden zwischen ganz vielen anderen Kisten versauert. Gemeinsam mit ihr besuchen wir ihr altes Elternhaus, wo es nur so von Gegenständen wimmelt, an denen verblasste Erinnerungen haften. Jeder Gegenstand öffnet ein Fenster in eine andere Zeit. Jedes Objekt hält eingefrorene Momente aus der Vergangenheit bereit, die wir ganz schamlos betreten und erkunden dürfen. Wozu das Ganze? Manchmal brauchen wir das Vergangene, um das Heutige besser zu verstehen. Um einzelnen Momenten, vielleicht sogar der gesamten Existenz einen Sinn zu geben. Hindsight ruft uns dazu auf, einen Gang zurückzuschalten. Langsamer zu werden und dabei die kleinen Dinge unseres Alltags zu entdecken, die uns sonst so unwichtig scheinen. Hindsight bedeutet übersetzt späte Einsicht. Aber besser spät als nie, oder?

Hindsight – Hinterher ist man immer klüger

Der Soundtrack, den wir im Trailer zu hören bekommen, klingt passend melancholisch. Die Frauenstimme, die uns mit auf die Reise nimmt, ist ruhig, eindringlich und klar. Die Gefühle, die durch die Kombination aus Soundtrack und Synchronisation transportiert werden, schwanken irgendwo zwischen beruhigend und dramatisch. Als Zuschauerin habe ich das Gefühl, da lauert was. Auch die simple Low-Poly-Grafik trägt dazu bei. Einerseits bin ich gefesselt von der schlichten Schönheit der Bilder und der stimmigen, kräftigen Farben. Andererseits wirken die gesichtslosen Personen und die eingefrorenen Erinnerungen auch irgendwie creepy. Aber Erinnerungen eines gesamten Lebens können ja nicht ausschließlich fröhlicher Natur sein. Deshalb stellt sich unsere Protagonistin während ihrer Erkundungstour durch ihr Elternhaus auch immer wieder die Frage: Was kann weg, was will ich behalten? Nicht nur physisch, sondern auch mental. Denn wenn Ausmist-Profi Marie Kondo uns eines gelehrt hat, dann: Trenne dich von dem, was dich nicht glücklich macht.

Ob das stimmt, muss wohl jeder von uns für sich selbst herausfinden. Ich für meinen Teil empfinde auch Glück beim Loswerden von Dingen, die positive Erinnerungen in sich tragen. So sehr Hindsight uns dazu animiert, in Erinnerungen zu schwelgen, so macht das Adventure aus der Feder von Joel McDonald und Annapurna Interactive auch deutlich, dass irgendwann Schluss ist. Irgendwann kommt der Punkt, an dem wir ins Hier und Jetzt zurückkehren müssen. Hoffentlich schlauer als zuvor, denn hinterher ist man doch immer schlauer. Auf der Nintendo Direct wurde angekündigt, dass das narrative Abenteuer Hindsight im Laufe des Jahres 2021 auf Steam, der Switch und iOS erscheinen wird. Ein genaues Datum steht noch nicht fest. Bis dahin können wir ja nochmal in der eigenen Mottenkiste kramen und uns von altem Ballast verabschieden – oder eben auch nicht.

Kommentar verfassen