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Kraken Academy!! Review | Auf den Putz gehauen

Eine Schule in Gefahr, ein riesiger Kraken, Schutzgeister und absurde Vorkommnisse. Kurz: Willkommen an der Kraken Academy!!.

Es gibt diese und jene Spiele. Die einen verarbeiten subtil den Zeitgeist oder pfeifen gleich ganz auf Vorbilder oder Inspirationen. In ihnen freue ich mich über kleine Easter Eggs, die meist tief vergraben unter den subtil gewobenen Strängen der Story liegen. Sie sind unabhängig zu genießen wie kleine Pralinés. Und dann gibt es Kraken Academy!!. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, diesen Wirrwarr an Einflüssen zu beschreiben. Dieses Spiel ist eine Patchwork-Decke, deren Flicken mit heißer Nadel aneinandergenäht wurden. Jeder Flicken hat ein anderes Etikett, auf dem eine augenzwinkernde Referenz vermerkt ist. Und damit nicht genug. Auch jedes High-School-Klischee wurde sorgfältig aufgebauscht und als Füllung in die Decke gestopft. Heraus kommt ein Adventure-RPG der ganz besonderen Art. Und mit besonders meine ich speziell, auf eine ganz spezielle Art und Weise.

Okay, genug schräge Vergleiche. Grundsätzlich handelt es sich bei Kraken Academy!! um ein pixeliges Abenteuer eines normalen Teenagers, der neu an eine High School kommt. Dass es sich bei seiner neuen Bleibe um keine gewöhnliche Schule handelt, drängt sich auf. Wo sonst treffe ich in den ersten fünf Minuten auf ein Mädchen, das ein laufender Brokkoli ist, einen Riesenkraken und eine verrückte Lehrerin? Anton, so habe ich meinen Charakter genannt (das ist so eine Konvention, die ich aus den Pokémon-Spielen übernommen habe, fragt nicht warum), tritt der Musik-AG bei. An der High School gibt es vier Häuser, und wer hier aufhorcht: Ja, die Parallelen zu Harry Potter drängen sich auf. Vor dem Eingang zu jedem Haus weht eine große Fahne, auf der der jeweilige Schutzgeist zu sehen ist: Ein Hirsch wacht über die Musiker_innen, ein Frosch über die Künstler_innen, ein Pferd über die Sportler_innen und ein Rabe über die Theaterschauspieler_innen.

Nobody saves the world. Call me Nobody.

Von einem Zaubergenie ist mein Anton allerdings weit entfernt, stattdessen scheint er jedes Fettnäpfchen suchen zu gehen. Nachdem er von seiner überaus arroganten Schwester besagtes Fett wegbekommen hat, bezieht er ein Zimmer im Wohngebäude der Musik-AG. In der ersten Unterrichtsstunde bei einer gelangweilten blauhaarigen Frau mit blauem Lippenstift lernt er dann auch seine Klassenkamerad_innen kennen – den Schönling, den leicht wahnhafte Verschwörungstheoretiker, die Kratzbürstige mit dem Kapuzenpulli und das weinerliche Brokkoli-Girl. Da auf Unterricht an dieser speziellen Schule nicht allzu viel Wert gelegt zu werden scheint, steht mir kurz darauf frei, das Gelände zu erkunden. Und schwupps, jede_r will was von mir. Nicht zuletzt der lila Kraken, der in einem kleinen Teich chillt und mal eben von mir verlangt, die Schule zu retten. Ungefähr in dem Ton, versteht sich. Anton stolpert sich durch die Dialoge und rafft – nichts. Wie denn auch.

Die Rettung vor der ominösen Gefahr wird meine Hauptaufgabe, der ich mich notgedrungen verschreibe. Schließlich hat mir der Kraken ein Amulett in die Hand gedrückt, mit dem ich die Zeit zurückdrehen kann. Zu einer Erklärung sieht sich das mächtige, aber sehr ignorante Wesen nicht genötigt, stattdessen bekomme ich eine klare Aufgabe zugewiesen. Schutzgeister – befreien? Apokalypse – verhindern? Warum ausgerechnet ich? Die Frage stellt sich durchaus, schließlich bin ich ein dahergelaufener Niemand, der keine_n kennt. Keine gute Voraussetzung, um eine_n böse_n Verräter_in zu finden, der_die die Schule ins Verderben stürzt. Eigentlich ist es reiner Zufall, dass ich nach dem ausgiebigen Erkunden des Schulgeländes auf meinen „Termin“ zur Weltrettung Teil I treffe und auch noch die richtige Ausrüstung dafür parat habe. Es kostet einiges an Übersicht, die ganzen Haupt- und Nebenaufgaben im Auge zu behalten, um keine handlungsrelevanten Treffen zu verpassen.

Täglich grüßt der Riesenkraken

Glücklicherweise gibt es dafür ein übersichtliches Menü, das Items und Quests in haupt- und nebensächlich einteilt. Und jetzt kommt der Clou: Die Zeitreise. In Kraken Academy!! brauche ich Time Loops, um dem Untergang immer wieder ein Stückchen mehr zu entgehen. Dafür habe ich drei Tage, und am Ende muss ich einen der vier tierischen Wächter befreien, um das Desaster zu verhindern. Anschließend gehe ich zurück und fange die Tage von vorne an, wobei ich einem anderen Haus beitrete. Dabei behalte ich meine Erinnerungen und meine Gegenstände, aber alle anderen vergessen, dass sie mich kennen. Und da viele der Aufgaben Zugang zu Gebäuden verlangen, die erst später freigeschaltet werden oder sich Termine überlagern, muss ich mir genau überlegen, wie ich die drei Tage nutzen soll. Noch einmal im Klartext: Quests und Items bleiben bestehen, bis ich sie in einem Durchlauf vollständig erfüllt habe.

Jetzt soll ich neben der Weltrettung auch noch den barmherzigen Samariter spielen und jedem die Stiefel lecken? Na gut, ich habe ja eh nichts Besseres zu tun, mault Anton vor sich hin. Meine Rede. Drei Tage bis zum Grande Finale Version x+1 können sich ziehen. Ein Balken zeigt mir an, wie viel Zeit am Tag schon verstrichen ist, und die Nächte darf ich ebenfalls nutzen. Ich bin jetzt jedenfalls Pfand-Krösus, ich konnte nämlich an keinem Mülleimer vorbeigehen. Dabei ist das Geld, das ich mit dem Aufsammeln von Flaschen verdiene, völlig sinnlos. Dass ich trotzdem jeden Müllcontainer mit meinem Baseballschläger zu Kleinholz schlage, ist wohl dem befriedigenden Sound des gequälten Blechs und dem Einsammeln des Plastikgolds zu verdanken. Oder ich versuche, mich vor den Quests zu drücken. Die beinhalten jede Menge Rennerei über das sehr ausgedehnte Gelände der High School, das umso größer wird, je weiter ich in meiner Mission voranschreite.

Die Kraken Academy!! ist nicht zum Lernen da

Apropos Mission: Am Ende der drei Tage wartet immer eine gesonderte Mission auf mich, bei der die Zeit stillsteht. Es gilt, einen der vier Wächter zu befreien und mit den jeweiligen Clubmitgliedern zusammenzuarbeiten. Ich muss dabei Point-and-Click-typisch Aufgaben erfüllen, die komplett unterschiedlich gestaltet sind. Mal rocke ich eine Kostümparty und spiele gleichzeitig Amor, Billard und Ich-hab-noch-nie, mal infiltriere ich eine unterirdische Bunkeranlage. Und ich gestehe, dass hier meine absoluten Lieblingsmomente stattgefunden haben. Das lag wahrscheinlich daran, dass ich mich wie in einer Box befand, wo die Zeit stillsteht und es bildlich nur eine Tür gibt, die es zu finden galt. Ich liebe solche Rätsel, die ich mir Schritt für Schritt erarbeiten kann. Der (wenig alltägliche) Schulalltag dagegen bestand aus der ewigen Suche nach einem Item, einer Person oder einem Ort. Mit den Charakteren bin ich nicht wirklich warm geworden, dafür waren sie mir zu klischeebehaftet.

Kraken Academy!! ist das Bild einer Schule wie durch einen Zerrspiegel betrachtet. Kennt ihr diese Spiegel, die den eigenen Körper ins Groteske verbiegen und stauchen? Ich habe aufgehört, die Charaktere und Vorkommnisse in der Story zu hinterfragen, so absurd erscheinen sie mir. Vielleicht zu absurd. Vielleicht ist die seltsam verdrehte Perspektive der Grund, warum ich weder zu den eigentlich charmanten Figuren, noch zu dem heruntergekommenen Flair der Schule eine Verbindung aufbaue. Ich bin mir sicher, diese kleine Prise „drüber“ ist genau so gewollt, das deutet die Beschreibung als „bunter Fiebertraum“ mehr als deutlich an. Sie hat mich nur gegenüber jeglicher Emotionalität abgestumpft und mir etwas die Freude über die Anspielungen verdorben. Über die Charakterentwicklungen, die in den letzten Teil gepresst wurden, will und kann ich gar nicht weiter reden, aber an der Stelle kam ich aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus.

Ist das Rührei versalzen?

Kraken Aacdemy!! ist laut Entwickler_innenteam von den 90er Jahre Animes und Zelda: Majoras Mask inspiriert. Ich habe weder das eine noch das andere konsumiert, darum muss ich das einfach hinnehmen. Ich hatte definitiv Spaß und konnte die Pixelart in Kombination mit den animetypisch gezeichneten Charakteren genießen. Ich habe den gelungenen Soundtrack, die Ausflüge in Shrek und Ace Attorney sowie die Harry-Potter-meets-abgewrackte-High-School-Vibes genossen. Aber der finale Funke ist nicht übergesprungen, der mich Broccoligirl, Wendy, Vladimir und die anderen final ins Herz hätte schließen lassen. Ist das nun die nächste Zeitschleife, die an dieser Herausforderung scheitert? Nein. Die Zeitreisethematik ist clever umgesetzt. Ich wünschte nur, Happy Broccoli Games hätten auch das Ende ähnlich clever aufgelöst.

7/10

Developer: Happy Broccoli Games
Publisher: Fellow Traveller
Genre: Adventure-RPG
Team: Annika Maar (Art, Design, Writing), Joni Levinkind (Programming, Design), Irene Preuss (Marketing)
Veröffentlichung: 10. September 2021 (Steam, Epic Games Store, GOG)


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