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Gamedec Review | Im Einsatz gegen Cyberkriminalität

In Gamedec werden Kriminalfälle in Videospielen aufgeklärt. Eigene Schlussfolgerungen entscheiden über den Ausgang.

Cyberkriminalität ist ein großes Thema. Je mehr Zeit wir im Internet verbringen, desto wichtiger wird es die Sicherheit im Auge zu behalten. Nutze ich gute Passwörter, vielleicht sogar eine Zwei-Faktor-Authentifizierung? Habe ich einen VPN-Server und welche Seiten besuche ich so? Oder habe ich einfach überall das Passwort „lol123” und schere mich einen feuchten Kehricht um all diese Themen? Dann könnte es zu diversen Problemen kommen, mit denen die Sicherheitsbehörden heute teilweise noch immer überfordert sind. Internet ist ja schließlich Neuland für alle. In so einem Fall hilft es auf einen Gamedec zurückzugreifen. Dieser Berufszweig kümmert sich nämlich um Verbrechen in virtuellen Welten. Wird ein Spiel angegriffen, werden Daten geklaut, Cheats eingesetzt, Menschen bedroht? Ein Gamedec (Kurzform für Gamedetective) ist schnell zur Stelle. Zumindest im gleichnamigen Spiel. In der echten Welt ist dieser Job bei weitem nicht so etabliert. Vielleicht wäre das ja etwas für euch?

Jeder Gamedec tickt anders

Im von den Anshar Studios entwickelten Gamedec habt ihr zumindest die Möglichkeit dazu. Hier werdet ihr immer wieder kontaktiert, um Menschen zu retten, die sich aufgrund von Bugs oder Exploits nicht mehr ausloggen können, Morde über das Web organisiert und durchgeführt oder Free2Play-Games dazu genutzt werden, um Menschen unbezahlt Reichtum anhäufen zu lassen. In dieser futuristischen Version Warschaus verbringen die Menschen eine große Zeit ihres Alltags in virtuellen Welten. Über Liegen erhalten sie Zugang zu Spielen, in denen sie sich völlig frei bewegen können, sich in ihren Avataren kleiden und dadurch Träume verwirklichen, Fantasien ausleben oder einfach Meetings halten. Die Möglichkeiten, hier kriminell aktiv zu werden, sind demnach auch deutlich vielfältiger, als es heutzutage in unserer Welt der Fall ist. So toll die Vorstellung auch sein mag komplett in seine liebste Videospielwelt einzutauchen, werden Probleme wie Videospielsucht und die Trennung von virtueller und realer Welt deutlich größer.

Doch trotz der vielen Möglichkeiten, die die Videospiele mit sich bringen, liegt die Aufgabe des Gamedec vor allem darin, über Dialoge mit anderen Spielenden und durch Beobachtung der Welt die notwendigen Informationen zu finden. Je nachdem, wie du dich spezialisierst, stehen auch andere Erkenntnisse zur Verfügung. Deine Aktionen bestimmen welchen von vier Aspekten du auflevelst. Wird in Dialogen eine herzliche oder kalkulierende Antwort gegeben? Wird ein direkter Weg gesucht oder eher logisch kombiniert? Diese dadurch gewonnenen Aspekte können eingesetzt werden, um Berufe freizuschalten. Dadurch spezialisiert der Gamedec sich in den Bereichen Influencing, Hacking, (digitale) Medizin oder kriminelles Geschick. Allein das sorgt dafür, dass die Vorgehensweise in den Fällen völlig anders wird, je nachdem, wo die Fertigkeiten der ermittelnden Person liegen. Spielverläufe verschiedener Menschen unterscheiden sich deutlich und ein erneuter Versuch, Gamedec ein zweites Mal gänzlich anders zu erleben, lohnt sich bestimmt.

Ermitteln heißt lesen, lesen und mehr lesen

Anshar Studios haben auf eine Sprachausgabe verzichtet und alle Informationen in Textboxen dargestellt. Wer nicht gerne liest wird also Probleme bekommen. Jedoch stand dem Team die ganze Zeit der Autor Marcin Przybylek zur Seite. Er hat die Welt der Gamedec erfunden, zahlreiche Bücher darüber geschrieben und die Entwicklung unterstützt. So wurde sichergestellt, dass Gamedec eine Geschichte erzählt, die bestens in das Universum der Bücher einzuordnen ist. Dialoge und Beschreibungen der Umwelt profitieren allesamt vom großartigen Writing. Die Vielzahl an Charakteren passt wunderbar in die digitalen Welten und greift altbekannte Elemente der Gamingkultur auf, ohne aufgesetzt zu wirken. Da verstecken sich hinter starken Avataren kleine Kinder, die das Spiel eigentlich gar nicht spielen dürften oder Cheater, die sich unendliche Ressourcen zusammensammeln. Andere sprechen nur in Leetspeak, also der Kombination aus Zahlen und Buchstaben. Das verstärkt das Gefühl sich in einem Spiel im Spiel aufzuhalten.

Dieser literarische Fokus führt zu den vielerorts genutzten Vergleichen mit Disco Elysium. Auch dort spielt ihr einen Ermittler, der vor allem über Dialoge einen Mordfall erforscht und dessen Vorgehen stark davon abhängt, welche Charakterzüge er verstärkt, was den Verlauf der Geschichte deutlich verändert. Doch auch wenn dieser Vergleich hilft Gamedec schnell zu erklären, finde ich ihn eher unpassend. Gamedec ist in seiner Struktur deutlich linearer als Disco Elysium. Dort steht mit der Stadt Revachol eine offene Welt zur Verfügung, in der die Ermittlungen nur dem Tagesrhythmus der Personen vor Ort untergeordnet ist. Gamedec erzählt sich linear von Spiel zu Spiel, in dem ermittelt wird. Es ist vielmehr ein virtuelles Choose-Your-Own-Adventure-Buch, das über unterschiedliche Pfade zu ähnlichen Ergebnissen führt, selbst wenn die Wege sich enorm voneinander unterschieden. Die erzählerische Qualität leidet darunter jedoch keinesfalls. Gamedec trumpft mit einer interessanten Welt auf, die logisch und in sich stimmig aufgebaut ist.

Verbündete und Feinde

Besonders gefallen hat mir dabei, dass sich eure Entscheidungen auch auf die Beziehungen zu den anderen Spielfiguren auswirken. Bereits zu Beginn, wenn es euch in ein Spiel verschlägt, das absolut nichts für Minderjährige ist, stoßt ihr auf einen eifersüchtigen Mann, der seine Frau sucht und Angst hat, dass sie ihn betrügt. Neben eurem eigentlichen Fall könnt ihr ihm helfen seine Frau zu finden oder nicht. Hat er das Gefühl, ihr kümmert euch nicht gut genug, verschwindet er. Ist er am Ende mit eurer Arbeit zufrieden, kann er euch in anderen Fällen helfen. Seine Frau andererseits hat ebenfalls Interessen, auf die ihr hören könnt, was die Beziehung zu ihr wiederum beeinflusst. Die Figuren in Gamedec spinnen ein ebenso komplexes Netz wie die Informationen, die ihr zu den Fällen sammelt und dann einen von mehreren möglichen Schlüssen daraus zieht.

Welche Entscheidung sich wie auf den weiteren Spielverlauf auswirken wird, ist nie abzusehen und trotzdem jedes Mal absolut logisch. Das führte oft dazu, dass ich am Ende eine Konsequenz vom Beginn des Spiels erlebte, bei der ich mit offenem Mund vor dem Bildschirm saß und mir nur dachte „Ups, das habe ich so nicht erwartet!” – doch genau das macht den Reiz an Gamedec aus. Dieses verzwickte Writing der Geschichte, das mich fesselt und immer wieder überrascht. Gamedec ist ein großartig geschriebener Kommentar auf die Entwicklung digitaler Medien, der spannend erzählt, welche Gefahren dort lauern, aber auch, welche guten Seiten wir daraus ziehen können. Trotz der düsteren Stimmung stoße ich immer wieder auf Elemente, die ich ausgesprochen cool finde und gerne selbst so erleben würde. Die Bücher zum Spiel sind auf jeden Fall schon bestellt. Aber vorher sollte ich mein Passwort noch ändern. „lol123” ist eventuell doch zu leicht knackbar.

9/10

Developer/Publisher: Anshar Studios
Genre: Narrative CRPG
Team: Marcin Rybiński (Game Director), Piotr Poskart (Lead Narrative Design), Marcin Przybylek (Lead Writing), Maciej Dabrowski (Level Design), Krzysztov Rosiński, Damian Sobczak (Lead Programming), Krzysztov Fornalczyk (Art Director), Karolina Jachna (Lead Sound Design)
Musik: Maciej Dobrowolski, Piotr Musial, Marcin Przybylowicz, Magdalena Urbanska
Auszeichnungen: Best of the Show gamescom (Gamespack Awards 2019), Best Indie Game (Digital Dragons 2020), 1st Place Indie Awards (devcom 2020), Best Story (Welcome To Last Week gamescom Awards 2020)
Veröffentlichung: 16. September 2021 (Steam, Epic Games Store, GOG, Switch)


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