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Mayhem in Single Valley Review | Atomsuppe? Nein danke!

Als kleiner Junge stellt ihr euch in Mayhem in Single Valley einer hochinfektiösen Umweltkatastrophe entgegen!

Mögt ihr Filme aus den 80ern und 90ern? Vor allem die, in denen Kinder sich Aufgaben gegenübersehen, die ihre Fähigkeiten bei weitem übersteigen? Mit einer dicken Portion Glück, kindlichem Einfallsreichtum und einer Hand voll Freunde schaffen sie es trotzdem irgendwie, der Situation Herr zu werden und die Welt, ihr Dörfchen oder einfach sich selbst zu retten. Spätestens seit Stranger Things war klar, dass diese Formel auch heute noch Erfolg versprechen kann. Den Charme der 80er Jahre gibt es meist direkt dazu. Nostalgisch verklärt wirkt dort alles einfacher, schöner, aufregender. Abenteuer erlebten Kinder auf der Straße, wo sich die besten Geschichten erzählen lassen. Die Stadt lässt sich nur schwer retten, indem über Discord Taktiken im nächstbesten MMO abgesprochen werden. Passend und ironisch zugleich ist es daher, dass auch Videospiele dieses Setting gerne aufgreifen. Wieso nicht auch hier diese liebgewonnenen Erlebnisse spielbar machen? Und damit herzlich willkommen in Mayhem in Single Valley!

Rucksack gepackt, Walkman aufgesetzt!

Lasst mich euch Jack vorstellen: Ein Junge im roten Hoodie, der kurz vor einer langen Reise steht. Bevor sein Flieger geht, schmeißt er noch schnell die Hundehaufen im Garten in den Müll, verabschiedet sich bei der gestressten Mutter, dem betrunkenen Vater und seinem kleinen Babybruder. Alles ist vorbereitet, die Reise kann beginnen. Einen letzten Blick über sein Heimatstädtchen möchte Jack allerdings noch werfen, bevor sein nächster Lebensabschnitt beginnt. So war zumindest der Plan. Doch am Flussufer taucht eine schemenhafte Gestalt auf, die eine grün leuchtende Flüssigkeit in das Wasser leitet. Erste Eichhörnchen, die entspannt ein paar Schlucke nehmen, verwandeln sich in wilde Monster. Alles, was mit dem Wasser oder mit bereits verwandelten Lebewesen in Kontakt kommt, wird ebenfalls zu einer zombieartigen Version seiner selbst, stetig auf der Suche nach Frischfleisch oder dem vorherigen Lieblingssnack. Zu allem Überfluss stibitzt eines dieser verwandelten Eichhörnchen auch noch Jacks Rucksack!

Na großartig! Was soll ein kleiner Junge jetzt gegen diese drohende Apokalypse unternehmen? Viele Möglichkeiten hat Jack nicht. Außer weglaufen, eine Ausweichrolle für brenzlige Situationen und das Werfen von Gegenständen kann er erstmal nichts machen. Das Werfen hilft ihm auch nur, wenn es sich um die Nahrung der verwandelten Wesen handelt, die lieber einer Eichel oder einer Karotte nachjagen als dem kleinen Pechvogel. Die Chancen in Mayhem in Single Valley stehen alles andere als gut. Wieso überall kleine Klone meines Helden aus misslichen Lagen befreit werden müssen, wirft weitere Fragen auf. Immerhin geben sie dem jungen Helden für ihre Rettung eine Rolle Gaffa-Tape. Genug davon können Jacks Ausrüstung verbessern. Gaffa hält eben alles! Aber wie kommt es eigentlich, dass der selbstgebrannte Schnaps vom Aluhut Bob, der im Wald hinter Jacks Haus wohnt, die Monster zurückverwandelt? Es scheint einiges mehr zu entdecken zu geben als einzig Jacks Rucksack mit Flugticket darin…

Mayhem in Single Valley als digitale Zeitreise

Als ich meinen kleinen Helden das erste Mal vor mir sah, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, knallige Farben auf dem Bildschirm und laute Chiptuneklänge aus den Boxen, habe ich mich gefühlt, als wäre mein C64 gerade gestartet. Jacks Design und der Klang der Musik wirkten so, als hätte mein Cousin dieses Spiel auf seinem alten Röhrenmonitor hochgefahren, während ich mit der einen Cola, die ich ausnahmsweise trinken durfte, auf dem Boden daneben saß und mit großen Augen dem Spielgeschehen folgte, heimlich hoffend, dass ich auch mal das Gamepad in die Hand nehmen dürfte. Rein optisch verpuffte dieser Eindruck fast augenblicklich nach dem Intro. Die Figuren in Pixeloptik bewegen sich nämlich in einer blockigen 3D-Umgebung, deren Bestandteile aus großen Voxeln, also dreidimensionalen Pixeln, zusammengesetzt sind. Das sorgt für einen einzigartigen Look, vor allem, wenn die Umgebung physikalisch korrekt auseinandergenommen oder verschoben wird, manchmal sogar explodiert.

Auch wenn der Eindruck eines alten Spiels damit schnell verschwindet, gibt sich Mayhem in Single Valley alle Mühe, weiter die 80er-Welle zu reiten. Überall findet Jack Tapes, die er in seinen Walkman stecken kann, um mehr Tracks freizuschalten. Diese laufen so lange im Hintergrund, bis wir sie manuell wechseln oder ein neues Tape finden. Neben bereits erwähnten Klonen sind überall auch Sammelgegenstände versteckt, die nur so vor Zeitgeist triefen. Pompöse Sonnenbrillen, alte Gamecartridges, Comics und Autogrammkarten können eingesammelt werden, um auch die letzten Achievements freizuschalten. Und natürlich führt Jacks Reise euch dabei in allerlei wilde Settings, die so ein Abenteuer benötigt. Vom Wald geht es in einen Zoo voller wilder Tiere in eine von Zombies überlaufene Stadt und durch eine augenscheinlich bespukte Schule. Jacks begrenzte Möglichkeiten im Kampf werden durch eine Vielzahl von Rätseln mit der Umgebung aufgefangen. Offene Augen lohnen sich in Mayhem in Single Valley demnach fast immer!

Früher war nicht alles besser!

Doch wie es oft so ist im Leben, wie auch kein 80er-Jahre Film ohne einen düsteren Twist auskommt, ist hier nicht alles so bunt, nostalgisch und schön, wie es scheinen mag. Auch wenn Jack immer wieder neue Gimmicks bekommt, um beispielsweise mit einem Regenschirm über Abgründe zu schweben oder dank Steinschleuder weiter werfen kann, braucht es seine Zeit, bis ich alles verstehe. Die Tutorials für neue Fähigkeiten sind schwer in kleinen Sprechblasen auf dem Bildschirm zu sehen, manches wird auch gar nicht erklärt. So habe ich erst kurz vor dem Finale rausgefunden, dass ich meine Ausrüstung mit den Gaffarollen meiner Klone upgraden kann. Ein verbesserter, größerer Rucksack hätte mir früher im Spiel enorm geholfen. Oft war mir auch nicht klar, wo ich als nächstes hinmuss, wo ein wichtiger Gegenstand liegt. Die Gebiete sind zwar überschaubar, Jack bewegt sich allerdings so langsam, dass ich für ein paar Wegweiser dankbar gewesen wäre.

Hinzu kommt, dass die Mischung aus 2D-Figuren und 3D-Umgebung das Platforming unnötig erschwert. Es ist nicht immer so einfach, die Dimensionen abzuschätzen, weswegen Jack einige Male ungewollt in einen Abgrund oder einen verseuchten Fluss sprang. Auch das Ausweichen fieser Feinde wird dadurch unnötig schwer. Gerade, da Jack sich bei einem Treffer schon verabschiedet, wenn er nicht gerade einen Mülleimerdeckel zum Schutz trägt, kam das ein oder andere entnervte Schnaufen aus meinem Körper. Da hatte ich dann auch keine große Lust mehr, jeden Winkel nach den restlichen Klonen und Gegenständen abzusuchen. Die Rätsel, die damit in Verbindung standen, wiederholten sich nämlich auch recht fix. Schiebe eine Kiste hierhin, wirf einen Stein dort gegen die Wand, ziehe den Klon einfach aus einem Loch oder der Kloschüssel. Jacks Handlungsoptionen sind eben begrenzt und das fällt vor allem dann auf, wenn sich die Spielzeit durch die vielen versteckten Elemente so sehr zieht.

Am Ende steht ein Happy End

Es hat gute 20 Minuten gedauert, als ich das Spiel zum ersten Mal schloss und mich fragte, ob ich Mayhem in Single Valley wirklich durchspielen will. Gerade zu Beginn haben mich all diese kleinen Problemchen so genervt, dass ich keine Lust mehr auf das Spiel hatte. Und auch, wenn diese Schwierigkeiten nie ganz verschwanden, bin ich froh, dass ich mich durchgebissen habe. Wenn ich die ganzen Sammelstücke ignoriere und einfach der Story folge, sobald ich genervt bin, wechseln sich die neuen Umgebungen mit verrückten Ideen in ordentlicher Taktung ab. In der einen Sekunde schwebe ich auf Windböen über tiefe Abgründe, um kurz darauf einen verseuchten Löwen in einem Schlafzimmer zu bekämpfen, woraufhin ich mit einem Auto durch einen Tunnel voller Gefahren düse und sogar in eine Paralleldimension gezogen werde, aus der ich entkommen muss.

Jacks Reise wirkt wie ein großes Potpourri aller Abenteuerfilme, die es in den 80ern so gab. Das alles zu entdecken und sich überraschen zu lassen hat mich dafür belohnt, nicht zu früh das Handtuch zu werfen. Im Endeffekt musste ich selbst zu einem Kinderhelden der 80er Jahre werden, indem ich mich skurrilen Problemen gegenübersah, die ich eigentlich nicht haben sollte, deren Überwindung mich aber zu einem lohnenswerten Ende führt, nachdem ich nicht aufgab. So kann ich mich immerhin ein bisschen stolz fühlen und meinen Frieden mit Mayhem in Single Valley schließen, das voller kreativer Ideen steckt, bei dieser Menge aber nicht immer weiß, wie sie am besten umzusetzen sind.

6/10

Developer: Fluxscopic
Publisher: tinyBuild
Genre: Action-Adventure
Team: Brian Cullen (Lead Director, Writing), Tyler Kirkland (Game Design, Level Design), Tomas Kimsto (Art Design), Andrew Perrault, Brian Griffith (Programming)
Musik: Brian Cullen, Mark Shannelly
Veröffentlichung: 20. Mai 2021 (Steam, Epic Games Store, GOG)

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