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Lost at Sea Review | Angst vor dem Absturz

In Lost at Sea werdet ihr auf einer verlassenen Insel mit alten Erinnerungen und tiefsitzenden Ängsten konfrontiert.

Ich leide an einer Art Augenphobie, da meine Mutter eine Hornhauttransplantation bekam als ich noch sehr klein war. Genau genommen in einem Alter, in dem ich gerne noch unbefangen in die Gesichter anderer Menschen gepatscht habe, bekam ich häufiger eine sehr heftige Reaktion zu hören, wenn dabei einer meiner Finger in Mutters empfindlichen Augen landete. Augen wurden für mich etwas Unantastbares, etwas, das vielleicht unwiderruflich kaputt geht, wenn ich es anfasse. Daher kann ich nicht hinschauen, wenn sich jemand eine Kontaktlinse einsetzt, ich kann keine Augentropfen benutzen, ich kann meiner Katze keine Salbe ins Auge schmieren, wenn es entzündet ist. Selbst mein horrorgeschulter Filmgeschmack schützt mich nicht, wenn plötzlich ein Auge in Gefahr gerät. Da meine eigene Sehkraft bisher noch bestens funktioniert, hat mich diese Angst nie wirklich eingeschränkt. Ja, sie ist lästig, aber ich komme damit durchs Leben. Meinen Augen geht es zum Glück gut.

Stell dich deiner Angst

Doch irgendwann könnte ja der Zeitpunkt kommen, an dem das nicht mehr so ist. Irgendwann ist vielleicht keine Partnerin im Haus, die das entzündete Auge der Katze versorgen kann, sodass ich das übernehmen muss. Das veranlasste mich dazu, das Thema mit meiner Therapeutin zu besprechen und der einzige Rat, den sie mir geben konnte, war, mich damit zu konfrontieren. Manche Menschen können das schnell und gehen direkt in die Vollen, andere brauchen mehr Zeit mit der eigenen Phobie. Also begann ich, mir Videos von Kontaktlinsen und Augentropfen anzuschauen. Dann waren Operationen dran. Zuletzt konnte ich sogar hinschauen, als eine Frau in einem Horrorfilm einen Glassplitter aus ihrem Auge zog. Mein eigenes oder ein fremdes Auge mit einer Kochsalzlösung zu beträufeln habe ich noch nicht geschafft, aber ich mache Fortschritte. Das Überwinden einer Phobie kostet nun mal Zeit und vor allem Energie.

Das muss auch die Hauptfigur in Lost at Sea erfahren, die auf einer verlassenen Insel strandet und überall auf Elemente trifft, die ihr erschreckend bekannt vorkommen. Sie wirken wie Bruchstücke aus alten Erinnerungen, vertraut aber doch irgendwie entfremdet. In manchen fehlen Bestandteile sogar, wirken wie verschwommene Erinnerungen, denen weiter auf den Grund gegangen werden will. Zum Glück hat sie einen magischen Kompass, der ihr den Weg weist, um diesen unfertigen Bildern nachzugehen. Nach und nach stößt sie auf kleine Aufgaben, durch deren Lösung sie das nötige Puzzlestück erhält, um die verzerrte Erinnerung zu komplettieren. Doch damit das gelingt und sie sich ihrer Vergangenheit stellen kann, hinterfragt sie in inneren Monologen ihre Entscheidungen, die zu diesem Punkt geführt haben. Hat sie ihren Sohn gut behandelt? War sie eine gute Partnerin für ihren Mann? Sind die Zweifel berechtigt oder liegt in allem doch ein von Grund auf guter Kern?

Too many memories are Lost at Sea

Die Erinnerungen zeigen, dass ihr Leben neben schönen Momenten auch von tiefer Trauer durchzogen war und sie sich die Schuld an vielen Geschehnissen gibt. Diese Schuld sowie die Angst vor der Auseinandersetzung damit manifestieren sich immer wieder in einem schwarzen Nebel, der auf der Insel die Verfolgung aufnimmt. Stelle dich deiner Angst, sage ich mir, lass dich nicht unterkriegen. Doch in diesem Moment ist das die falsche Herangehensweise. Kommt meine Spielfigur in Kontakt mit diesem Ungetüm, fällt sie in Ohnmacht. Schaue ich den Nebel lang genug an, verschwindet die Angst zwar, doch das geht häufiger in die Hose als es funktioniert. Viel besser läuft, nicht in Konfrontation, sondern zur Flucht überzugehen und davonzurennen. Diesen Bruch mit dem eigentlichen thematischen Schwerpunkt in Lost at Sea finde ich schwer verdaulich. Dass das Wegrennen die deutlich einfachere Lösung ist, die genauso zum Ziel führt wie die direkte Auseinandersetzung, passt nicht so ganz.

Verschwende ich keinen Blick darauf, ignoriere ich diese Gedanken komplett, passiert einfach nichts. Auf mich wirkt es so, als müsste ich diese Gedanken nur lang genug ignorieren, bis sie irgendwann verschwinden. Das tun sie aber nicht ganz. Sie kommen immer wieder, bis ich mich mit meiner kompletten Vergangenheit auseinandergesetzt habe. Gerade im Bezug auf meine eigenen Ängste und psychischen Belastungen weiß ich natürlich, dass es gut ist, sich auf bestimmte Ziele zu fokussieren und die aufkeimenden Zweifel nicht Überhand nehmen zu lassen, doch das klappt selten durch reines Ignorieren und weglaufen. Manchmal gibt es keine andere Option, weil die Kraft für andere Strategien fehlt. Doch mehr valide, gleichwertige Handlungsoptionen würden dieses Bild für mich nicht so verzerren, wie es Lost at Sea letztendlich tut. Die Auseinandersetzung mit den Ängsten und auch den Erinnerungen, die ich so finde, wirkt dadurch sehr oberflächlich, was bei einem so vielschichtigen Thema besonders schade ist.

Nur einen Absturz entfernt

Schaffe ich es, eine Erinnerung an ihren passenden Platz zu bringen, erfahre ich mehr über das Leben meines Spielcharakters. Doch die Darstellung in Form eines sich nur minimal bewegenden Bildes, das die Symbolik der Erinnerung verdeutlicht und zwei, drei gesprochenen Sätzen zeigen mir nur einen groben Abriss dessen, was in ihrem Leben vorgefallen ist. Die vorhergegangenen Aufgaben zum Erhalt der Erinnerung sind ebenfalls stellvertretend für das Jonglieren unterschiedlicher Verantwortungen, emotionale Balanceakte, Zeitdruck und andere Elemente, die helfen sich ein Bild zu machen. Doch wirklich in die Tiefe der Psyche taucht Lost at Sea nie so wirklich. Auf mich wirkt es, als würde es auf der Meeresoberfläche treiben, mit der sich alle irgendwie identifizieren oder zumindest hineinversetzen können. Doch die wirklich spannenden Themen liegen mehrere Seemeilen darunter. Ich kann allerdings nicht ausschließen, dass einige technische Probleme es zusätzlich erschwerten, unter die Oberfläche zu tauchen.

Neben kleineren Problemen wie dem Steckenbleiben an Felsvorsprüngen oder dem plötzlichen Ableben, weil ich in einer Bucht kurzerhand zu tief unter Wasser landete – was nicht abzusehen war und besonders blöd ist für eine Person, die augenscheinlich nicht schwimmen kann – ist Lost at Sea mehrmals abgestürzt. Alle paar Erinnerungsfetzen wurde ich in das Menü meiner Xbox geworfen und musste das Spiel neu starten. Manchmal passierte nicht mal das und es ist komplett eingefroren. Zum Veröffentlichungszeitpunkt ist Lost at Sea auf der Xbox Series S nicht wirklich spielbar. Es zerstört das Spielgefühl, wenn die einzige Angst, mit der ich mich auseinandersetze, die vor einem erneuten Spielabsturz ist. Ich hoffe, dass ein Patch diese Probleme zeitnah behebt. Denn auch, wenn ich inhaltlich meine Kritikpunkte hatte, sehe ich Ansätze zur Diskussion über mögliche Interpretationen. Doch bis es soweit ist, kümmere ich mich lieber um meine eigenen Ängste, als Zeit auf dieser Insel zu verbringen.

4/10

Developer: Studio Fizbin
Publisher: Headup Games
Genre: Adventure, Narrative
Team: Peter Holzapfel (Game Director), Martin Kögel (Lead Artist), Frauke Furch, Tim Gaedke (Game Artists), Simon Hipp Prades (Illustrator), Florian Hüsing (Game Design), Alexander Pieper (Technical Director), Peter Bergner, Justus Henne, Rolf Rothgerber (Programmer)
Musik: Alexander Binderer, Lukas Meinardus
Veröffentlichung: 15. Juli 2021 (Steam, PS5, Xbox Series X|S)


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