Dude, Where Is My Beer? Review | Obergärige Gesellschaftssatire

Die Suche nach einem Pils wird in Dude, Where Is My Beer? zur absurden Odyssee.

Ich habe bereits in jungen Jahren die Entscheidung getroffen, dass ich nicht trinken will. Kein Alkohol, jemals. Daran hielt ich seit meiner Jugend fest. Beim feierlichen Anstoßen mit Sekt habe ich zum Orangensaft gegriffen, feuchtfröhliche Partys mit Mineralwasser überstanden und jene mit Kater am nächsten Morgen nur belächelt. Das war eine Entscheidung, bei der in meiner Überzeugung nur ganz oder gar nicht zur Debatte standen – das richtige Maß zu finden fiel mir immer schwer. Also entschied ich mich für die Abstinenz. Umso absurder erscheint es, dass ausgerechnet ich mich in Dude, Where Is My Beer? auf die virtuelle Suche nach dem perfekten Bier begeben habe. Schließlich ist mein begrenztes Wissen über Biersorten und das Brauereigewerbe rein theoretischer Natur. Auf den zweiten Blick liegt es gar nicht mehr so fern. Immerhin machen Videospiele unter anderem all das möglich, was im wahren Leben ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen würde.

Dude, Where Is My Beer? ist subtiler als sein Titel

Also stellte ich mir Mineralwasser und Kaffee bereit, wetzte meinen Mauszeiger und begann meine Reise als namenloser männlicher Protagonist, der mit „genug Geld“ aus einem Reisebus steigt und ganz plötzlich das Verlangen nach einem Pilsner verspürt. Meine Kurzrecherche ergab, dass Pilsner oder Pils ein weltweit bekanntes, untergäriges Bier ist, das nach der böhmischen Stadt Pilsen benannt wurde. Laut Wikipedia stellen nach Pilsner Brauart produzierte Biere einen Großteil der in Deutschland verkauften Biere dar. In Norwegen führt das Pils die Liste der beliebtesten Biere an.

Nun wusste ich also, wonach ich suchte, wenn sich mir auch nicht erschloss, warum eigentlich. Es erklärte zumindest die Irritation des Protagonisten, keines in den verschiedenen Bars zu finden, ebenso wie die Wahl genau dieses Biers. Für den Protagonisten repräsentiert dieses Bier offenbar das ultimative Trinkerlebnis, wie ein Schluck Wasser für einen Verdurstenden. Und je unmöglicher die Mission zu werden drohte, desto entschlossener wurde er.

Beer is good, but beers are better – “Altes chinesisches Sprichwort”

Zentrale Prämisse von Dude, Where Is My Beer? ist nicht der Mangel an alkoholischen Schaumgetränken in der fiktiven norwegischen Stadt, im Gegenteil. Es ist das Überangebot an Craftbeer, das mich und meinen Protagonisten verzweifeln lässt. Im Spielverlauf betreten wir unterschiedliche Bars, die alle ihr eigenes Ambiente aufweisen. In einer Sportbar läuft ein Spiel namens BrewBall, das sogar Fußball zum Brausport ummünzt. In einem Pub findet ein Pubquiz statt, das sich ausschließlich um Bier dreht. Bier ist omnipräsent. Aber ausgerechnet das bodenständigste Bier lässt sich partout nicht finden. Stattdessen wird der Protagonist für seine Suche auch noch belächelt. Erschwerend kommt hinzu, dass er sich selbst als socially awkward, also sozial inkompetent, bezeichnet. Er kann Menschen nur mit einem Mindestmaß an Alkohol ansprechen.

Ich bin also gezwungen, ihn mit allerlei seltsamen Sorten abzufüllen, um überhaupt mit Menschen reden zu können. Eine Skala zeigt mir an, wie betrunken mein Charakter gerade ist, und für ein Gespräch muss er mindestens leicht beschwipst sein. Leider nüchtert er ständig aus, weswegen ich wie bei einem Auto den Tank nachfüllen muss. Obwohl mir ein solches Zwangsbesäufnis leidtut, ist die Verachtung, mit der er die kreativ benannten Hopfengebräue herunterwürgt, charmant animiert und lebhaft vertont. Angepasst an das jeweilige Ambiente spielt immer moderne, meist unaufdringliche Musik. Weil es an manchen Orten still ist, kommt sie sogar noch besser zur Geltung.

Mittelvoller Köper und mittelstark karbonisiert

Langsam beginne ich, den schüchternen Schnurrbartträger zu verstehen. Seine Situation ist eine Allegorie auf die Überforderung mit der Vielfalt der modernen Welt, ein Ruf nach der guten alten Zeit. Ich erlebe seine Hilflosigkeit am eigenen Leib. Wenn ein Barkeeper über die Süffigkeit von NEIPA schwadroniert, muss ich nachfragen. NEIPA steht für New England India Pale Ale. Nicht viel schlauer recherchiere ich erneut: Ale bezeichnet Biere, die mit Gerste statt mit Hopfen gebraut werden. Pale Ale wird mit hellem Malz gebraut, das kräftigere India Pale Ale erhielt seinen Namen in den ehemaligen indischen Kronkolonien. New England kennzeichnet die Eigenvariante der amerikanischen Westküste. Irgendwie kann ich nachvollziehen, wenn der Protagonist wie der Ochs vor dem sprichwörtlichen Berg steht und stur auf seinem Pils beharrt. Es stellt seine persönliche Wohlfühlinsel dar. Wenn ich abseits des Alkoholkonsums etwas nachfühlen kann, dann das Bedürfnis, sich an das Bekannte und Vertraute zu klammern.

Dabei versteht sich Dude, Where Is My Beer gar nicht als Anklage gegen eine moderne Welt. Stattdessen wird Vielfalt wertgeschätzt. Zu keinem Zeitpunkt schaut der Protagonist auf seine Gegenüber herab, Gesprächspartner_innen behandelt er gleich und kommentiert ein sich küssendes lesbisches Paar in der Ecke eines Pubs lapidar mit „Sie sind beschäftigt“. Er urteilt nicht. Nicht über eine Bar voller Rocker_innen, die geradewegs vom Wacken stammen könnten und lautstark Metal hören. Nicht über einen Barbesitzer, der seine Bar wie ein indisches Restaurant dekoriert, selbst aber Pakistani ist und das für einen gelungenen Gag hält. Sogar der erwartete Männlichkeitskult bleibt aus. Im Gegensatz zum vorherrschenden gesellschaftlichen Vorurteil trinken hier Mann, Frau und Divers gleichermaßen. Auch wenn so manche Trends ihr Fett wegbekommen: Soziale Klischees werden weitestgehend ausgespart. Stattdessen drückt die Mechanik gerne einmal die Nostalgie-Taste der Spieler_innen.

„Ehrlich, ich mag keine Geschichten, die Leute vom Trinken abhalten sollen.“

Das Point-and-Click ist genau diese Mischung aus Retro und hip. Es ist inklusiv, alle Bewohner_innen tragen Namen, die möglicherweise nordischen Ursprungs sind, aber ebenso gut Fantasienamen sein könnten. Die Gestaltung der Spieloberfläche ist altmodisch, aber modern gestaltet. In ihr finden sich neun mögliche Interaktionen, was mich immer wieder vor Herausforderungen gestellt hat. Besonders hier ist die Liebe zu Vorbildern wie Monkey Island spürbar, das an mehreren Stellen referenziert wird. Das Adventure und sein Protagonist nehmen sich selbst auf die Schippe und deuten immer wieder an, warum die Entwickler_innen gewisse Entscheidungen getroffen haben. Oder warum es nicht für Kinder geeignet ist. Wer gewillt ist, kann alles in die zugrundeliegende Quest hineininterpretieren, bis hin zur satirischen Sezierung eines gesellschaftlichen Trends. Bei allem Spott bleibt die Botschaft: Wir Spieler_innen mögen doch bitte verantwortungsvoll trinken. Dazu passt, dass der Protagonist nach zwei Bier dankend abwinkt und über das Stadium „beschwipst“ nicht hinauskommt.

An diesem Punkt fasse ich meine bisherige Erkenntnis kurz zusammen: Alle trinken nur noch Craftbeer mit verrückten Namen und verrückten Geschmacksspektren (Als Craftbeer werden sowohl Biere bezeichnet, die von Hand in kleinen Brauereien gebraut werden, als auch Biere, die nicht dem deutschen Reinheitsgebot entsprechen). Eine Story nur darauf zu bauen, ein bestimmtes Bier zu suchen, war den Entwickler_innen dann doch zu dünn. Es zeigt sich bald, dass in dem kleinen Touristenort etwas Seltsames vor sich geht. Die Leute verhalten sich bezüglich ihres Biergeschmacks nicht nur snobistisch, sondern beinahe fanatisch. Dieser Plot traut sich lange nicht aus der Deckung und kommt insgesamt etwas zu kurz. Letztlich findet sich aber alles zu einem befriedigenden, beinahe antiklimatischen Ende.

Sometimes too much to drink is barely enough

Leider macht das klassische Point-and-Click Adventure seine Erkundung zur Geduldsprobe. Es treibt die Mechanik des Einsammelns, Kombinierens und Handelns von willkürlich wirkenden Gegenständen auf die Spitze, sodass ich wahrscheinlich nur im betrunkenen Zustand eine Chance gehabt hätte, all das auf eigene Faust herauszufinden. Nachdem ich eine Stunde gebraucht hatte, um die Stellen zu finden, an denen ich weiterkommen könnte, habe ich einen Guide zurate gezogen. Wer die Story wirklich erleben möchte, hat fast keine andere Wahl. Mal tauchen neue Orte einfach ohne Erwähnung auf, mal ist die hilfreiche Person eine völlig beliebige. Die einzelnen Ereignisse wirken dadurch unzusammenhängend. Und zufälliges Probieren wird durch die multiplen Optionen und Items ausgehebelt. Das war mir eindeutig zu Retro. Zumal ich nicht das Gefühl hatte, durch sorgfältiges Absuchen etwas zu bewirken. Mir fehlten die kleinen Winks, die meine Spürnase aktivieren und mich auf die richtige Fährte setzen.

Es gibt zwar ein Hinweissystem, aber für dessen Nutzung hätte ich selbst einen Guide gebraucht. Stattdessen habe ich entschieden, meinen Stolz herunterzuschlucken wie mein schnurrbärtiger Held sein Bier. Wozu auch ärgern? Dude, Where Is My Beer? nimmt sich selbst am wenigsten ernst. Die witzigen Anspielungen und die zahlreichen Selbstreferenzen haben mich über die holprige Spielführung hinweggetröstet. Ich habe mich durch eine kleine Abbildung einer gesellschaftlichen Parodie führen lassen und über ihre gesellschaftskritischen Anspielungen geschmunzelt. Ich habe eine Hommage erlebt, die gleichzeitig Nostalgie weckt und die Moderne feiert. Wiederholt musste ich Kreationen wie Male/Female Pale Ale For Sale trinken, rein virtuell natürlich. Und durfte ganz nebenbei eine Menge über Bier lernen –wenn das keine Optionen bietet, das nächste Gespräch in der Bar zu eröffnen, dann weiß ich auch nicht.

7/10 🍺 🥴

Developer: Arik Zurabian, Edo Brenes
Publisher: Arik Zurabian
Genre: Point-and-Click-Adventure
Musik: David Børke
Auszeichnungen: Nordic Game Discovery Contest Finalist (März 2021, Norwegen)
Veröffentlichung: 5. November 2020 (Steam)

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