Review

Welcome to Elk Review | Bier, Melancholie und ganz viel Ulk

Das multibiografische Adventure Welcome to Elk zeigt das Leben, wie es ist: Traurig, komisch, absurd und manchmal viel zu kurz.

Den komischen Nachbarn zu verurteilen, dank dem es im Treppenhaus – fast unmerklich, aber konstant – nach Bier stinkt, ist einfach. Sich seine Geschichte anzuhören, warum er so ist, wie er ist, schwierig. Seine Geschichte zu erzählen, für ihn noch viel schwieriger. Deshalb neigen wir dazu, unsere Geschichten erst gar nicht zu teilen. Vor allem dann nicht, wenn sie unangenehm sind. Vor allem dann nicht, wenn sie unsere Verletzlichkeit preisgeben. Andersherum neigen wir aber auch dazu, uns für die Sorgen und Ängste „der anderen“ überhaupt nicht zu interessieren. Welcome to Elk erzählt diese Geschichten trotzdem. Oder gerade deswegen? Geschichten, die nie erzählt wurden. Welcome to Elk gibt Leuten eine Stimme, die nie gehört wurden – oder bis dahin einfach nicht gehört werden wollten. Und so deprimierend diese Erzählungen auch sein mögen, lernen wir, dass Traurigkeit und Freude sich nicht ausschließen müssen, sondern koexistieren dürfen.

Welcome to Elk: Hier sind alle komisch, aber nett

In Welcome to Elk spielen wir Frigg, eine junge Frau, die von der Stadt auf die beschauliche Insel Elk reist, um dort eine Ausbildung als Tischlerin zu beginnen. So weit, so normal. Dass ihre Aufgaben weit mehr umfassen werden als Holz zu schleifen und Möbel zu zimmern, ahnt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Frigg kann sich glücklich schätzen. Denn obwohl sie mit ihren pinken, kurzgeschorenen Haaren und ihrem ausgefallenem Klamottenstil erst einmal gar nicht in das rustikale, verschlafene Elk zu passen scheint, wird sie mit offenen Armen empfangen. Herzlichkeit wird in Elk groß geschrieben. Und BIER. Vor allem Bier. Hier ist jedes Ereignis ein trinkwürdiges Ereignis. Das lernt Frigg bereits an ihrem ersten Abend in Elk, der feuchtfröhlich in der (einzigen) Kneipe und Hauptversammlungspunkt „The Hermit“ endet. Ihren Heimweg dokumentiert sie ganz unfreiwillig mit diversen Kotzhäufchen. So ist das Leben. Und ich merke: Dieses Spiel ist mir sympathisch.

Zeit, uns auf der Insel einzuleben, haben wir nicht. Denn Schicksale warten schließlich nicht darauf, dass wir bereit für sie sind. Schnell wird klar, dass auf Elk keine „normalen“ Menschen wohnen. Jede_r Bewohner_in ist ein echter Charakter, im wortwörtlichen Sinne. Deshalb schließe ich sie auch so schnell ins Herz: Sei es Sue, die auf der ganzen Insel ihr Bier versteckt hält, oder Anders, der in einer Höhle wohnt und fest davon überzeugt ist, dass alle Inselbewohner_innen bereits gestorben sind und sich in einer Art Leben nach dem Tod befinden. Sie alle sind seltsam liebenswert und strahlen eine unbeschwerte Fröhlichkeit aus. Trotzdem merke ich, dass auch Traurigkeit und Bedrohung in Elk wohnen und die Insel wie eine Art Schleier umhüllen. Tatsächlich lässt die erste Leiche nicht lange auf sich warten. Die Eiseskälte im nordischen Elk und sturzbetrunkene Kneipenfreunde sind keine gute Kombination, wie sich herausstellt. Frigg muss lernen, Abschied zu nehmen. Und ich muss es auch.

Try not to cry. Cry a lot.

Jeden Tag passiert etwas Neues auf der Insel. Meistens ist es etwas Schreckliches – und dennoch: der kindliche Comic-Stil, die knallig bunten Farben und der Humor der schicksalsgeplagten Bewohner_innen tragen dazu bei, dass ich nicht tief deprimiert den Laptop ausschalte. Die Geschichten, die in Welcome to Elk erzählt werden, sind alle echt. Das wird sehr eindrücklich verstärkt, indem der Comic-Stil unterbrochen wird von Videos echter Menschen. Wo ich gerade noch als Frigg ulkig durch den Schnee getappst bin, sehe ich plötzlich eine reale Person, die mir ganz nüchtern von dem furchtbarsten Ereignis ihres Lebens erzählt. Dieser Wechsel von Fiktion und Realität hat etwas Befremdliches, etwas Beklemmendes. Aber genau das wirkt, macht die Geschichten nahbar, erlebbar und gibt ihnen trotz aller Drolligkeit die nötige Schwere, die sie verdienen. Einige der Erzählungen wirken so absurd, dass ich sie nicht glauben könnte, würde ich sie nicht von einer leibhaftigen Person in aller Ernsthaftigkeit vorgetragen bekommen.

Es gab viele Momente während des Spielens, in denen ich Schlucken musste. Eine Situation, in der ich eine Entscheidung treffen musste, die ich nicht treffen wollte. Aber manchmal interessiert sich das Leben nun einmal nicht dafür, was wir wollen oder nicht wollen. Manchmal ist alles einfach nur scheiße traurig. Allzu lange will diese Melancholie aber nie anhalten, denn hinter jeder traurigen Geschichte wartet in Welcome to Elk auch eine absurde Story – oder: ein ulkiges Minispiel. Ich LIEBE Minispiele. WarioWare auf dem Nintendo DS? Der absolute Star meiner Kindheit. Nasenhaare rausziehen, Klorollen abwickeln, gib mir dumme Aufgaben und ich erfülle sie. Welcome to Elk hat genügend davon parat: Ob Schaumkronen auf dem Bier perfektionieren, eine Bar designen oder Bierflaschen angeln (ja, Bier spielt eine sehr große Rolle). Die Minispiele reißen mich immer wieder aus meinem Stimmungstief und sorgen dafür, dass mir zwischen dem ganzen Hin- und Herlaufen und Text lesen nie langweilig wird.

Kommt mit auf die Reise, erlebt es selbst: Welcome to Elk!

Während ich diese Review schreibe, merke ich, wie schwierig etwas zu beschreiben ist, das jeder selbst erleben sollte. Welcome to Elk ist ein Erlebnis. Weil das Spiel optisch so kindlich und unbeschwert daherkommt, habe ich nicht damit gerechnet, dass es so ans Herz gehen kann. Die Spielwelt, die eigentlich schwarz-weiß und nur in Ausnahmen kunterbunt eingefärbt ist, balanciert irgendwo zwischen minimalistisch und verspielt. Die kurzen Einspieler, die nicht nur die echten Gesichter hinter den Geschichten, sondern hin und wieder auch die Entwickler_innen bei ihrer Arbeit zeigen, machen das ganze Erlebnis für mich noch greifbarer. Ich fühle mich irgendwie mittendrin, als hätte ich dadurch, dass ich Welcome to Elk gespielt habe, etwas zu dem Spiel beigetragen. Als wäre ich jetzt ein Teil dieser kleinen, intimen Gruppe der Mitwissenden. Das mag Quatsch sein, aber es fühlt sich nicht quatschig an. Es fühlt sich ein bisschen an, als hätte ich geholfen. Einfach nur, indem ich hingehört habe.

9/10 🐰

Developer/Publisher: Triple Topping
Genre: Adventure, Biografie
Team: Karina Posborg (2D Artist), Mikkel Anttila (Audio, Game Designer), Murray Somerville (Co-Founder, Art-Director, Co-Writer), Ida Lønborg (Level Design, Marketing), Konrad Mampe (Programmer), Anne Louise Laugesen (2D Artist, Animator), Simon Stålhandske (Co-founder, Game Designer, Programmer), Astrid Refstrup (CEO, Co-Founder, Game-Director, Co-Writer)
Musik: Andreas Busk (Audio Designer, Composer), Troels Nygaard
Auszeichnungen: Best Story (Indie Arena Booth, Gamescom 2019), Most Creative Game (PLAY!, Hamburg 2019)
Veröffentlichung: 17. September 2020 (Steam, Xbox One)

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